Viele Baustellen im deutschen Fußball : Das sind die offenen Fragen nach dem Özil-Rücktritt

Mesut Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft wirft einige Fragen auf. Foto: imago/Sven Simon
Mesut Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft wirft einige Fragen auf. Foto: imago/Sven Simon

Das Thema Özil beschäftigt, reizt, polarisiert - das sind jetzt die wichtigsten offenen Fragen zum Thema.

shz.de von
24. Juli 2018, 15:42 Uhr

Hamburg | Mesut Özils mit heftigen Vorwürfen in sämtliche Richtungen verbundener Rücktritt aus der Nationalmannschaft erhitzt derzeit die Gemüter. Das Thema beschäftigt, reizt, polarisiert - und zieht auf Grund der Rassismus- und Diskriminierungsdebatte Kreise weit über das Sportliche hinaus. Doch gerade aus sportlicher Sicht sind gegenwärtig noch einige Fragen offen, auf deren Beantwortung viele Fußballfans in der nächsten Zeit noch hoffen dürften. Zum Beispiel:

Warum schweigen Özils Mitspieler in der Nationalmannschaft?

Gerade einmal drei Akteure aus dem WM-Kader der deutschen Nationalmannschaft nahmen Özils Rücktritt aus dem DFB-Team am Sonntagabend zum Anlass, sich in den sozialen Netzwerken dazu zu äußern. Jerome Boateng postete am Montag ein gemeinsames Foto von Özil und sich, aufgenommen bei den Feierlichkeiten zum WM-Titel 2014 in Berlin. Dazu schrieb er: "Es war mir eine Freude, Abi (türkisch für Bruder)"


Auch Julian Draxler nutzte Instagram, um seinem Kollegen einen Abschiedsgruß zu schicken:


Schließlich war da noch Antonio Rüdiger, der sich ein persönliches "Adieu" ebenfalls nicht nehmen ließ:



Der Rest: Schweigen. Besonders viel Unverständnis erntete Bayern-Profi Thomas Müller von vielen Fans, als er am Montag seinem Verein bei Twitter zum Gewinn des bayerischen Sportpreises gratulierte.


Dass sein Weltmeisterkollege wenige Stunden vorher seinen Rücktritt bekannt gegeben hatte, ignorierte Müller geflissentlich. Auch von Kapitän Manuel Neuer, Sami Khedira oder dem sonst so reflektierten und eloquenten Mats Hummels: kein Wort.

Es ist anzunehmen, dass sich viele Kollegen privat bei Mesut Özil gemeldet haben und ihr Bedauern über dessen Rückzug zum Ausdruck gebracht haben. Doch wieso tut dies kaum einer öffentlich? Gab es möglicherweise eine Ansage vom DFB? Oder haben sich die meisten Spieler untereinander auf öffentliche Zurückhaltung geeinigt?

Fakt ist: Mit Pierre-Emerick Aubaymeang, der Özils Erklärungen retweetete, und Hector Bellerin nahmen sogar zwei Kollegen Özils vom FC Arsenal zur Debatte Stellung. Letzterer sogar mit deutlicher Positionierung: "Surreal, dass jemand, der auf und neben dem Platz so viel für sein Land geleistet hat, so respektlos behandelt wird. Gut gemacht, Mesut, dass Du Dich gegen solches Verhalten stellst!"


Vielleicht hätte sich Özil ein solches Bekenntnis ja auch von einem deutschen Kollegen gewünscht ...

Warum äußert sich Joachim Löw nicht?

Der Bundestrainer wurde vom Rücktritt seines Spielmachers genauso überrascht wie die Öffentlichkeit. Löw habe von Özils Rücktritt aus dem Internet erfahren - im Urlaub auf Sardinien. Dass Löw bislang kein Statement abgegeben hat könnte an dieser Tatsache liegen, außerdem nutzt der Bundestrainer keine sozialen Medien. Zuletzt hatte Löw außerdem ein paar Tage verstreichen lassen, ehe er sich zu den Vorwürfen von Philipp Lahm an seinem Führungsstil äußerte. Auch jetzt nimmt sich Löw vermutlich die Zeit, um die Dinge sacken zu lassen. Aber: Bei anderen Spielerrücktritten unter seiner Ägide ließ es sich Löw nicht nehmen, per öffentlichem Statement zu reagieren. So zum Beispiel, als Philipp Lahm 2014 nach der WM seinen Rücktritt verkündete. Auch damals weilte Löw im Urlaub ... Die Verwunderung darüber, warum sich Löw nicht zeitnah dazu äußert, wächst.

Wie geht es jetzt beim DFB weiter?

