Nach Diagnose Querschnittslähmung : Bahnradsportlerin Kristina Vogel: "Ich möchte ins Leben zurück"

Kristina Vogel spricht im Unfallkrankenhaus Berlin gemeinsam mit den behandelnden Ärzten Prof. Dr. Axel Ekkernkamp und Dr. Andreas Niedeggen.
Kristina Vogel spricht im Unfallkrankenhaus Berlin gemeinsam mit den behandelnden Ärzten Prof. Dr. Axel Ekkernkamp und Dr. Andreas Niedeggen.

Seit einem Trainingsunfall sitzt die bis dahin weltbeste Bahnradsportlerin Kristina Vogel im Rollstuhl.

shz.de von
12. September 2018, 12:13 Uhr

Berlin | Ein Moment veränderte ihr Leben grundlegend: Während des Trainings stürzte die Bahnradsportlerin Kristina Vogel schwer. Nun folgte die Diagnose: Querschnittslähmung. Die 27-Jährige wird ihren Sport, in dem sie zur absoluten Weltelite zählte, in dieser Form nie mehr ausführen können.

"Wie ein kleines Baby"

Auf einer Pressekonferenz im Krankenhaus Berlin-Marzahn sprach sie am Mittwoch über den Fortgang ihrer Behandlung und ihre Gemütslage. "Legen wir mit den Fragen los, damit ich danach wieder wegrollen kann", eröffnete Vogel gut gelaunt und mit einem Lachen. "Ich fühle mich gerade wie ein kleines Baby, das alle lernen muss. Die Querschnittslähmung ist eine 180 Grad Wendung im Vergleich zum früheren Leben."

Vom eigentlichen Unfall hat Vogel keine Erinnerungen. "Der Körper macht manche Sachen richtig, den Aufprall habe ich nicht mehr im Kopf. Alles davor und danach weiß ich", sagte die 27-Jährige und schilderte den Moment, als sie wieder zu Bewusstsein kam: "Ich habe den Schmerz weggeatmet, geschaut, was um mich herum passiert. Als meine Schuhe wegwanderten und ich merkte, dass sie mir niemand ausgezogen hat, wusste ich schnell: das war es als Fußgänger."

Eine Aufklärung, wie genau der Unfall beim Training abgelaufen ist, fand bislang nicht statt. Der niederländische Fahrer, der daran beteiligt gewesen sein soll, hätte sich bisher nicht bei Vogel gemeldet. Das spiele aber keine Rolle, da sich Vogel von allem "frei" gemacht hätte. "Kommt Zeit, kommt Rat."

Seit einer Woche schafft Vogel den Transfer von Bett in den Rollstuhl. Laut den behandelnden Ärzten eine sehr positive Entwicklung, normal würde dieser Vorgang länger dauern. Seit dieser Woche darf die Bahnradsportlerin auch Sport machen. "Ich bin gleich rausgeplumpst, aber das gehört dazu. Auch da kam von den Ärzten der Satz, dass ich geduldig bleiben müsse", sagte Vogel, die laut ihrer Ärzte einen großen Ehrgeiz in Puncto Genesung zeigen würde.

Die Zeit im Krankenhaus bezeichnet sie als schwerste ihres Lebens. "Hätte ich noch ein, zwei Tage länger im Bett bleiben müssen, wäre ich ausgerastet. Aus Langeweile und um überhaupt etwas zu machen, habe ich einfach ab und an das Bett auf- und runtergestellt", berichtete Vogel mit einem Lächeln auf den Lippen und forderte die anwesenden Journalisten auf: "Versuchen Sie einmal, sich vier Stunden auf die Seite zu legen, ohne etwas zu machen."

Allgemein zeigte sich die Olympiasiegerin tief beeindruckt von der Anteilnahme. "Ich hätte nicht gedacht, dass das so hohe Wellen schlagen würde. Ich habe vor Rührung geweint, als ich von der Aktion #staystrongkristina gehört habe", sagte Vogel mit Blick auf die Spendenaktion, die über Twitter verbreitet wurde.

Ebenfalls sehr emotional reagierte die Athletin auf die Frage, welche Rolle ihr Lebenspartner Michael in den vergangenen Wochen gespielt hätte. Unter Tränen berichtete Vogel, wie ihr Freund die Nächte neben ihrem Bett auf einem Stuhl verbracht hatte. Die Nachrichtensperre sei ungemein wichtig für sie gewesen. Jetzt nach der Pressekonferenz freue sich Vogel, endlich rauszukommen, "einen Kaffee zu trinken und zum Streichelzoo zu kommen, dort kann man Ziegen füttern", vorher sei das aufgrund von Paparazzi nicht möglich gewesen.

Am Freitag geht es in ihre Heimat nach Erfurt. "Dort warten einige Aufgaben. Es müssen Sachen im Haus umgebaut werden, drei Etagen barrierefrei gestaltet werden. Ich möchte gerne ins Leben zurück und auf so viel Hilfe wie möglich verzichten", freut sich Vogel auch darauf, endlich wieder selbst kochen zu können.

Die Behandlung in Vogels Fall würde laut Aussage der Ärzte rund sechs bis zwölf Monate andauern. Die ehrgeizige Sportlerin setzt sich jedoch Weihnachten als Ziel, um endgültig zu Hause leben zu können. "Der Ehrgeiz ist geweckt, ich habe um jede Woche gefeilscht, um wieder Sport machen zu dürfen", sagte Vogel."Ich habe jetzt viel Metall im Körper."

Die Athletin zeigte sich stets positiv und keine Spur von Selbstmitleid. So schloss Vogel die Pressekonferenz mit den Worten: "Selbstmitleid bringt einen nicht weiter. Ich hätte tot sein können, ich hatte einen Schutzengel. Wenn mich jedoch jemand aufzieht, habe ich einen Joker. Dann ziehe ich die Behindertenkarte."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen