Kommentar : Analyse: Neun Gründe für Deutschlands WM-Aus

<p>Vieles wird jetzt auf Mesut Özil reduziert, dabei gibt es zahlreiche weitere Faktoren, die zum vorzeitigen WM-Aus führten.</p>

Vieles wird jetzt auf Mesut Özil reduziert, dabei gibt es zahlreiche weitere Faktoren, die zum vorzeitigen WM-Aus führten.

Die Frage nach den Gründen für das WM-Aus der DFB-Elf bleibt heiß diskutiert. Neun Antworten von Redakteur Tobias Bosse.

shz.de von
28. Juni 2018, 14:29 Uhr

Hamburg | Vorrundenaus – unfassbar, unglaublich, unbegreiflich! Es hängen riesige Fragezeichen über den Köpfen der Nationalspieler, als Schiedsrichter Mark Geiger aus den USA das Spiel gegen Südkorea und somit auch die Weltmeisterschaft in Russland für die deutsche Nationalmannschaft abpfeift. Dabei ist dieses historisch schlechte Abschneiden des Löw-Ensembles durchaus erklärbar.

Es gibt nicht den einen Grund, auf den nun gerne alle mit dem Finger zeigen wollen – das wäre zu einfach und der Situation nicht angemessen. Hingegen gibt es gleich neun Faktoren, die im Gegensatz zur deutschen Mannschaft hervorragend harmonierten und so für das vollkommen verdiente WM-Fiasko von Hummels, Khedira und Co. sorgten.

Grüppchenbildung

Als sich Bundestrainer Joachim Löw im vergangenen Sommer beim Confed-Cup dazu entschied, dem deutschen Nachwuchs eine Chance auf der Weltbühne des Fußballs zu geben und die Weltmeister von 2014 größtenteils zuhause zu lassen, war das der Anfang eines weichen Umbruchs in der Nationalmannschaft.

Doch die vermeintlichen Perspektivspieler wie Julian Draxler, Leon Goretzka, Joshua Kimmich und Timo Werner waren auf Vereinsebene längst mehr als nur "junges Gemüse", sie waren Leistungsträger. Zusätzlich könnte ihr Sieg beim Confed-Cup einige dieser Spieler zu dem Gedanken gebracht haben, dass es Zeit für eine Wachablösung in der Nationalmannschaft sei – und zwar lieber heute als morgen.

13 der Confed-Cup-Gewinner trafen im aktuellen WM-Kader auf neun Weltmeister von 2014. Und auch wenn die Spieler immer wieder verneinten, dass es mannschaftsintern Probleme gäbe, war der Eindruck auf dem Platz ein anderer. Da passte es auch ins Bild, dass Ex-Moderator Waldemar Hartmann unter Berufung auf einen aktuellen Nationalspieler sagte: "Es brodelt ordentlich in der Mannschaft."

Das Özil-Gündogan-Dilemma

Das Foto von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zog eine Debatte nach sich, die das sportliche Geschehen ins Abseits rückte. In der öffentlichen Diskussion mutierte das Foto zu einer Staatsaffäre, in dessen Verlauf beiden Nationalspieler mehr und mehr anzumerken war, dass sie damit nicht so lapidar umzugehen vermögen, wie es der DFB tat.

Mesut Özil war auf dem Platz ein Schatten seiner selbst. Ja, der Mittelfeldspieler ist immer introvertiert in seiner Spielweise, aber so verunsichert hat man den Arsenal-Spieler selten gesehen. Gleiches gilt für Gündogan, der eine großartige Saison bei Manchester City spielte. Für Joachim Löw stellte er im Turnier hingegen keine ernsthafte Option dar, weil er im wahrsten Sinne das Fußballspielen verlernt zu haben schien.

Das Bayern-Trauma

Viele wollen es vielleicht nicht hören, aber das Wohl und Weh der deutschen Nationalmannschaft hängt essentiell von der Form der Bayern-Spieler ab. Mit Neuer, Boateng, Hummels, Kimmich und Müller stellt der Rekordmeister die Achse von Joachim Löws Kader dar. Wenn sie nicht in Topform sind, sind die Auswirkungen weitreichend.

Und das waren sie nicht, insbesondere im mentalen Bereich. Die beiden unglücklichen Niederlagen gegen Real Madrid, die zum Ausscheiden in der Champions League führten, wurden noch durch die Final-Niederlage im DFB-Pokal gegen Eintracht Frankfurt getoppt. Offensichtlich schleppten sie alle etwas davon mit zur WM nach Russland.

Keine offensive Durchschlagskraft

Bislang wurde viel über die miserable Defensivleistung der Deutschen bei der WM gesprochen und das auch zurecht. Aber auch über die (nicht vorhandene) Offensive gäbe es das ein oder andere Wort zu verlieren. Denn der Handlungsspielraum, den sich Joachim Löw selbst gab, war äußerst begrenzt. Lediglich zwei WM-Tore in drei Spielen sind erbärmlich, vor allem wenn die Gegner Südkorea, Schweden und Mexiko heißen – bei allem nötigen Respekt. 

Timo Werner war "die ärmste Sau" auf dem Platz und auf verlorenem Posten im Sturmzentrum. Gefährlich wurde der RB-Star nur, wenn er über den Flügel kam. Einzige Alternative für die "Neun" war Mario Gomez, der gewohnt unglücklich agierte. Denn mit Nils Petersen, Sandro Wagner und Leroy Sané schauten drei der torgefährlichsten Deutschen nur vom Sofa aus zu – Rückblickend war ihre Nichtnominierung eine grobe Fehleinschätzung der Situation.