Der DFB gab am Montagnachmittag eine Stellungnahme heraus. Darin verwehrte sich der Verband gegen die von Özil erhobenen Rassismusvorwürfe und äußerte sein Bedauern über den sportlichen Verlust des Weltmeisters. Ansonsten war die Stellungnahme allgemein gehalten. Weder der von Özil so heftig attackierte Präsident Reinhard Grindel äußerte sich explizit, noch war bislang eine Aussage von Manager Oliver Bierhoff zu vernehmen. Da vor allem der DFB-Präsident unter öffentlichem Beschuss steht, ist von einer baldigen Reaktion Grindels auszugehen. Der CDU-Politiker wird einige Vorwürfe Özils entkräften müssen, sonst ist er in seinem Amt als Oberhaupt des DFB kaum noch tragbar. Politiker wie Cem Özdemir oder Renate Künast (beide Grüne) fordern bereits den Rücktritt. Im DFB-Umfeld scheint es bisher ruhig zu sein, viele Freunde dürfte sich Grindel aber auch dort mit seinem Krisenmanagement nicht gemacht haben. Eines steht fest: Um das Problem auszusitzen hat das Thema eine viel zu große Dimension angenommen.

Ist jetzt die EM-Bewerbung für 2024 in Gefahr?

Es ist das Renommierprojekt von DFB-Präsident Reinhard Grindel: Die Bewerbung als Gastgeber für die Europameisterschaft 2024. Bereits bei der WM 2006 präsentierte sich Deutschland als guter Ausrichter eines Fußballturniers. Die Chancen auf die EM galten vor dem Özil-Rücktritt als enorm groß. Einziger Konkurrent: ausgerechnet die Türkei.

Nun könnte das Projekt ins Wanken geraten. Özil wirft dem DFB beziehungsweise dessen Präsidenten Grindel Rassismus vor. Für die Außendarstellung kein gutes Signal an die UEFA. „United by Football – Vereint im Herzen Europas“ lautet der Slogan der DFB-Bewerbungskampagne. Özil fühlte sich laut eigenen Angaben jedoch wahrlich nicht mit dem DFB „vereint“. Im Gegenteil: Von Grindel fühlte er sich ausgeschlossen und nicht unterstützt.

Was passiert jetzt mit Ilkay Gündogan?

Seinen persönlichen Spießrutenlauf hat Ilkay Gündogan bereits hinter sich. Der zweite Nationalspieler auf dem skandalbehafteten Erdogan-Foto wurde vor der WM im Testspiel gegen Saudi-Arabien in Leverkusen lautstark ausgepfiffen. Immerhin stellte sich Gündogan später einigen Medien zum Gespräch. Richtig Aufklärung brachte er in seine Motive für das Treffen und das Foto mit Erdogan nicht, dennoch ging der Profi von Manchester City im Vergleich wesentlich offener mit der Thematik um als Özil. Der steht jetzt im Fokus der Öffentlichkeit - über Gündogan spricht kaum einer. Wie es nun mit Gündogan weitergeht, ist offen. Seine letzten Postings vor, während und kurz nach der WM lassen vermuten, dass ein Rücktritt für ihn nicht in Frage kommt.



Spannend wird sein, wie die deutschen Fans mit Gündogan künftig umgehen werden. Sollte er dann im Kader stehen, wird das Nations-Cup-Spiel gegen Frankreich in München am 6. September die Antwort darauf geben ...

Was bedeutet der Rücktritt für Özils sportliche Karriere?

Den Weltmeister-Titel von 2014 sowie eine überaus erfolgreiche Laufbahn im DFB-Team nimmt Özil keiner mehr, auch wenn sich am Ende wohl der Abgang mit Rundumschlag in den Köpfen festsetzen wird. Der Spielmacher wird noch in diesem Jahr 30 und besitzt beim FC Arsenal einen bestens dotierten Vertrag bis 2021. Im Gegensatz zum Nationalteam fehlt Özil im Vereinstrikot noch die große Trophäe.

Wer ersetzt Mesut Özil?

Özils Statistiken in den vergangenen Jahren sind wider der weit verbreiteten öffentlichen Meinung gut. Alleine die Tatsache, dass er seit 2014 immer noch drei Mal zu Deutschlands Nationalspieler des Jahres gekürt wurde (insgesamt fünf Mal seit 2010), spricht für sich. Seit seinem Debüt 2009 gab Özil 40 Torvorlagen - mehr als jeder andere Spieler. Sein Rücktritt wird eine Qualitätslücke reißen, deren Größe noch nicht abzusehen ist.

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Mit Julian Draxler, Marco Reus und Thomas Müller stehen drei hochwertige Spieler im gegenwärtigen Kader, die eher auf den Außenpositionen beheimatet, die aber auch in der Zentrale einsetzbar sind. Draxler gelang dies beispielsweise als Kapitän beim Confedcup 2017 hervorragend. Dahinter warten Youngster wie die beiden Confedcupsieger Julian Brandt und Leon Goretzka sowie Leroy Sané auf ihre Chance. Mario Götze sucht seine Form, Kai Havertz von Bayer Leverkusen ist mit seinen 19 Jahren möglicherweise noch nicht reif genug.

Einen klassischen Spielmacher mit den Fähigkeiten und der Erfahrung eines Özils gibt es im deutschen Fußball nicht. Hier wird der Bundestrainer gefordert sein, Spielweise und Taktik den Gegebenheiten anzupassen.

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