Der große Teamcheck : WM-Halbfinale: Was für Frankreich spricht – und was für Belgien

Kylian Mbappé (l., Frankreich) und Kevin de Bruyne (Belgien) gehören zu den Superstars ihrer Teams. Foto: imago/gs
Kylian Mbappé (l., Frankreich) und Kevin de Bruyne (Belgien) gehören zu den Superstars ihrer Teams. Foto: imago/gs

Frankreich und Belgien spielen am Dienstag um den Einzug ins WM-Finale. Wo liegen die Stärken der beiden Mannschaften?

shz.de von
10. Juli 2018, 10:35 Uhr

St. Petersburg | Frankreich oder Belgien - eine dieser beiden Nationalmannschaften wird nach dem direkten Aufeinandertreffen im Halbfinale am Dienstag (20 Uhr in St. Petersburg) ins Finale der WM in Russland einziehen und am kommenden Sonntag in Moskau nach dem größten Titel im Weltfußball greifen. Auf Grund der Historie gehen die Franzosen möglicherweise favorisiert ins Spiel, Belgien ist allerdings längst kein Geheimfavorit mehr - das Duell der Nachbarländer wird mit Spannung erwartet. Unsere Redaktion hat jeweils vier Gründe zusammengestellt, warum Frankreich beziehungsweise Belgien das Finale erreicht.

Vier Gründe, warum Frankreich das WM-Finale erreicht:

Qualität bis zum Abwinken: Der hier zu sehende französische Kader hätte vor der WM gut und gerne zum erweiterten Favoritenkreis gezählt werden können:



Problem: Bei diesem Top-Team handelt es sich um elf Spieler, die NICHT von Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps für die WM nominiert wurden. Stattdessen fuhren 23 andere Superstars nach Russland.

Kaum eine andere Fußballnation verfügt über eine solch große Auswahl an herausragenden Fußballern wie die Franzosen. Verständlich daher, dass die „Equipe tricolore“ bereits vor Turnierbeginn zu den Topfavoriten zählte. Trainer Deschamps hat das Luxusproblem, aus dem exquisiten Kader stets die besten Elf aussuchen zu dürfen.

Der belgische Kader ist in der Spitze nicht minder hochwertig, in der Breite verfügen die Franzosen jedoch über mehr Qualität. Vergleicht man die beiden Gesamtmarktwerte der Kader bei transfermarkt.de, knackt Frankreich die Millardengrenze: 1,08 Milliarden Euro sind die 23 Spieler insgesamt wert. Belgien kommt "lediglich" auf 754 Millionen Euro.

N’Golo Kanté: Kylian Mbappé sprintet mit Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 38 km/h übers Feld, Antoine Griezmann versenkt die Bälle kunstvoll im gegnerischen Tor – aber N’Golo Kanté ist zugleich Herz und Seele der französischen Nationalmannschaft. Kaum ein defensiver Mittelfeldspieler verfügt gleichermaßen über so hohe Qualitäten bei der Balleroberung wie bei der Spieleröffnung. Zudem hat Kanté, der 2016 mit Leicester City englischer Meister wurde und seither für den FC Chelsea spielt, einen enormen Aktionsradius auf dem Feld. Der englische Ex-Nationalspieler Gary Lineker sagte über den 27-Jährigen einmal: „Die Erde ist zu 71 Prozent von Wasser bedeckt, die restlichen 29 Prozent von N’Golo Kanté.“

Meistens kommt der 1,68 Meter „kleine“ Fußballer in der öffentlichen Betrachtung zu kurz, dabei hat Gary Lineker für ihn sogar noch ein zweites Kompliment parat. Für ihn ist Kanté so gut und omnipräsent, dass er beim Auftaktspiel der Franzosen gegen Australien sogar zwei Kantés auf dem Spielfeld gesehen haben will:


Gegen Brasilien profitierten die Belgier vom Ausfall des gelbgesperrten Mittelfeldabräumers Casemiro. Frankreichs Pendant zu Casemiro, N'Golo Kanté, ist aber mit von der Partie. Keine gute Nachricht für die Belgier.