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Blinder Optimismus

Die Vorzeichen standen bereits seit Monaten nicht gut für die deutsche Nationalmannschaft. Spielerisch machten Jogis Jungs das letzte überzeugende Spiel im Herbst des vergangenen Jahres. Seither erzielten sie pro Spiel weniger als ein Tor, kassierten aber immer mindestens eins.

Die letzten beiden Schüsse vor den Bug – Testspiele gegen Österreich und Saudi-Arabien – wurden mit dem Hinweis auf die traditionelle Turnierstärke der deutschen Nationalmannschaft wegdiskutiert, anstatt säuberlich aufgearbeitet. Das hat zu einer gewissen Selbstherrlichkeit, ja vielleicht sogar Arroganz geführt. Anders sind die anhaltenden Fehler in der Rückwärtsbewegung sowie die fehlende Torgefahr bei der WM nicht zu erklären.

Das falsche System

Eine der Erkenntnisse dieser vermiedenen Analyse hätte sein müssen, dass die deutsche Nationalmannschaft mit dem von Löw favorisiertem 4-2-3-1 System weder die nötige Stabilität in der Defensive aufweist, noch genügend offensive Gefahr ausstrahlt.

Mit dem vorhandenen Personal wäre ein 5-3-2 System die erfolgsversprechendere Alternative gewesen: Eine Dreierkette, die für mehr Stabilität im Zentrum sorgt und zwei Stürmer, die gemeinsam mal in der Lage gewesen wären, einen Ball festzumachen. So dass die Mannschaft den Gegner wie gewohnt am eigenen Sechzehner einschnürt und das Tor dadurch erzwingt.

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Schlechtes Ingame-Coaching

Eine Neuerung der WM in Russland war, dass Mitglieder des Trainerstabs das Spielgeschehen von der Tribüne aus beobachten und per Headset mit der Trainerbank am Spielfeld kommunizieren dürfen. Im amerikanischen Profisport ist dies längst Gang und Gäbe. Es ermöglicht dem Trainerteam eine neue Perspektive, bei der Fehler in der Struktur potenziell eher auffallen.

Allerdings muss man diese auch deuten können. Ob es nun am Gespann Sorg-Schneider, die für die Kommunikation der Erkenntnisse aus der Adler-Perspektive verantwortlich waren, lag oder an Joachim Löw selbst, kann nur schwer beurteilt werden. Klar ist aber, dass trotz massenhaftem Fehlverhalten während aller WM-Spiele kaum ein aktives Eingreifen des Trainerstabs stattfand. Es ist die Aufgabe eines Trainers, Fehler zu erkennen, anzusprechen und abzuschalten, das hat in Russland bestenfalls mangelhaft stattgefunden.

Leistungsträger platt oder satt

Guckt man sich die haarsträubenden Leistungen von Thomas Müller, Sami Khedira, Toni Kroos und Joshua Kimmich bei der Weltmeisterschaft an, ist man geneigt zunächst mit den Schultern zu zucken. Denn auch wenn es mannschaftsintern nicht passte, haben diese Spieler immer noch wahnsinnig große individuelle Qualitäten – Kroos ließ diese gegen Schweden wenigstens einmal aufblitzen.

Allerdings spielte beispielsweise der junge Kimmich seit seiner "Entdeckung" 2015 so gut wie jede Spielminute für die Bayern sowie für die Nationalmannschaft. Für Müller gilt Ähnliches, allerdings zieht er dieses Pensum bereits seit der WM 2010 durch. Beide hatten in dieser Zeit so gut wie kein Leistungsloch – bis jetzt.

Dieser Punkt spielt sicher auch bei den zentralen Spielern Kroos und Khedira eine Rolle. Hinzu kommt hier aber noch der Eindruck eines gewissen Sättigungseffekts. Beide haben bereits so gut wie alles in ihrer Karriere gewonnen und wirken schlicht nicht mehr so hungrig, wie sie sein müssten. Auf jeden Fall nicht, wenn Bastian Schweinsteiger der Maßstab ist, der allein in der Verlängerung des Finales mehr Einsatzbereitschaft zeigte als die beiden angesprochenen – eine Narbe unter seinem Auge zeugt noch heute davon.

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Kein Teamspirit

All diese Punkte münden in der alles entscheidenden Erkenntnis, dass der maßgeblichste Grund für den Titelgewinn von 2014 sowie die größte Stärke der Nationalmannschaft irgendwo auf dem Weg nach Russland verloren ging. "Die Mannschaft", wie sie sich selbst nannte, existiert nicht mehr. Sie ist Geschichte. Genauso wie die WM 2018 inzwischen Geschichte für Deutschland ist. Kein Zusammenhalt, keine Kameradschaft, kein Laufen für den Nebenmann. Einfach keine Mannschaft mehr!

Diese Zeilen mögen hart klingen, aber sie sind ehrlich und nichts anderes hilft dem Deutschen Fußball Bund nun, wenn es in die Analyse geht. Es geht nicht um Aktionismus oder darum, Köpfe rollen zu sehen. Aber es muss alles schonungslos und dennoch sachlich hinterfragt werden, wenn man sich zukünftig wieder länger bei großen Turnieren aufhalten will als nur zwei Wochen.

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