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30 Jahre nach Toni Schumacher : „Anpfiff“ – und wie man sonst noch aus der Nationalmannschaft fliegt

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Aus der Onlineredaktion

Manchmal braucht es ein ganzes Buch, manchmal reicht ein einzelnes Wort. Die bekanntesten Fälle der DFB-Ungnade.

shz.de von
erstellt am 21.Feb.2017 | 18:14 Uhr

Frankfurt | Lothar Matthäus, Miroslav Klose, Franz Beckenbauer: Lange Karrieren haben beim DFB durchaus Tradition. Doch die deutsche Fußballer-Elite in den weißen Trikots sollte sich lieber nicht viel zu Schulden kommen lassen, sonst kann es trotz großer Verdienste ganz schnell vorbei sein mit WM und EM. Ist man beim Deutschen Fußballbund erst einmal zum Sünder geworden, ist die Tür meist fest verplombt.

Toni Schumachers Anpfiff

Toni Schumacher signiert sein Buch „Anpfiff - Enthüllungen über den deutschen Fußball“ für die Fans.
Toni Schumacher signiert sein Buch „Anpfiff - Enthüllungen über den deutschen Fußball“ für die Fans. Foto: Imago/Sven Simon

Vor genau 30 Jahren gab es einen der berühmtesten Fälle der Demission eines Stars. Harald „Toni“ Schumacher, seinerzeit einer der besten Torhüter der Welt, flog bei seinem Verein 1. FC Köln und der Nationalelf raus. Sein Buch „Anpfiff”, in dem er über massives Doping im Fußball berichtet und Mitspieler mitsamt ihrer Zocker-Runden anschwärzte, wurde für „Tünn“ zum abstiegsrelevanten Eigentor. Der Schreib-Sünder Schumacher war nicht mehr tragbar und wanderte ins Exil: Fortan fand er sich in der ersten türkischen Liga bei Fenerbahçe Istanbul wieder. Er nahm es gelassen: „Lieber ein Knick in der Laufbahn als im Rückgrat.“

 

Uli Steins Majestätsbeleidigung

<p>Beckernbauer und Stein vor dem Disput.</p>

Beckernbauer und Stein vor dem Disput.

Foto: imago/WEREK

Mit aufmüpfigen Torhütern hatte DFB-Teamchef Franz Beckenbauer in jenen Jahren so seine Probleme. HSV-Keeper Uli Stein glaubte vor der WM 1986, er sei deutlich besser als Toni Schumacher. Beckenbauer war da anderer Meinung, so dass dessen einstiger Teamkollege Stein bei dem Turnier in Mexiko zweite Wahl blieb. Stein betitelte Teamchef Franz Beckenbauer daraufhin als „Suppenkasper“. Das honorierte der „Kaiser“ mit einem Rückflugticket. Stein flog heim und wurde nie mehr eingeladen.

 

Stefan Effenbergs Stinkefinger

<p>Effenberg gegen Südkorea in Aktion.</p>

Effenberg gegen Südkorea in Aktion.

Foto: imago/Sven Simon

Der Stinkefinger, ein Bild des Jahres 1994. Nach einer mäßigen zweiten Halbzeit im WM-Vorrundenspiel gegen Südkorea (3:2) holte Stefan Effenberg ihn raus. Deutschland war amtierender Weltmeister und wollte es bleiben, doch die Fans pfiffen wie die Spatzen gegen ihren Lieblingsfeind. Enfant terrible Stefan Effenberg streckte ihnen den Mittelfinger entgegen, stellte die Geste später nochmal für die Kameras nach. DFB-Präsident Egidius Braun und Bundestrainer Berti Vogt sind sich einig: Effenberg hat der Klassenfahrt fernzubleiben. 1998 gibt „Effe“ ein peinliches Kurz-Comeback, danach sagt er nur noch ab. Mit welcher Geste, ist unbekannt.

 

Die Matthäus-Tagebücher

Matthäus mit dem UEFA-Cup 1996 in den Händen, ein weiterer internationaler Pokal blieb ihm in dem Jahr verwährt.
Matthäus mit dem UEFA-Cup 1996 in den Händen, ein weiterer internationaler Pokal blieb ihm in dem Jahr verwährt. Foto: Imago/Oliver Behrendt

Sogar der DFB-Ehrenspielführer und deutsche Rekordnationalspieler Lothar Matthäus flog einst bei der Nationalmannschaft raus – wenn auch nur für einige Zeit. Es war dennoch schmerzhaft: Den EM-Triumph 1996 verpasste er, weil er Berti Vogts' Lieblingsspieler Jürgen Klinsmann über seine in einem Boulevard-Blatt veröffentlichten „Tagebücher“ attackiert hatte. Auf ein Machtkampf-Theater hatte Vogts keinen Bock. Immerhin durfte Matthäus bei den nächsten beiden Großturnieren wieder mitmischen.