Der Spruch mit dem Pferd: Sieht man vom spektakulären 4:3 im Achtelfinale gegen Argentinien ab, verzücken die Leistungen der Franzosen im bisherigen Turnierverlauf kaum. "Les bleus" agieren im klassischen 4-4-2 und wechseln bei Ballbesitz ins 4-3-3. Der Schwerpunkt des Spiels liegt auf Ballkontrolle und defensiver Stabilität. Immerhin besteht die komplette Viererkette mit Lucas Hernandez, Samuel Umtiti, Raphael Varane und Benjamin Pavard aus ausgebildeten Innenverteidigern.

Trainer Didier Deschamps lässt wenig risikoreich spielen und legt den Fokus darauf, nicht in Rückstand zu geraten. Durch die immense Offensivpower mit Kylian Mbappé und Antoine Griezmann ist Frankreich immer für ein Tor gut, auch bei Standards ist die Mannschaft gefährlich - wie zuletzt der Kopfballtreffer von Varane im Viertelfinale gegen Uruguay nach einem Freistoß zeigte. Spielfreude kommt meistens zu kurz, doch die Ergebnisse passen.

Bei den Franzosen ist man dazu geneigt, den alten Spruch "Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss" anzuwenden. Einen Kraftakt, wie ihn sich die Belgier im Achtelfinale gegen Japan antun mussten (3:2 nach 0:2-Rückstand bis zur 70 Minute) hat sich Frankreich bislang erspart - und ist stattdessen überwiegend sachlich und nüchtern bis ins Halbfinale vorgestoßen. Belgien wird den Weltmeister von 1998 vermutlich fordern wie bislang kein anderes Team - Frankreich wird sich der Situation aber anpassen können, man wächst schließlich mit seinen Aufgaben.

Offensivpower schlägt Defensivswackler: Beide Mannschaften verfügen über fantastische Offensivreihen. Die Belgier ballerten sich im bisherigen Turnierverlauf sogar zur torgefährlichsten Mannschaft (14 Treffer). Frankreich wiederum setzte seine Qualitäten im Spiel nach vorne bislang nur dosiert ein, dafür scheint die Balance in der Mannschaft zu stimmen. Belgiens Offensivwucht mit Romelu Lukaku, Kevin de Bruyne und Eden Hazard verdeckt dagegen die Schwächen, die die Mannschaft in der Rückwärtsbewegung hat. Alleine im Viertelfinale ließen die Belgier ihre brasilianischen Gegner 28 Mal aufs Tor schießen - 16 Mal davon innerhalb des Strafraums. Dem Unvermögen der Südamerikaner und der großartigen Leistung ihres Torhüters Thibaut Courtois hatten es die "Roten Teufel" zu verdanken, dass die Brasilianer nicht mehr als den einen Treffer erzielten. Frankreich wird diese Schwächen besser zu nutzen wissen - und sich gleichzeitig in der Defensive nicht von den Belgiern überraschen lassen.

Vier Gründe, warum Belgien das Finale erreicht

Taktik und Laufwege: "Taktisch hat mich noch nie jemand geschlagen", behauptete Belgiens Nationaltrainer Roberto Martinez nach dem 2:1 im Viertelfinale gegen Brasilien. Eine selbstbewusste Aussage, die angesichts der erfolgreichen Systemumstellungen gegen die "Seleção" aber nachvollziehbar ist: Der 44-jährige Spanier überraschte sein Gegenüber Tite mit mehreren Veränderungen in seiner Formation. Die gravierendste war wohl der Einsatz von Kevin de Bruyne als "falsche Neun", in den Spielen zuvor war der Offensivmann überwiegend im defensiven Mittelfeld eingesetzt worden. Lukaku dagegen wich gegen Brasilien nach rechts aus. Dazu ließ Martinez Marouane Fellaini und Nacer Chadli gemeinsam auf der Achter-Position spielen.

Martinez verzichtete somit auf sein bisher angewandtes 3-4-2-1-System und ließ in einer Art 4-3-1-2 spielen. Die Brasilianer benötigten bis zur zweiten Halbzeit, um mit der ungewohnten Spielweise des Gegners zurechtzukommen - und da stand es bereits 0:2.

Bereits bei ihrer Aufholjagd gegen Japan hatten die Belgier bewiesen, dass sie taktisch flexibel sind. Als eine der besten Szenen der WM wird vermutlich Romelu Lukakus Laufweg beim entscheidenden Treffer zum 3:2 in der Nachspielzeit in Erinnerung bleiben.

