WM 2018 in Russland : Euphorie auf der Insel: Warum Englands Titeltraum wahr werden kann

Euphorie in England: Vor dem Achtelfinale gegen Kolumbien hängen dutzende England-Flaggen an einem Wohnhaus in London. Foto: imago/i Images
Euphorie in England: Vor dem Achtelfinale gegen Kolumbien hängen dutzende England-Flaggen an einem Wohnhaus in London. Foto: imago/i Images

England glaubt wieder an seine Nationalmannschaft. Vor dem WM-Achtelfinale gegen Kolumbien denken die Fans schon weiter.

shz.de von
03. Juli 2018, 14:21 Uhr

Hamburg | Es ist erst zwei Jahre her, da war der englische Fußball wieder einmal am Tiefpunkt. Die Nationalmannschaft schied sang- und klanglos im EM-Achtelfinale gegen den krassen Außenseiter Island aus. Es gab Hohn und Spott für die "Three Lions".

Nur zwei Jahre später ist das Desaster längst vergessen. Vor allem die Fans, aber auch die heimische Presse liegen dem "neuen" Nationalteam um Kapitän Harry Kane und Trainer Gareth Southgate aktuell zu Füßen. Das zweite Gruppenspiel gegen Panama sahen im englischen Fernsehen dem Vernehmen nach 82,9 Prozent vom Gesamtanteil der TV-Zuschauer. Nur die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London 2012 hatte noch eine höhere Einschaltquote. Und das war erst das zweite Spiel der Engländer im Turnier.


Letzte K.o.-Sieg bei der WM 2006

Die Stimmung vor der WM war in England eigentlich wie immer: Weder die Medien noch die eigenen Fans hatten große Erwartungen an ihre Mannschaft. Zu enorm waren die Enttäuschungen bei den letzten WM- und EM-Endrunden. Seit zwölf Jahren haben die Engländer kein K.o.-Spiel mehr gewonnen. Seit 22 Jahren haben sie alle fünf Elfmeterschießen bei großen Turnieren verloren. Der letzte Sieg in einer K.o.-Phase datiert aus dem Jahr 2006, als David Beckham erst das Siegtor im Achtelfinale gegen Ecuador schoss und sich dann bei tropischen Temperaturen in Stuttgart auf den Platz übergeben musste. Danach gab es bei einer EM- und WM nicht mehr viel zu holen. Beim Turnier vor vier Jahren in Brasilien schied das Mutterland des Fußball bereits in der Vorrunde aus und scheiterte unter anderem an Costa Rica.


Kane: "Mein Selbstvertrauen ist unendlich"

Vergeben und vergessen. Spätestens seit dem höchsten Sieg der Engländer in deren WM-Geschichte, dem 6:1 gegen Panama, sind die Erwartungen auf der Insel ins Unermessliche gestiegen. "From Zero to Hero" – es geht schnell mit dem Stimmungswandel auf der Insel. Besonders Kapitän Harry Kane ist die neue Identifikationsfigur des Southgate-Kaders. Der Stürmer von den Tottenham Hotspurs schoss im ersten Spiel gegen Tunesien beide Tore beim 2:1-Sieg. Gegen Panama erzielte er sogar einen Hattrick. Im letzten Gruppenspiel gegen Belgien wurde Kane geschont. Der 24-Jährige strotzt derzeit vor Selbstvertrauen: "Jetzt kommt der Moment der Wahrheit. Mein Selbstvertrauen ist unendlich und ich bin zu allem bereit."

Southgate ist neuer Trendsetter

Auch sein sonst so reflektierte und sachlich agierender Trainer Southgate zeigt sich vor der Partie gegen Kolumbien optimistisch. "Es ist eine brillante Gelegenheit für unser Team, weiter zu kommen als frühere Teams." Wie groß der Hype um die Nationalmannschaft ist, zeigt auch der Fakt, das die von Southgate getragene Anzugweste auf der Insel zum Verkaufsschlager geworden ist. Der kurzfristige etwas unerwartete Erfolg der "Three Lions" lässt die verrückten Fans auf der Insel vom WM-Titel träumen. Schon viel zu lange zehren die englischen Fußballfans vom einzigen WM-Titel aus dem Jahr 1966.

