Wolfsburg-Sportchef im Interview : Jörg Schmadtke: "Frage mich, ob die DFB-Strukturen noch zeitgemäß sind"

Wolfsburgs Sportchef Jörg Schmadtke fordert Reformen beim DFB, vor allem im gesamten Nachwuchsbereich.
Wolfsburgs Sportchef Jörg Schmadtke fordert Reformen beim DFB, vor allem im gesamten Nachwuchsbereich. Foto: imago/regios24

Für Schmadtke ist die DFB-Struktur nicht mehr zeitgemäß. Der Sportchef des VfL Wolfsburg Reformen im Nachwuchsbereich.

shz.de von
22. August 2018, 15:53 Uhr

Wolfsburg | Jörg Schmadtke soll den Volkswagen-Club VfL Wolfsburg wieder in die Spitzengruppe der Fußball-Bundesliga führen - nach einer Stabilisierungsphase von "ein, zwei Jahren". Im Interview spricht der 54-Jährige über grundlegende Probleme im deutschen Fußball, übt Kritik an DFB-Chef Reinhard Grindel und stellt die DFB-Struktur infrage.

Wie wird sich das schlechte Abschneiden der Nationalmannschaft bei der WM Ihrer Meinung nach auf die Bundesliga auswirken? Sehen Sie grundlegende Probleme im deutschen Fußball?

Jörg Schmadtke: Die sehe ich schon. Ich glaube, dass wir derzeit in ein Ausbildungsproblem hinein laufen. Die Dinge, die man vor gut 15 Jahren, als es um den deutschen Fußball schlecht bestellt war, entwickelt hat, zum Beispiel Nachwuchsleistungszentren aufzubauen, waren richtig und wichtig. Aber heute sind die Konzepte nicht angepasst an die Entwicklungen. Das sollten wir möglichst rasch tun.

Was meinen Sie konkret?

Es geht um die Entwicklung bestimmter Spielerpositionen. Es geht um die Frage, wie weit die Betreuung von Spielern gehen soll oder ob die Clubs die Spieler nicht ab einem gewissen Punkt auch fordern, sich in ihrem Leben selbst zu orientieren. Es geht vor allem aber auch um Dinge auf dem Platz. Wie nehme ich Einfluss auf das Spiel? Immer nur als Gruppe oder müssen wir nicht vielleicht auch die Individualisten wieder stärker fördern? Nicht nur im Offensivbereich, sondern auch im Defensivbereich. Ich glaube nämlich, dass wir derzeit vor allem auch in der Ausbildung von Abwehrspielern ein Problem haben. Deutschland hat immer davon gelebt, dass wir extrem gute Defensivspieler hatten. Das geht derzeit etwas verloren.
 

War das deutsche WM-Vorrunden-Aus in der Hinsicht vielleicht sogar hilfreich? Jetzt dürfte klar sein, dass sich etwas ändern muss.

Man darf natürlich auch nicht so tun, als wäre alles schlecht in Deutschland. Im internationalen Wettbewerb hinken wir bei Vereinsmannschaften hinterher, das stimmt. Trotzdem waren wir 2014 Weltmeister und haben letztes Jahr mit einer jungen Mannschaft den Confed-Cup gewonnen. Einige Dinge werden da auch übertrieben. Aber es stimmt natürlich, dass man in der vermeintlichen Krise mehr Zuhörer findet. 2014 oder 2015 hätte man wahrscheinlich keine Diskussion über Nachwuchskonzepte führen können. Dieses Jahr hat es vor und während der WM Fehler gegeben, und die muss man analysieren.

Sehen Sie den DFB denn derzeit so aufgestellt, dass er diese Fehler abstellt und die Probleme meistert?

Von außen betrachtet kann man dahinter zumindest ein Fragezeichen setzen. Ich finde die Außendarstellung derzeit nicht ideal.

Also auch unabhängig vom Fall Özil?

Ich tue mich immer schwer mit diesen rückwärts gewandten Diskussionen. Es gibt immer mal Dinge, die eine Entwicklung nehmen, bei der man nicht mehr gewinnen kann, egal, was man macht. Klar kann man hinterher sagen, dass dieser Fall nicht gut bearbeitet worden ist. Ich glaube aber, dass wir ganz andere Diskussionen gehabt hätten, wäre vor der WM anders entschieden worden, und man wäre mit demselben Ergebnis nach Hause gefahren. Das hätte noch heftigere Diskussionen gegeben. Man muss grundsätzlich hinterfragen, ob die DFB-Struktur noch zeitgemäß ist. Das große Ganze hat sich verändert. Wir sind inzwischen sehr weit weg vom dem Ursprungsgedanken des Breitensports. Das ist ein Wirtschaftsunternehmen, was im übrigen auch für die Nationalmannschaft gilt. Ich glaube nicht, dass man das ehrenamtlich nach 18 Uhr mit zwei Stunden telefonieren regeln kann. Das ist ein Fulltime-Job.
 

Sie wünschen sich also eine bezahlte DFB-Führung?

Das müsste man ergebnisoffen diskutieren. Uli Hoeneß hat gefordert, die Nationalmannschaft aus dem Verband heraus zu ziehen und sich autark zu organisieren. Das kann eine Lösung sein. Genauso kann es eine Lösung sein, einen Aufsichtsrat zu installieren, der noch über den Landesfürsten sitzt und dabei den Elite-Fußball im Blick behält, ohne die Landesverbände klein zu machen.

Aber genau das ist doch in den vergangenen Jahren immer beklagt worden: Dass sich die Nationalmannschaft innerhalb des DFB verselbstständigt habe.

Aber wenn DFB-Präsident Reinhard Grindel moniert, er hätte sich während der WM mehr Input gewünscht, dann ist doch klar, dass etwas nicht stimmt. Man muss Führungsverantwortung auch wahrnehmen, muss Dinge klar einfordern. Warum das nicht geschehen ist, weiß ich nicht.

Beziehen Sie die Problematik auf die Person Grindel oder auf die Struktur des DFB?

Strukturen werden immer gelebt von Einzelpersonen, aber hier geht es um Strukturen.

Wird die Entfremdung der Basis vom Profifußball durch das WM-Debakel und das Verhalten des DFB weiter zunehmen?

Die sogenannten Traditionalisten werden noch einmal deutlich Rückenwind bekommen. Sicherlich wird das schlechte Abschneiden bei der WM noch einiges nach sich ziehen. Aber wir müssen uns auch über den Spagat klar werden. Wollen wir einerseits immer mehr Wirtschaftlichkeit erlangen und brauchen mehr Kommerz, um im internationalen Wettbewerb standzuhalten? Oder wollen wir der sogenannten Kurve gerecht werden? Irgendwann müssen wir uns da auch mal entscheiden.

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