Erfahrung: Belgien erreichte bei den vergangenen beiden Großturnieren 2016 und 2014 das Viertelfinale, 2012 und 2010 hatte man sich nicht qualifiziert. Frankreich dagegen steht zwei Jahre nach dem verlorenen EM-Finale im eigenen Land gegen Portugal nun schon wieder bei einem großen Turnier unter den letzten Vier - bei Welt- und Europameisterschaften zuvor erreichten die Franzosen 2014 und 2012 das Viertelfinale. Das bislang letzte Fiasko erlebte Frankreich bei der WM 2010 in Südafrika mit dem vorzeitigen Aus nach der Vorrunde. Was also Turniererfahrung angeht, sind die Franzosen im Vorteil. Allerdings überrascht folgende Statistik: Frankreichs Kader weist zusammen 645 Länderspiele auf, bei den Belgiern sind es fast doppelt so viele: 1154. Zudem verfügt Frankreichs Viererkette zwar über hohe individuelle Qualität, das Quartett ist im Schnitt aber gerade einmal 23,25 Jahre alt. Zu jung für ein WM-Halbfinale?

Logik: Belgien hat bei der WM bislang alle fünf Spiele gewonnen - bei einem Torverhältnis von 14:5. Die beiden Erfolge gegen die Außenseiter Panama (3:0) und Tunesien (5:2) waren standesgemäß und überzeugend. Das 1:0 im abschließenden Gruppenspiel gegen England war zwar bedeutungslos und wurde ohne die Mehrzahl der Stammspieler erzielt - und doch zeigte der Erfolg, dass die Mentalität in der Mannschaft stimmt. Schließlich hatten der Sieg und damit Platz 1 in der Gruppe den vermeintlich schwieriger zu lösenden Turnierbaum ab dem Achtelfinale zur Folge. Beim 3:2-Sieg gegen Japan im Achtelfinale lag Belgien nach 70 Minuten 0:2 zurück und stand kurz vor dem Aus, auch hier bewies die Mannschaft Moral. Zu guter Letzt war das 2:1 im Viertelfinale gegen Brasilien im bislang möglicherweise besten WM-Spiel Spektakel, taktische Meisterleistung, Kampf und Glück zugleich.

Belgien, seit nunmehr 24 Partien unbesiegt, hat bislang auf unterschiedlichste Art und Weise in jedem WM-Spiel überzeugt und gewonnen - warum nicht auch gegen Frankreich?

Die Brüder Kylian, Thorgan und Eden Hazard im Jahr 1998. Alle drei tragen ein Frankreich-Trikot mit der Nummer 10 von Zinedine Zidane.

Gold vergolden: Für die viel zitierte "Goldene Generation" der Belgier ist das WM-Halbfinale die letzte Chance auf den ganz großen Triumph. Zwar sind die Superstars Kevin de Bruyne (27), Eden Hazard (27) und Romelu Lukaku (25) im besten Fußballer-Alter und vermutlich bei den kommenden Großturnieren auch noch dabei, doch das Grundgerüst der belgischen Mannschaft wird so vermutlich nicht mehr lange zusammen bleiben: Für die Abwehrrecken Jan Vertonghen (31) und Vincent Kompany (32) wird sich die Gelegenheit auf einen Coup ebenso wenig noch einmal bieten wie für weitere Leistungsträger wie Marouane Fellaini (30), Axel Witsel (29) oder Dries Mertens (31). Die Wandlung vom Geheimfavoriten zum echten Titelanwärter ist den Belgiern nach 2014 und 2016 immerhin gelungen - jetzt fehlt nur noch der letzte Schritt und die "Goldene Generation" muss sich selbst vergolden.

Fazit:

Die Analyse zeigt: Es gibt auf beiden Seiten gewichtige Gründe, an einen Finaleinzug zu glauben. Einen im wahrsten Sinne des Wortes finalen Tipp wollen wir angesichts der vielen Argumente hier wie dort nicht abgeben. Ab 20 Uhr kann das Nachbarschaftsduell bei uns im Live-Ticker mitverfolgt werden.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen