Perfekte Premiere in Berlin und Glasgow : European Championships 2018: Experiment geglückt – wie geht's jetzt weiter?

Das Berliner Olympiastadion war in der vergangenen Woche mehrmals sehr gut besucht. Foto: imago/Camera 4
Das Berliner Olympiastadion war in der vergangenen Woche mehrmals sehr gut besucht. Foto: imago/Camera 4

Aus einer fixen Idee wurde ein Mega-Sportevent. Die European Championships waren erfolgreich. Gibt es eine Wiederholung?

shz.de von
13. August 2018, 16:26 Uhr

Berlin/Glasgow | Es war eine knappe Entscheidung, aber am Ende gewann dann doch wieder "König Fußball". Am Sonntagabend konnten sich die Fernsehzuschauer auf den beiden öffentlichen-rechtlichen Kanälen entscheiden zwischen den European Championships (auf ARD) oder dem Fußball-Supercup zwischen Eintracht Frankfurt und Bayern München (ZDF). 5,44 Millionen Zuschauer sahen den klaren Sieg des FC Bayern München und 5,18 Millionen entschieden sich den letzten Entscheidungen bei der Leichtathletik-EM im Berliner Olympiastadion beizuwohnen. Auch wenn die Zahlen knapp für den Fußball sprachen, ist die Bilanz der neu initiierten European Championships insgesamt mehrheitlich positiv.

European Championships: Der Medaillenspiegel im Überblick

Es war ein Experiment für alle Beteiligten: Organisatoren, Verbände, Sportler und auch für die TV-Sender: Sieben Europameisterschaften in sieben verschiedenen Sportarten an zwei unterschiedlichen Orten. Wie die European Championships ankommen würden, konnte keiner vorhersagen. Nach zehn Tagen unzähliger Wettbewerbe und spannenden Entscheidungen und über 100 Stunden Live-Übertragungen im Fernsehen oder Livestream können die Erfinder dieses neuen Sportevents durchatmen, denn es war ein Erfolg in fast jeder Hinsicht. "Wir sind sehr erfreut, dass dieses Projekt so großartig angenommen wurde", sagte Co-Geschäftsführer und Miterfinder Marc Jörg. Der Schweizer hatte mit dem Briten Paul Bristow die Premiere des Multi-Events vor sieben Jahren initiiert und stetig vorangetrieben.

Sportler begeistert

Neben den Veranstaltern freuten sich vor allem die Sportler über das neue Event. "Das ist eine tolle Idee, weil sie den Fokus vom Fußball auf die anderen Sportarten lenkt", sagte Turn-Weltmeisterin Pauline Schäfer. Miriam Welte, die Bahnrad-Olympiasiegerin, brachte die Zustimmung der Sportler auf den Punkt: "Wir haben alle davon profitiert." Die Athleten schwärmten nach ihren Wettkämpfen regelmäßig vom Stadion und der guten Stimmung. "Die geile Kulisse hat mich beflügelt und mich über die Latte getragen", sagte Hochsprung-Europameister Mateusz Przybylko. "Ich glaube, so etwas werde ich nie wieder erleben", meinte Pamela Dutkiewicz, Silbermediallen-Gewinnerin über 100 m Hürden.

Neben Berlin stand vor allem Glasgow im Fokus. In der schottischen Metropole fanden die anderen sechs Europameisterschaften statt. Am Donnerstag schauten 2,81 Millionen die TV-Übertragung vom Schwimmen. Aber auch ansonsten weniger populäre Sportarten fanden ihr Publikum. So schalteten 1,95 Millionen Menschen die 75-minütige Übertragung vom Wasserspringen ein. "Das sind Zahlen, die wir sonst nicht erreichen. Daher denke ich, dass dieses Format fantastisch ist", erklärte Schwimm-Coach Henning Lambertz. "So ein Mini-Olympia macht einfach Spaß."

Nur die deutschen Ruderer verpassten bei diesem Event Eigenwerbung zu betreiben. "Ich denke schon, dass wir es verschlafen haben, die EM frühzeitig in unseren Wettkampfkalender aufzunehmen", hatte Ralf Holtmeyer, der leitenden Bundestrainer der Ruderer eingeräumt. Der Ruderverband trat zu einigen Rennen nicht mit seinen Top-Booten an. Nur das Flagschiff der "Deutschland-Achter" holte in Glasgow eine (Gold)-Medaille.

