Der große Teamcheck : WM-Halbfinale: Was für England spricht – und was für Kroatien

Luka Modric (l.) mit Kroatien oder Harry Kane mit England - wer zieht ins WM-Finale ein. Foto: imago/gs
Luka Modric (l.) mit Kroatien oder Harry Kane mit England - wer zieht ins WM-Finale ein. Foto: imago/gs

England und Kroatien spielen am Mittwoch um den Einzug ins WM-Finale. Wo liegen die Stärken der beiden Mannschaften?

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11. Juli 2018, 10:26 Uhr

Moskau | England oder Kroatien? Wer folgt Frankreich/Belgien nach dem zweiten Halbfinale am Mittwochabend in Moskau (Anstoß 20 Uhr, hier bei uns im Live-Ticker) ins WM-Finale? Bei beiden Mannschaften herrscht große Euphorie, die von der jeweiligen Stimmung im eigenen Land befeuert wird. Unsere Redaktion hat jeweils vier Gründe zusammengestellt, warum England beziehungsweise Kroatien das Finale erreicht.

Vier Gründe, warum England das WM-Finale erreicht:

Standardstärke: Wie gut ist diese englische Mannschaft doch bei Standardsituationen! Acht (!) der elf Tore im bisherigen Turnierverlauf erzielten die Engländer nach ruhenden Bällen - macht einen Anteil von 73 Prozent. Die akribische Arbeit von Nationaltrainer Gareth Southgate führte sogar dazu, dass England im Achtelfinale gegen Kolumbien zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft ein Elfmeterschießen gewann.

Standards seien die Schlüssel bei den vergangenen, so enttäuschend verlaufenen Turnieren gewesen, hatte Southgate vor der WM ernüchtert festgestellt. In der Tat: Das letzte Mal hatte England bei der WM 2010 nach einer Standardsituation einen Treffer erzielt, alleine bei der EM 2016 versandeten 33 Eckbälle im Nirgendwo. In Vorbereitung auf die WM ließ sich Southgate daher von Sportarten wie American Football und Basketball inspirieren. Er hospitierte sogar beim NFL-Club Seattle Seahawks um herauszufinden, wie sich in engen Situationen Räumen schaffen lassen, wie Gegenspieler geblockt und kluge Laufwege entwickelt werden können.

Die ausgewiesene Stärke bei Standardsituationen darf durchaus als Waffe im englischen Spiel bezeichnet werden. Ob die Kroaten passende Mittel dagegen besitzen? Vermutlich nicht. Drei ihrer bislang vier Gegentore kassierten die Kroaten nach Standards ...

Southgate, Klopp, Pochettino, Guardiola, Conte: Gareth Southgate ist sich nicht zu schade, Ideen und Spielweisen anderer Top-Trainer für seine Mannschaft zu adaptieren. Die Spielweise der Engländer enthält Elemente aus Jürgen Klopps Umschaltspiel beim FC Liverpool, dem Pressing der von Mauricio Pochettino trainierten Tottenham Hotspurs, dem ballbesitzorientierten Fußball von Pep Guardiola bei Manchester City und den italienischen Defensivkomponenten des von Antonio Conte trainierten FC Chelsea.

Natürlich würde er sich Dinge bei anderen Trainern abschauen, verriet Southgate nach dem Viertelfinalsieg über die Schweden. "Ich wäre dumm, wenn ich nicht analysieren würde, wie sie spielen."

Der Spielstil der Engländer ist also ein Potpourri aus den Ideen, Ansätzen und taktischen Entwicklungen der besten Trainer der Welt - zusammengefügt wie ein hochkomplexes Puzzle durch Gareth Southgate, der auf dem Weg ist, selbst ein Weltklassetrainer zu werden.

England! hat! einen! starken! Torwart! David Seaman, David James, Joe Hart ... die Liste der englischen Nationaltorhüter mit flattterhaften Leistungen ist lange. Seaman, in den 90er Jahren immerhin 75 mal für die Engländer im Einsatz, ist mehr durch seinen Schnauzbart und seinen Pferdeschwanz in Erinnerung geblieben, als durch bemerkenswerte Torhüterleistungen. Auch David James (53 Länderspiele, Spitzname: Calamity James, zu deutsch: unheilbringender James) oder Joe Hart (75 Länderspiele) befeuerten die Legende von der Unfähigkeit englischer Torhüter.

Nun steht mit Jordan Pickford ein Mann zwischen den Pfosten, der Qualität, Ruhe und Souveränität ausstrahlt, und der spielentscheidend ist - im Vergleich zu seinen Vorgängern im positiven Sinn. Nach seinen entscheidenden Paraden im Achtelfinal-Elfmeterschießen gegen Kolumbien wurde der Mann vom FC Everton nach dem Viertelfinale gegen Schweden offiziell zum "Man of the match" gekürt. Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt ...



It's coming home: Nach dem erstmaligen Einzug in ein WM-Halbfinale seit 28 Jahren bricht auf den heimischen Straße die Freude über das starke Abschneiden der "Three Lions" auf unterschiedlichste Weise Bahn ...


