Bundesliga-Schiedsrichter im Interview : Frank Willenborg: "Videobeweis ist keine Detektivarbeit"

Pfeift seine dritte Saison in der Fußball-Bundesliga: Frank Willenborg. Foto: Witters/Groothuis
Pfeift seine dritte Saison in der Fußball-Bundesliga: Frank Willenborg. Foto: Witters/Groothuis

Bundesliga-Schiedsrichter Frank Willenborg spricht im Interview über seine Saisonvorbereitung und den Videobeweis.

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21. August 2018, 16:42 Uhr

Osnabrück | Herr Willenborg, können Sie ein Fußballspiel eigentlich noch als normaler Fan schauen oder sehen alles durch die Brille des Schiedsrichters?

Das kann ich durchaus, und bei der WM natürlich als Fan der deutschen Mannschaft, der die Daumen drückt und seinen Emotionen auch mal Lauf lässt.

Die Fußballprofis werden schon in ihrer Vorbereitung auf Schritt und Tritt begleitet, die Schiedsrichter treten erst jetzt wieder ins Rampenlicht. Wie ist Ihre Saisonvorbereitung verlaufen?

Für alle meine Kollegen und mich sehr professionell und intensiv. Das beginnt mit einer sportärztlichen Untersuchung und der individuellen Fitnessarbeit. Ohne diese Grundlage würde man beim Sommerlehrgang Schwierigkeiten haben, die Anforderungen zu erfüllen.

Welche physischen Leistungen müssen Sie bei diesem einwöchigen Lehrgang nachweisen?

Der Leistungstest kommt den Intervall-Anforderungen nahe, wie sie für einen Schiedsrichter typisch sind: Wir laufen 75 Meter schnell, danach kommen 25 Meter zügiges Gehen – und zwar 40 Durchgänge hintereinander. Dabei muss man die 75 Meter jedes Mal in höchstens 15 Sekunden schaffen. Zweite Übung: Sechs Sprints über 40 Meter, nur unterbrochen von dem Rückweg zum Start, in höchstens sechs Sekunden. Wer das nicht schafft, bekommt eine Wiederholungschance. Reicht es auch dann nicht, ist man raus. Aber ehe sie fragen: Ist in diesem Jahr nicht vorgekommen.

Natürlich wird auch die Regelfestigkeit geprüft.

Ja, und hier gilt dasselbe: Wer auch im zweiten Versuch die zulässige Zahl an Fehlerpunkten überschreitet, pfeift in der Saison nicht in der Bundesliga. Da ist der Druck schon ganz schön hoch. Es gibt 15 Regelfragen, die man ohne eine Vorauswahl von Antworten, ausführlich beantworten muss, und zehn Videosequenzen, in denen man die richtigen Entscheidung fällen muss.

Sie standen gleich im ersten Pflichtspiel im Fokus: Kurz vor dem Ende des Pokalspiels in Pforzheim gab es eine Szene, in der es nach einem Handspiel von Sven Bender aussah, sie aber keinen Elfmeter gaben.

Weil ich nicht zweifelsfrei ein Handspiel gesehen habe – der Ball traf Bender am Oberarm oder an der Schulter. Später habe ich mir die TV-Bilder angesehen und konnte es auch danach nicht eindeutig sagen.

Also hätte Ihnen auch der Videobeweis – den es im DFB-Pokal in den ersten Runden nicht gibt – nicht geholfen.

Genau. Hätte es ihn gegeben, hätte ich mir die Szene auf dem Monitor angesehen und dann dieselbe Entscheidung getroffen wie ich es getan habe. Natürlich kann ich die Aufregung verstehen, zumal es dem Underdog möglicherweise den Ausgleich und eine Verlängerung beschert hätte. Aber die Szene bleibt im Graubereich – und damit müssen wir beim Videobeweis auch in Zukunft leben.

Schiedsrichter Frank Willenborg im März 2018 im Gespräch mit Robin Koch vom SC Freiburg beim Spiel gegen FC Bayern München. Foto: Witters/Wagner
ThorstenWagner
Schiedsrichter Frank Willenborg im März 2018 im Gespräch mit Robin Koch vom SC Freiburg beim Spiel gegen FC Bayern München. Foto: Witters/Wagner

Was wird in der zweiten Saison mit der Videobeweis besser, auch nach den Erfahrungen bei der WM?