Mit Anzug, Krawatte und Weste: Englands Nationaltrainer Gareth Southgate an der Seitenlinie. Foto: imago/VI Images
"England v Belgium"
Mit Anzug, Krawatte und Weste: Englands Nationaltrainer Gareth Southgate an der Seitenlinie. Foto: imago/VI Images

Im "leichteren" Turnierbaum

Vor dem Gruppen-Endspiel gegen Belgien wurde in England darüber diskutiert, ob es nicht besser wäre zu verlieren und so als Zweiter der Gruppe G ins Achtelfinale einzuziehen. Damit sollte verhindert werden, dass England im Turnierbaum auf die offensichtlich stärkere Seite mit Brasilien, Frankreich und Uruguay kommt. Das klappte nach dem 0:1 gegen Belgien auch ganz gut. Und so ist der Optimismus bei den Fans und den Medien mittlerweile sehr groß. Southgate hat eine erfolgshungrige Mannschaft beisammen, mit Kane als Anführer und vielen jungen Spielern, die in ihren Premier League-Teams schon massig Erfahrung auf hohem Niveau gesammelt haben. Völlig untypisch setzt Southgate dabei auf eine Dreierkette in der Abwehr und einem Fünfer-Mittelfeld.


Eigentlich steht einem WM-Sieg nichts mehr im Wege - zumindest aus Sicht der englischen Fans. Nach dem Sieg im Achtelfinale gegen Kolumbien wartet der Gewinner aus der Partie Schweden gegen Schweiz. Machbar. Dann ein Duell im Halbfinale mit Kroatien oder Russland. Machbar. Welche Mannschaft England dann im Finale besiegt, ist den Fans egal. Es scheint Schicksal zu sein, wie einige User auf Twitter immer wieder prophezeihen (siehe Tweet). Auch den Hashtag #englandwintheworldcup gibt es schon längst.

Lineker von Euphorie genervt

Die Euphorie um Englands Nationalmannschaft ist Englands Fußballlegende Gary Lineker mittlerweile suspekt. "Es wirkt so, als hätten wir die wichtigste Stammtischparole des Fußballs vergessen: Immer ein Spiel nach dem anderen angehen", schrieb der ehemalige Stürmer genervt. Vor der WM ließ sich Lineker in einem TV-Interview auf "BBC" zu der Aussage hinreißen, dass in Falle eines englischen WM-Sieges er einen Mankini tragen werde. Das könnte witzig werden...


Vor dem möglichen WM-Titel geht es heute Abend im Moskauer Spartak-Stadion (20 Uhr) erst einmal gegen Kolumbien. Die Südamerikaner deuteten ihre gute Form in den letzten beiden Spielen an und gewannen die Gruppe H sogar noch nach ihrer Auftaktniederlage gegen Japan. Allerdings haben die Kolumbianer noch nie gegen die "Three Lions" gewonnen. Das Team um Stürmer Falcao bangt vor dem Match zudem um Mittelregisseur und Bayern-Spieler James Rodriguez. Es ist noch unklar, ob und wie lange der Spielmacher spielen kann.

James, oder nicht? Egal!

James hin oder her – bei den Engländern ist das Selbstvertrauen riesig: "Uns ist egal, was in der Vergangenheit war. Wir haben einen anderen Trainer, wir sind ein anderes Team. Wir schauen nur nach vorne, sagte WM-Debütant Dele Alli. "Und wir richten uns nicht mehr nach dem Gegner. Wir spielen unser Spiel. Und damit wollen wir so weit wie möglich kommen." Für die englischen Fans steht ohnehin schon fest, dass das Achtelfinale nur eine Zwischenstation ist. Am Ende der Reise wird Harry Kane die WM-Trophäe in den Moskauer Himmel recken. Am 15. Juli, dem Tag des WM-Finales.

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