"Die dachten wohl, ich will spionieren" : 50 Jahre Sportfotografie: Agentur-Inhaberin Valeria Witters erinnert sich

Deutschland ist Weltmeister 2014, der Schlussjubel von Bundestrainer Joachim ''Jogi'' Löw.
Deutschland ist Weltmeister 2014, der Schlussjubel von Bundestrainer Joachim ''Jogi'' Löw.

40 Jahre Bundesliga-Erfahrung, 50 Jahre eine eigene Bildagentur – Valeria Witters über ihre persönlichen Höhepunkte.

shz.de von
01. September 2018, 13:25 Uhr

Osnabrück/Hamburg | Frau Witters, 50 Jahre Sportfotografie: Geben Sie uns doch einen Einblick in jene Zeit, in der alles begann.

Der Startschuss fiel, als mein Vater Wilfried beschloss, sich selbständig zu machen. Zuvor hatte er eine Drogisten-Lehre gemacht, die Ausbildung an der Fotofachschule Köln mit Auszeichnung abgeschlossen und Berufserfahrung gesammelt. Dann ging es los, im Jahr 1968, zusammen mit meiner Mutter Christa: Sie hat auch fotografiert sowie im Labor und im Büro gearbeitet.


Sportfotograf Wilfried Witters.
Wilfried Witters
Sportfotograf Wilfried Witters.


Langjährige Journalisten beschreiben Ihren Vater als Unikat, der im Volksparkstadion mit wehenden Haaren von der Mittellinie hinters Tor sprintete, wenn es einen Elfmeter zu fotografieren gab.

Das war früher für Fotografen noch möglich – für alle, die fit genug waren, was damals als Qualitätsmerkmal in der Branche galt. Meinen Vater kannte jeder. Auch, weil er stets Sakko oder Anzug beim Fußball trug und seine Haare immer zurückgelte. Aber vor allem, weil er gute Sportfotos machte und alles dafür tat, damit seine Kunden sie schnell bekommen. Zum Beispiel auch um drei Uhr nachts im Hamburger Hauptbahnhof über die Gleise rennen, damit die frisch entwickelten Bilder noch die Postzüge erreichen zu den Zeitungen im Süden.

Eine Leidenschaft für die Arbeit, die er seiner Tochter mitgegeben hat?

Mein Vater war viel unterwegs – oft mit dem HSV, aber auch zu Segelwettbewerben in Kiel, etwa bei Olympia 1972, oder als einer der wenigen Fotografen bei der Südamerika-Reise der Fußball-Nationalelf 1977. Wenn ich ihn mal sehen wollte, war es einfach die beste Idee, mit zum Sport zu kommen. So habe ich als Neunjährige mein erstes Foto veröffentlicht und mit 14 Jahren angefangen, professionell zu fotografieren. Inzwischen genießen meine Eltern seit 16 Jahren in Frankreich im Loire-Tal den Ruhestand und den Wein. Und ich gehe aktuell tatsächlich in meine 40. Bundesliga-Saison.


Sportfotograf Wilfried Witters, Tochter Valeria Witters, aufgenommen in Hamburg am 12.07.1974 in der Sporthalle Alsterdorf.
Wilfried Witters
Sportfotograf Wilfried Witters, Tochter Valeria Witters, aufgenommen in Hamburg am 12.07.1974 in der Sporthalle Alsterdorf.


Wobei Sie ja nicht nur in der Bundesliga unterwegs waren.

Spannend waren die Reisen in die DDR – zum dortigen Sport hatte meine Familie einen Draht, weil meine Mutter aus Meißen stammt. So habe ich in den 80er-Jahren oft DDR-Länderspiele besucht: Traumhaftes Arbeiten, weil es dort kaum Konkurrenz und kaum Reglementierungen gab: Beim Abspielen der Nationalhymnen etwa konnte ich so nah ran an die mitsingenden Spieler wie heute die Fernsehkameras. Man stellte einen Antrag beim Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, wartete gespannt auf das Telegramm – und wenn es zwei, drei Tage vor dem Spiel eintraf, ging es los. Nur einmal habe ich an der Grenze ein wenig Ärger bekommen. Ich hatte als Beschäftigung während der Wartezeit dort begonnen, meine Kameras einzupacken: Da dachten die wohl, ich will spionieren.