 

Mario Basler und die Vier-Augen-Erpressung

<p>Nur einer wollte reden.</p>

Nur einer wollte reden.

Foto: Imago/Claus Bergmann

Erich Ribbeck heißt der Bundestrainer, als sich der DFB und Mario Basler für immer trennen. Der Münchner, der 1999 im Champions-League-Finale treffen wird, ist in jenem Jahr bei der kriselnden Nationalmannschaft nicht mehr gefragt. Basler will das nicht hinnehmen und fordert öffentlich ein Vier-Augen-Gespräch mit Ribbeck. Der Bundestrainer erwidert, er lasse sich nicht auf diese Weise erpressen. Das Ende für den Eckkball-Virtuosen, der im DFB-Dress meist unter den Erwartungen blieb. Ende des skandalreichen Jahres 1999 wurde Basler nach einer Wirtshausrangelei vom FC Bayern München suspendiert.

 

Christian Wörns' Klinsi-Schelte

<p>Für Christian Wörns (unter Jürgen Klinsmanns Arm) gab es beim Sommermärchen keinen Platz.</p>

Für Christian Wörns (unter Jürgen Klinsmanns Arm) gab es beim Sommermärchen keinen Platz.

Foto: imago/ActionPictures

Der Dortmunder Innenverteidiger und Rot-Sünder vom WM-Viertelfinale 1998, Christian Wörns, wollte unbedingt Teis des Sommermärchens 2006 werden. Beim DFB war durchaus Not am Mann, doch Bundestrainer Jürgen Klinsmann dachte trotz der oft eklatanten Abwehrschwächen im WM-Jahr nicht daran, den früheren Mannheimer zu berücksichtigen. „Unehrlich und link“ lautet das Urteil des 33-Jährigen in Richtung des Entscheiders, der ihn nicht für Testspiele nominiert hatte. Damit war die Akte Wörns geschlossen.

 

Kevin Kuranyis Halbzeit-Reißaus

Kevin Kuranyi besorgte sein Ende in der Halbzeit.
Kevin Kuranyi besorgte sein Ende in der Halbzeit.

Bundestrainer Joachim Löw eilt die Forderung nach „allerhögschter Disziplin“ voraus. Am deutlichsten zu spüren bekam das im Oktober 2008 Kevin Kuranyi. Als der damalige Schalker beim WM-Qualifikationsspiel in Dortmund gegen Russland nur auf der Tribüne saß und zur Halbzeit ungenehmigt nach Hause fuhr, war Kuranyis DFB-Karriere beendet.

 

Kevin Großkreutz und die wilde Pokalnacht

<p>Kevin Großkreutz schießt gegen Argentinien. Seine Nichtnominierung hat wohl primär sportliche Gründe.</p>

Kevin Großkreutz schießt gegen Argentinien. Seine Nichtnominierung hat wohl primär sportliche Gründe.

Foto: imago/Joachim Sielski

Großkreutz und der Dönerwurf-Vorwurf: Vor der WM 2014 rüffelte der Bundestrainer den Dortmunder, nachdem er sich auf der DFB-Pokal-Feier des BVB daneben benommen hatte. Auf einen Ausschluss hatte Löw zwar verzichtet, nach dem WM-Titel in Brasilien aber spielte Großkreutz keine Rolle mehr. Auch der heutige Bremer Max Kruse wartet seit längerer Zeit auf eine Nominierung. Sanktionen bis zum Ausschluss Kruses aus dem DFB-Nationalteam wurden bei DFB seinerzeit nicht ausgeschlossen, nachdem die Boulevard-Zeitungen ihn für sich entdeckt hatten. Sportlich läuft es für den Reinbeker seit seiner Genesung von einer Verletzung wieder besser. Bei Werder Bremen ist er Leistungsträger – und Löw sucht einen spielerisch veranlagten Stürmer. Die beinahe zehn Jahre andauernde Nicht-Nominierung des Dortmunders Gonzalo Castro wirkt für viele ebenfalls wie ein Bann. Ein Konflikt mit Bundestrainer liegt dem jedoch nicht zu Grunde.

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