Ich glaube, dass der Einsatz des Video-Referees bei der WM ähnlich gut gelaufen ist wie in der Rückrunde der letzten Bundesliga-Saison. Die entscheidende Verbesserung war, dass es transparenter war für die Zuschauer im Stadion und am Ferrnseher. Wir müssen den Fan mitnehmen in die Entscheidungsfindung – das ist der ausdrückliche Wunsch von uns Schiedsrichtern.

In der neuen Saison gibt es Erklärungen auf den Anzeigetafeln im Stadion und für die TV-Zuschauer die maßgeblichen Szenen. Was muss noch getan werden, damit die neue Technik akzeptiert wird?

Vielleicht hilft es schon, wenn man etwas weniger emotional an das Thema geht und sich an Fakten orientiert: Der Videobeweis darf prinzipiell nur bei vier Bereichen eingesetzt werden: Torerzielung, Tätlichkeiten, Elfmeter und Verwechslung von Spielern bei persönlichen Strafen. Und ein Eingriff aus Köln soll nur erfolgen, wenn eine klare, offensichtliche Fehlentscheidung korrigiert werden kann. Es soll keine Detektivarbeit geleistet werden, die am Ende doch kein eindeutiges Ergebnis bringt – siehe den Fall Bender. Sondern der Schiedsrichter soll vor krassen Fehlern geschützt werden. Dann macht es den Sport gerechter. Von der Illusion, dass es mit dem Videobeweis keine Fehlentscheidungen mehr gibt, hat sich hoffentlich inzwischen jeder verabschiedet.

Keinerlei Ermessensspielraum dürfte es künftig bei Abseitsentscheidungen geben. Durch sogenannte kalibrierte Linien ist der Regelverstoß eindeutig nachzuweisen und zu widerlegen.

Ja, das ist vergleichbar mit dem Signal bei der Tortechnologie, es ist eindeutig. Wenn ich die Abseits-Information aus Köln bekommen werde, besteht kein Anlass, dass ich mir die Szene am Monitor ansehe.

Es gibt zur neuen Saison ein paar Neuerungen. Wie muss der Schiedsrichter entscheiden, wenn der Masseur auf den Platz läuft und von einem Spieler gebissen wird?

Oh, diese Fragen liebe ich... Wie wird das Spiel fortgesetzt, wenn der Ball am Pfosten festfriert? Beißen ist als Vergehen ausdrücklich aufgenommen in Regelwerk, und muss auch dann geahndet werden, wenn es nicht am Gegner, sondern am Mitspieler oder einem Zuschauer erfolgt. Also: Freistoß und Rote Karte. Darf ich eine Gegenfrage stellen? Ein Auswechselspieler steht hinter dem Tor nahe am Pfosten und will einen Ball, der vorbeigeht, ins Feld zurückschießen. Er trifft den Ball aber, als der noch im Spielfeld ist. Was muss der Schiedsrichter tun?

Gelbe Karte und Freistoß.

Leider falsch. Die Regel sieht für dieses Vergehen einen direkten Freistoß vor, was bedeutet, dass es – wenn das Vergehen im Strafraum erfolgt ist – einen Elfmeter geben muss. In der 2. Bundesliga hat es einen solchen Fall tatsächlich gegeben.

Viel Aufregung gibt es immer wieder, wenn der Ball nicht ins Aus gespielt wird, weil ein Spieler des Gegners am Boden liegen bleibt...

...und wenn dann daraus sogar ein Tor wird, ist die Rudelbildung programmiert. Dabei ist es eindeutig: Wir haben die Anweisung, das Spiel nur dann zu unterbrechen, wenn der Verdacht auf eine schwerwiegende Verletzung besteht – ansonsten soll das Spiel weiterlaufen bis zur nächsten natürlichen Unterbrechung. Und auch die Mannschaft sind instruiert, weiterzuspielen. Es ist ein Irrglaube, dass der Ball dann sofort ins Aus gespielt werden muss.

Zumal es in den meisten Fällen wohl darum gehen dürfte, eine Spielunterbrechung zum eigenen Vorteil herbeizuführen.

Das nennt man Zeitschinden und ist der eigentliche Verstoß gegen das Fairplay.

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