TV-Sender sehr zufrieden

Die TV-Sender waren mit der Premiere mehr als zufrieden. "Die TV-Maßstäbe sind in allen übertragenden Ländern übertroffen worden. Es gab eine klare Vermehrfachung der Zuschauerzahlen im Vergleich zu früheren Europameisterschaften", sagte Co-Geschäftsführer Jörg. Die Quoten belegen das: Durchschnittlich 4,50 Millionen Menschen oder mehr sahen die Leichtathletik-Übertragungen bei ARD und ZDF, die Marktanteile liegen deutlich über dem Schnitt beider Sender. Die beiden öffentlich-rechtlichen Sender sowie der Sportsender Eurosport hatte in den vergangenen zehn Tagen im TV oder im Livestream stundenlang übertragen und freuten sich über die tolle Resonanz.

Für die Fernsehsender war es auch ein finanzielles Risiko, das belohnt wurde. "Wir sind natürlich sehr, sehr zufrieden. Vom ersten Tag an hatten wir durchgängig zweistellige Marktanteile und ein Millionenpublikum. Und das "aus dem Stand", wie man so schön sagt. Man muss ja berücksichtigen, dass niemand vorher so recht wusste, was European Championships eigentlich sind. Das hat sich radikal geändert. Und es zeigt, welche Kraft der Sport entwickeln kann, wenn er gut aufbereitet präsentiert wird", freute sich ARD-Teamchef Carsten Flügel auf "sportschau.de". "Die Zuschauerzahlen liegen weit über unseren Erwartungen", freute sich auch ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann.

Eine Konkurrenz zum Fußball können die European Championships dennoch nicht sein, aber die einzelnen Sportverbände haben gesehen, dass es gemeinsam auch für Randsportarten eine Chance gibt, von den Zuschauern besser wahrgenommen zu werden.

Noch eine Ballsportart dazu

Die TV-Verantwortlichen haben sich zudem für eine moderate Vergrößerung der European Championships mit weiteren Sportarten ausgesprochen. "Grundsätzlich lässt sich sagen, dass das Konzept Veränderungen, auch in geringem Maße Erweiterungen der teilnehmenden Sportarten erlaubt", sagte Stefan Kürten von der EBU (European Broadcasting Union). "Meines Erachtens nach sind noch ein Teamsport sowie auch eine moderne Urban-Sportart vorstellbar." "Eine Mannschaftssportart würde den Championships guttun, beispielsweise Beach-Volleyball wäre sicher sehr geeignet", sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky. "Außerdem würde ich mir eine jüngere Sportart wünschen, die noch andere Bilder liefern könnte. Bouldern wäre dafür geeignet." Ähnlich sieht es ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann: "Eine Mannschaftssportart wie Beach-Volleyball würde noch gut zu dem Ereignis passen."

Wie geht es jetzt weiter mit "Mini-Olympia"?

Ermutigt vom Erfolg des neuen Multi-Events zeigte sich der Berliner OK-Chef Clemens Prokop. Aber er räumte im ZDF auch ein: "Der einzige Schwachpunkt dieses Modells war, dass er auf zwei Städte verteilt war." Auch Speerwurf-Europameisterin Christin Hussong würde eine Stadt besser zusagen: "Wenn dann wirklich alles mal an einem Standort stattfindet, dann sind das doch kleine Olympische Spiele. Das ist dann echt was Besonderes", meinte sie.

Ein Gesicht der European Championships: Die Deutsche Gesa Krause gewann zum Abschluss am Sonntagabend Gold über die 3000 m Hindernis. Foto: imago/Chai v.d. Laage
Chai von der Laage
Ein Gesicht der European Championships: Die Deutsche Gesa Krause gewann zum Abschluss am Sonntagabend Gold über die 3000 m Hindernis. Foto: imago/Chai v.d. Laage

Die nächsten European Championships sollen in vier Jahren 2022 wieder stattfinden. Noch gibt es dazu keine konkreten Planungen. Es soll dann aber nur noch einen Schauplatz geben. Vielleicht wieder Berlin? "Es bleibt dabei natürlich auch die Auswertung der ersten Ausgabe abzuwarten", erklärte eine Sprecherin der Sportverwaltung des Berliner Senats am Freitag. Grundsätzlich habe die Sportmetropole Berlin großes Interesse an der Austragung attraktiver Multisportveranstaltungen. Für 2023 bewerbe sich Berlin zudem um die Austragung der Special Olympic Summer Games, sagte die Sprecherin. Die nächsten Leichtathletik-Europameisterschaften finden turnusgemäß 2020 in Paris statt.

Berlin oder Hamburg als möglicher Austragungsort?

Clemens Prokop hatte eine Bewerbung Berlins für 2022 angeregt. "Berlin sollte vielleicht darüber nachdenken, 2022 die ganzen European Championships auszurichten. Sie haben sich als erfolgreiches Konzept erwiesen." Interesse, Gastgeber dieses neuen Multisport-Events zu werden, hatte auch Hamburg signalisiert.

mit dpa-Material

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