„Rote Teufel“ sind Außenseiter : Belgien gegen Brasilien: Eine Personalie ist entscheidend

Den bislang größten internationalen Erfolg feierte die belgische Nationalmannschaft mit Platz 4 bei der WM 1986 in Mexiko.
Den bislang größten internationalen Erfolg feierte die belgische Nationalmannschaft mit Platz 4 bei der WM 1986 in Mexiko.

Belgien fordert im WM-Viertelfinale den Titelfavoriten Brasilien. Wie groß sind die Chancen des Außenseiters?

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06. Juli 2018, 11:45 Uhr

Kasan | Das kleine Belgien fordert am Freitagabend im WM-Viertelfinale den fünffachen Weltmeister Brasilien (20 Uhr in Kasan). Ein Duell David gegen Goliath? Mitnichten. Die Mannschaft um die Superstars Romelu Lukaku, Eden Hazard und Kevin de Bruyne hat im bisherigen Turnierverlauf mit am meisten überzeugt – viele Fans sehen die „Roten Teufel“ im Duell mit dem fünffachen Weltmeister sogar in der Favoritenrolle. „Alles ist möglich, ein Ausscheiden gegen Brasilien genauso wie der Titelgewinn. Das Viertelfinale gegen die Seleção wird sicherlich ein Spiel auf Augenhöhe, bei dem Kleinigkeiten entscheiden“, sagt Christian Schwarz, Belgien-Experte bei transfermarkt.de.

Der bisherige Turnierverlauf:

Belgien marschierte souverän mit drei Siegen durch die Gruppe G. Nach den deutlichen Siegen gegen Panama (3:0 und Tunesien (5:2) wurde im dritten Spiel auch England (1:0) besiegt. „Im Großen und Ganzen hat die Mannschaft überzeugt“, erklärt Christian Schwarz. „Gegen ganz tief stehende Panamaer war man geduldig, gegen Tunesien hat man einen Gala-Auftritt gezeigt und das England-Spiel ist aufgrund der vielen eingesetzten Ersatzspieler kaum zu bewerten.“

Im Achtelfinale gegen Japan standen die Belgier kurz vor dem K.O., lagen nach knapp 70 Minuten schon mit 0:2 hinten. In einer dramatischen Schlussphase drehte der Favorit jedoch das Spiel, mit dem Treffer zum 3:2 durch Nacer Chadli als dramatischem Höhepunkt. Experte Schwarz glaubt, dass der Mannschaft eine solche Aufholjagd noch vor zwei Jahren nicht gelungen wäre: „Dass man sich im Achtelfinale gegen Japan so schwer tat, lag einfach auch an deren guter Leistung. Insgesamt war das Spiel von Belgien auch nicht so schlecht, vor allem die Reaktion nach dem 0:2 macht Mut. In der Vergangenheit wären da die Köpfe wohl schnell nach unten gegangen.“ Noch vor zwei Jahren scheiterte die als Geheimfavorit gehandelte Mannschaft bei der EM in Frankreich völlig überraschend im Viertelfinale an Außenseiter Wales (1:3).

Die Schlüsselspieler:

Eden Hazard gilt als der Star unter den Stars bei den Belgiern: Der Tempodribbler vom FC Chelsea stürmt über den linken Flügel und hat bei dieser WM bereits zwei Tore erzielt und drei weitere vorbereitet. Als Kapitän ist der 27-Jährige auch Führungsfigur des Mitfavoriten. Was die Martínez-Elf allerdings für jeden Gegner gefährlich macht, ist ihre große Variabilität: „Es ist schwer, einen Spieler herauszuheben: Hazard, De Bruyne, Courtois, Lukaku sind im Prinzip alle für sich genommen Schlüsselspieler. Jeder von ihnen kann ein Spiel entscheiden“, erklärt Schwarz.

Der Trainer:

Der Spanier Roberto Martínez hat mit den Belgiern in zwei Jahren erst ein Spiel verloren. Der langjährige Trainer in der Premier League ordnete bei den Roten Teufeln Taktik und Hierarchie neu an. Martínez wird intern geschätzt und fordert aktiv den Dialog von seinen Schützlingen ein.

Die Stärken:

Die Offensive. Zwölf Tore und damit mehr als jedes andere Team hat Belgien bei dieser WM bisher erzielt. Mit den schnellen Flügeln Hazard und Dries Mertens, Spielmacher De Bruyne und dem eiskalten Torjäger Romelu Lukaku ist Belgiens Angriff unberechenbar.

Die Schwächen:

Die Stabilität. Beim packenden 3:2 über Japan zeigte sich die Anfälligkeit des Teams. Die Abwehrspieler Kompany und Vermaelen waren lange verletzt, die Außenspieler Carrasco und Meunier sehen in der Rückwärtsbewegung oft behäbig aus. „Die Verteidiger sind nicht gerade die Schnellsten, viel wird von den Außen Meunier und aller Voraussicht nach Chadli abhängen“, so Schwarz. Dass der Trainer gegen Brasilien in die Taktik-Trickkiste greifen könnte, hält er für unwahrscheinlich: „Es wurde zwar spekuliert, dass Martinez auf Viererkette umstellt, aber daran glaube ich nicht. Das aktuelle System hat er bei seiner Unterschrift mitgebracht und bisher auch immer praktiziert.“

Fest steht: Soll es gegen Brasilien klappen, muss vor allem defensiv eine deutliche Steigerung her. Dabei ist für Christian Schwarz eine Personalie entscheidend: „Am Wichtigsten ist sicherlich, dass Abwehrchef Kompany fit bleibt. Er ist das Herzstück der Defensive und nicht zu ersetzen.“

Vincent Kompany (l.) spielt bei Manchester City. 2007 stand der Abwehrspieler für eine Saison beim Hamburger SV unter Vertrag. Foto: dpa
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Vincent Kompany (l.) spielt bei Manchester City. 2007 stand der Abwehrspieler für eine Saison beim Hamburger SV unter Vertrag. Foto: dpa

Die WM-Historie:

Für Belgien ist es das dritte Viertelfinale in seiner WM-Geschichte. 1986 zogen Jean-Marie Pfaff, Eric Gerets und Co. im Elfmeterschießen gegen Spanien ins Halbfinale ein und sorgten mit Rang vier für Belgiens bisher bestes Ergebnis. Vor vier Jahren unterlagen die „Roten Teufel“ bei der WM in Brasilien Argentinien mit 0:1.

Die Expertenmeinung:

„Das Viertelfinale gegen Brasilien wird sicherlich ein Spiel auf Augenhöhe, bei dem Kleinigkeiten entscheiden. Danach würde man eventuell auf Frankreich treffen, also ein direktes Nachbarschaftsduell. Wenn man die positive Stimmung nach dem Last-Minute-Sieg gegen Japan mitnimmt und die Defensive sich stabilisiert, ist mit Belgien als Titelkandidat weiterhin zu rechnen“, glaubt Christian Schwarz.

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