An welches Ihrer Fotos erinnern Sie sich heute am liebsten?

An das Jubelfoto von Linford Christie direkt nach seinem Sieg im 100-Meter-Lauf bei Olympia 1992 in Barcelona. Der Stern hat das damals auf einer Doppelseite veröffentlicht – für mich als Newcomerin bei meinen ersten Spielen eine Riesensache. Generell erinnere ich mich gern an diese Spiele der kurzen Wege mit einer tollen Atmosphäre und großartigen Erfolgen der ersten gesamtdeutschen Mannschaft. Auch die EM 1988 als meine erste internationale Großveranstaltung war außergewöhnlich.


Olympiasieger Linford Christie beim Zieleinlauf bei den Olympischen Sommerspiele 1992 in Barcelona.
Valeria Witters
Olympiasieger Linford Christie beim Zieleinlauf bei den Olympischen Sommerspiele 1992 in Barcelona.


Im Alltag steht bei Witters der HSV im Zentrum – nun spielt Hamburg erstmals nur zweitklassig. Ein Einschnitt für Sie?

Ich gebe zu: Der Abstieg war schrecklich, das hat im Herzen wehgetan. Schon die Relegationsspiele in Fürth 2014 und Karlsruhe 2015, die ich begleitet habe, waren nervenaufreibend – in diesem Sommer war es dann richtig emotional. Den Abstieg des HSV spüren wir auch betriebswirtschaftlich ein wenig – wobei wir inzwischen pro Spieltag fünf, sechs Bundesligapartien besetzen und nicht mehr so stark auf den HSV fokussiert sind wie früher. Jetzt hat der Klub eine junge Truppe, die Spaß macht, auch in der Begleitung als Fotografin. Ich hoffe, dass sie gleich den Wiederaufstieg schaffen.

Sie sind fast 40 Jahre in einem Geschäft tätig, das sich rasant verändert hat.

Die technische Entwicklung ist enorm, nicht nur bei den Kameras, die inzwischen 12 Bilder pro Sekunde schaffen. Früher war viel mehr Handarbeit: Ich habe noch gelernt, per Hand das Objektiv scharf zu stellen, was heute der Autofokus erledigt. Früher haben wir im Labor Filme entwickelt und gespannt darauf gewartet, ob wir ein erzieltes Tor auch auf dem Schwarz-Weiß-Foto erwischt haben oder nicht, bevor wir damit zu den Postzügen gerannt sind. Inzwischen verschicken wir gestochen scharfe Farbfotos direkt vom Spielfeldrand über das Internet. Ein Bildredakteur in der Redaktion erledigt dann das sogenannte "Live-Editing": Den Ausschnitt und die Beschriftung der Bilder mit abgebildeten Personen und beteiligten Teams für die Datenbanken. Wir können unseren Kunden inzwischen von über 30000 Terminen 1,3 Millionen Fotos digital sowie weitere mehrere Millionen Dias und Negative im analogen Archiv zur Verfügung stellen.


Olympiasieger Matthias Steiner mit dem Foto seiner verstorbenen Frau Susann bei den Olympischen Spielen in Peking 2008.
Valeria Witters
Olympiasieger Matthias Steiner mit dem Foto seiner verstorbenen Frau Susann bei den Olympischen Spielen in Peking 2008.


Inwiefern haben sich Ihre Arbeitsbedingungen geändert?