Das gesamte Königreich ist verzückt ob der Darbietungen der Mannschaft, der EM-Hit aus dem Jahr 1996 "Three Lions - Football's coming home" von den Lightning Seeds wird hoch und runter gespielt. Boulevardzeitungen wie "The Sun" titeln voller Extase: „Unsere Zeit ist gekommen. Alles deutet darauf hin, dass wir am 15. Juli den Pokal hoch heben dürfen."

Die Mannschaft vernimmt die Begeisterung in der Heimat durchaus - und zieht sich daraus Kraft: „Wir spüren die Euphorie in der Heimat, sie gibt uns viel Energie“, sagt Kapitän Harry Kane.

In den sozialen Netzwerken spielt "It's coming home" auch eine große Rolle.

Vier Gründe, warum Kroatien das WM-Finale erreicht:

Die Gefahr lauert überall: Kroatien hat bislang in fünf WM-Spielen (davon zwei über 120 Minuten) zehn Tore erzielt. Das ist kein überragender Wert, auch wenn die Mannschaft von Trainer Zlatko Dalic erst vier Treffer kassierte. Erstaunlich ist, dass sich die zehn Tore auf acht Torschützen verteilen. Einzig Luka Modric traf bislang doppelt, davon ein Elfmeter. Die Kroaten haben also keinen klassischen Knipser im Angriff, dafür ordnen sich Angreifer wie WM-Entdeckung Ante Rebic von Eintracht Frankfurt und Haudegen Mario Mandzukic (Juventus Turin) dem Kollektiv unter und leisten bereits in vorderster Angriffslinie erste Defensivarbeit.

Darum ist es auch ein Vorteil, dass die Kroaten nach ihren beiden Siegen im Elfmeterschießen gegen Dänemark und Russland - in beiden Spielen waren sie die Favoriten gewesen - im Spiel gegen England eher als Außenseiter ins Spiel gehen, so weit in einem WM-Halbfinale überhaupt davon die Rede sein kann.

Achse Rakitic-Modric: Über die beiden Mittelfeldstrategen ist bereits viel erzählt und geschrieben worden. Für Kroatiens Nationaltrainer Zlatko Dalic ist klar: "Die beiden sind für mich die besten Mittelfeldspieler bei dieser Weltmeisterschaft." Besonders bei Rakitic gerät Dalic ins Schwärmen: "Rakitic spielt nicht einfach nur gut, er zeigt auch großes Selbstvertrauen. Das hat er bei den entscheidenden Elfmetern im Achtel- und im Viertelfinale bewiesen. Er spielt den besten Fußball seiner Karriere."

Die beiden Stars vom FC Barcelona (Rakitic) und Real Madrid (Modric) sind der Motor im kroatischen Spiel. Ein Angriff der Kroaten läuft normalerweise so: Abwehrspieler passt zu Rakitic, der sucht Modric und dieser setzt einen Angreifer in Szene. Einerseits wirkt das kroatische Spiel durch diese Eindimensionalität bisweilen etwas durchschaubar, auf Grund der immensen Qualität der Spieler lassen sich beide eigentlich nie ganz ausschalten - zudem können andere Spieler im Schatten des Duos eine entscheidende Rolle einnehmen.

Multi-Kulti und Nervenstärke: Gerade einmal zwei Spieler aus dem 23-Mann-Kader der Kroaten spielen in der Heimat. Alle anderen sind in europäischen Topligen verstreut: England, Spanien, Italien, Deutschland - die Spieler sind es gewöhnt, sich mit den Besten zu messen. Und sie sind eine verschworene Einheit. Ego-Spielchen wie beispielsweise beim Brasilianer Neymar sieht man bei den Kroaten nicht. „Für jeden von uns ist die WM das Allergrößte, wir wollen jede Minute genießen", gab Ivan Rakitic nach dem Sieg gegen Russland glaubwürdig zu Protokoll. An Leidenschaft fehlt den erfahrenen Kroaten - Torhüter Subasic ist 33, Mandzukic und Modric sind 32, Rakitic 30 - nicht, ebenso wenig an Nervenstärke: In einem Turnier zwei Spiele nach Elfmeterschießen zu gewinnen, das gelang zuletzt den Argentiniern bei der WM 1990. Die Südamerikaner schafften es damals bis ins Finale.


Die 98er-Generation vergessen machen. Was Davor Suker, Robert Jarni, Zvonimir Boban und Co. 1998 für ihr kleines Land erreichten, nämlich Platz 3 bei der WM in Frankreich, nur wenige Jahre nach dem Balkankrieg und der folgenden Unabhängigkeit Kroatiens, ist Teil der Geschichte des Landes. "Diese Spieler sind mehr als nur Helden", sagt Rakitic ehrfürchtig. Dennoch: Persönlicher Antrieb und Ehrgeiz dürften dafür sorgen, dass die kroatische Mannschaft unbedingt aus dem Schatten der 98er-Generation treten will. „Die Spieler wissen genau, dass es für diese Generation die letzte Chance ist. Sie werden auch in den nächsten Spielen alles aus sich herausholen", sagt Co-Trainer Ivica Olic. Die Engländer sollten gewarnt sein - genau so, wie der nächste Gegner, egal, ob im Spiel um Platz 3 oder im Finale.

Fazit:

Die Mehrheit der Fans und Experten dürfte den Engländern größere Chancen auf den Finaleinzug zuschreiben als den Kroaten. Sehen Sie das genau so? Machen Sie mit bei unserer Abstimmung:



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