Brasilianischer Flügelflitzer : Die "kleine Rakete": Willian in Neymars Windschatten

Ein gespieltes Team: Auf dem Platz verstehen sich Neymar (l) und Willian bestens.
Ein gespieltes Team: Auf dem Platz verstehen sich Neymar (l) und Willian bestens.

Der Flügelflitzer Willian schwingt sich im Windschatten von Neymar zu einer prägenden Figur der Brasilianer auf.

shz.de von
05. Juli 2018, 16:24 Uhr

Kasan | Mitunter ist es oft nur noch ein imaginäres Abklatschen, wenn ein Spieler in der ersten Minute der Nachspielzeit ausgewechselt wird. Weil jeder weiß, dass der Trainer Zeit von der Uhr nehmen will, wie es im modernen Fußball gerne heißt. Der betroffene Akteur gibt sich oft gar keine große Mühe mehr, die Ersatzspieler mit der ausgestreckten Hand zu erreichen, die noch auf den Sitzen lümmeln. Als jedoch vergangenen Montag beim WM-Achtelfinale zwischen Brasilien und Mexiko (2:0) in Samara auf der Leuchttafel die Nummer 19 aufblinkte und dann Willian Borges da Silva, kurz Willian, vom Feld kam, war das auf der brasilianischen Ersatzbank anders: Fast jeder wollte dem nach Marcelo mächtigsten Wuschelkopf der Seleçao gratulieren. Abklatschen, herzen und umarmen.

Willian wie Daniel Düsentrieb

Der Irrwisch hatte in einer überragenden zweiten Halbzeit so aufgedreht, als habe ihn jemand einen Zusatzbeschleuniger in der blauen Hose implementiert. Wie Daniel Düsentrieb war der 29-Jährige auf dem von einem deutschen Unternehmen verlegten Rasen herumgeflitzt. Die Vorarbeit zum wegweisenden 1:0 von Neymar war nur einer von vielen bemerkenswerten Willian-Durchstößen. Der Stürmer legte laut Fifa-Statistik im zweiten Durchgang 216 Meter im Vollsprint – also in der Geschwindigkeitsstufe über 25 Stundenkilometer - zurück. Der Teamdurchschnitt seiner Mitspieler lag bei 217 Metern. In 90 Minuten.

Spitzname "kleine Rakete"

Die Initialzündung beim Rechtsaußen erfolgte zur rechten Zeit und am richtigen Ort. Denn Nationaltrainer Tite hat seinen Flügelmann mal "Foquetinho" getauft, die kleine Rakete. Dass die nun gerade in Samara startete, hätte nicht besser passen können, denn die bis 1991 für Ausländer noch komplett versperrte Stadt am südöstlichen Wolgalauf ist die russische Raketenhochburg. Hier wurde die Sojus-Rakete gebaut, mit der Jurij Gagarin 1961 als erster Mensch ins Weltall flog, und ein Original steht zentral an der Metrostation Rossiyskaya.

In der Pressekonferenz der Kosmos-Arena kam unweigerlich die Frage auf, was Tite denn mit seinem bisweilen etwas untertourig laufenden Offensivstar vom FC Chelsea gemacht habe. Solche Fragen pflegt der Grandseigneur sofort an seinen Taktikexperten Sylvinho weiterzureichen, der in seiner Eigenschaft als Co-Trainer von einem Vier-Augen-Gespräch berichtete. "Es ging darum, wie wir besser hinter die letzte Linie kommen. Uns war klar, dass gegen Mexiko unsere beiden Flügeln funktionieren müssen." Dass sich Willian dabei im Windschatten des nicht positionsgebundenen Neymar bewegte, war gewollt. Ähnlich wird auch die Marschroute heute fürs Viertelfinale gegen Belgien (20 Uhr / ZDF) sein.

Willian gegen Chelsea-Kollege Hazard

Willian begegnet in der Kasan-Arena seinem Londoner Klubkollegen Eden Hazard, der auf die "Roten Teufeln" einen ähnlichen Einfluss nimmt. "Ich werde alles daran setzen, dieses Spiel zu gewinnen. Danach werden wir aber Freunde bleiben", richtete Willian aus. "Hazard ist einer der besten der Welt. Wir spielen seit fünf Jahren zusammen, jetzt aber erstmals gegeneinander." Gut möglich, dass die beiden bald aber auch auf Vereinsebene zu Gegnern werden. Angeblich ist der FC Barcelona bereit, für Willian 56 Millionen Euro zu zahlen. Und auch sein Ex-Trainer Jose Mourinho soll mit Manchester United ein gesteigertes Interesse an einer Verpflichtung haben. Die schwere Phase nach dem Tod seiner Mutter am 11. Oktober 2016 – sie starb an einem Krebsleiden, wenige Stunden nachdem Willian für Brasilien in einem Länderspiel gegen Venezuela getroffen hat – ist endgültig ausgestanden. Zündet das Raketlein in Russland sogar noch bis zum Finale übernächsten Sonntag in Moskau, dürfte das den Preis in schwindelerregende Sphären treiben.

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