Die Konkurrenz ist größer geworden und wir müssen weit mehr Regularien beachten. Ein Einschnitt war die Gründung der DFL Anfang des Jahrtausends: Seither gibt es viel mehr TV-Positionen im Stadion, während die Bewegungsfreiheit für Fotografen abgenommen hat. Früher konnten wir uns im Stadion-Innenraum recht frei bewegen – mit dem Aufkommen der Werbebanden ab 1982 hat sich das geändert. Inzwischen werden diese in einigen Stadien immer höher, sodass man nur noch im Stehen über sie hinweg fotografieren kann – was schade ist, weil es einem Sportfoto die Dynamik nimmt im Vergleich zu einer Aufnahme auf Höhe der Grasnarbe.

Leider hört man auch immer wieder von Attacken auf Fotografen von der Tribüne. Haben Sie schon so etwas erleben müssen?

Persönlich zum Glück fast gar nicht – aber aus Gesprächen mit Kollegen weiß ich von massiven Beschimpfungen und gezielten Becherwürfen auf Fotografen und deren teures Equipment. In einigen Stadien gibt es tatsächlich Tribünenbereiche, vor die man sich als Fotograf besser nicht begibt. Was dort teilweise passiert, ist leider ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Verrohung – wobei ich mich schon frage, wieso ausgerechnet wir Fotografen hier als Zielscheibe herhalten müssen.


Team Deutschland Fussball Weltmeister 1974. hinten v.l. Horst-Dieter Hoettges, Torwart Sepp Maier, Bernd Flohe, Gerd Mueller, Juergen Grabowski, Paul Breitner, Georg Schwarzenbeck, Bernd Cullmann, vorn v.l. Uli Hoeness, Jupp Heynckes, Rainer Bonhof, Bundestrainer Helmut Schoen, Franz Beckenbauer mit Pokal, Bernd Hoelzenbein, Berti Vogts, Wolfgang Overath.
Wilfried Witters
Team Deutschland Fussball Weltmeister 1974. hinten v.l. Horst-Dieter Hoettges, Torwart Sepp Maier, Bernd Flohe, Gerd Mueller, Juergen Grabowski, Paul Breitner, Georg Schwarzenbeck, Bernd Cullmann, vorn v.l. Uli Hoeness, Jupp Heynckes, Rainer Bonhof, Bundestrainer Helmut Schoen, Franz Beckenbauer mit Pokal, Bernd Hoelzenbein, Berti Vogts, Wolfgang Overath.


Wie wird sich die Sportfotografie ihrer Meinung nach entwickeln?

Ein Trend der letzten Jahre ist, dass die allgemeine Wahrnehmung für gute Qualität nachgelassen hat – viele haben sich an die oft schlechte Qualität von Handyfotos gewöhnt, die sie ständig betrachten. Das Aufkommen vieler Internetportale beflügelt auch eine Nachfrage, die eher nach Masse als nach Klasse ausgerichtet ist. Dennoch glaube ich, dass es auch in Zukunft genau wie für guten Journalismus einen Markt für gute Fotografie geben wird.

Einen Markt, den Sie bedienen werden – in einem Business, das zu allergrößten Teilen von Männern geprägt wird. Wie nehmen Sie dies wahr?

Beim WM-Finale 1990 waren unter 150 Fotografen zwei Frauen – eine Kollegin und ich. Inzwischen ist das Verhältnis etwas anders geworden, aber natürlich längst nicht so, dass man von einer Ausgeglichenheit sprechen kann. Für mich spielte das Geschlechterthema ehrlich gesagt nie eine große Rolle: Ich bin von klein auf in dieses Geschäft reingewachsen. Ich wusste immer, dass ich dort ungewöhnlich bin, habe mich aber auch nie benachteiligt gefühlt. Wobei ich mich glaube ich auch ganz gut durchsetzen kann, wenn es notwendig ist.


Valeria Witters (Sportfotografin).
Tim Groothuis
Valeria Witters (Sportfotografin).


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