Kind sauer: "Ein Armutszeugnis" : 50+1-Regel: Keine Sondergenehmigung für Kind bei Hannover 96

Weiterhin keinen Erfolg hat Martin Kind bei der DFL.
Weiterhin keinen Erfolg hat Martin Kind bei der DFL.

Die DFL lehnt den Antrag von Martin Kind, seines Zeichens Clubchef von Hannover 96, auf eine 50+1-Ausnahme ab.

shz.de von
18. Juli 2018, 16:08 Uhr

Frankfurt/Main | Nächste Niederlage für Martin Kind - vorerst. Der 74 Jahre alte Hörgeräte-Unternehmer - Feindbild vieler Fans in Hannover und teilweise auch darüber hinaus - darf nicht Mehrheitseigner von Hannover 96 werden. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) lehnte am Mittwoch einen entsprechenden Antrag auf eine Sondergenehmigung beim niedersächsischen Bundesligisten ab. Dies könnte am Ende jedoch sogar dazu führen, dass die sogenannte 50+1-Regel in Deutschland komplett fällt. "Von der DFL als Unternehmen bin ich enttäuscht. Es fehlt die Kraft, die notwendige Weiterentwicklung zu gestalten. Vielmehr werden jetzt Behörden und Gerichte beschäftigt. Aus meiner Sicht ist das ein Armutszeugnis", sagte Kind am Mittwoch.

"Wir werden nun den angekündigten Weg gehen und alle notwendigen und rechtlichen Schritte einleiten", teilte der Club am Mittwoch mit. Laut Experten stehen die Chancen auf Erfolg sehr gut. Aus Vorsicht hat die DFL bereits beim Bundeskartellamt einen Prüfantrag eingereicht. Offensichtlich ist sich der Verband selbst nicht sicher, ob die 50+1-Regel möglicherweise gegen kartellrechtliche Bedenken verstößt.

"In den vergangenen Monaten hat es eine intensive, öffentlich geführte Debatte über die 50+1-Regel gegeben. Dieser Schritt soll allen Beteiligten Klarheit bringen", wird DFL-Präsident Reinhard Rauball in einer Liga-Mitteilung zitiert. Laut DFL hat Kind jetzt die Möglichkeit zur Anrufung des Ständigen Schiedsgerichts der Lizenzligen.

Lesen Sie auch: 96-Boss Kind droht der DFL mit Klage "durch alle Instanzen"

Zuvor hatte die Liga den Antrag von Kind und 96 auf Sondergenehmigung von der sogenannten 50+1-Regel abgelehnt. "In der abschließenden Bewertung kam das DFL-Präsidium zu dem Ergebnis, dass das Kriterium der "erheblichen Förderung" als Voraussetzung für die Erteilung einer Ausnahme von der 50+1-Regel nicht erfüllt ist", teilte die DFL mit. Der Bundesligist reagierte empört. "Die Entscheidung des DFL-Präsidiums ist unverständlich und offensichtlich rechtsirrig. Wir können nicht nachvollziehen, welche Grundlagen das DFL-Präsidium dabei geleitetet haben», heißt es in einer Vereinsmitteilung.

Kind, der mit kurzer Unterbrechung 20 Jahre an der Spitze des Vereins steht, und 96 pochen auf eine Ausnahmegenehmigung, die bereits bei den Liga-Konkurrenten Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg und 1899 Hoffenheim genehmigt wurde. "Wir halten noch einmal fest, dass der Ausnahme-Antrag, der gemeinsam von Hannover 96 e.V., Hannover 96 KGaA und Herrn Kind gestellt wurde, auf der Basis der bestehenden 50+1-Regel erfolgte und diese nicht infrage gestellt hat. Hannover 96 machte lediglich die gleichen Rechte geltend, die dem VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen und 1899 Hoffenheim bereits gewährt wurden."

Mit der DFL hatte sich Kind zuletzt immer wieder Scharmützel geliefert. An einer juristischen Auseinandersetzung hat der deutsche Fußball eigentlich kein Interesse. Die nun verkündete DFL-Entscheidung hatte sich über Monate hingezogen.

Zuletzt hatte der Ligaverband eigentlich Anfang Februar entscheiden wollen. Dann hatte Kind seinen Antrag zunächst ruhend gestellt, weil er eine Grundsatzdiskussion im deutschen Profi-Fußball abwarten wollte. Die hatte es indes nie gegeben. Stattdessen stimmte die Mehrheit der Clubs für einen Fortbestand der Regel, Kind aktivierte daraufhin seinen Antrag.

Weitere Reaktionen aus der Fußballwelt:

"Man muss sich überlegen, ob es grundsätzlich zeitgemäß ist, gewählte Mitbewerber von Hannover 96 tragfähige Entscheidungen treffen zu lassen." (Manager Horst Heldt von Hannover 96)

"Für Pro Verein 1896 und deren Unterstützer ist dies keine Überraschung, sondern nur die logische Konsequenz aus den bekannten Fakten. (...) Martin Kind hat durch sein ich-bezogenes Vorgehen maßgeblich zur Unruhe der letzten Monate und Jahre beigetragen." (Interessengemeinschaft «Pro Verein 1896»)

"Die Entscheidung ist konsequent. Auch im Hinblick auf die Entscheidung, die bereits auf der Mitgliederversammlung getroffen wurde. (...) Das Präsidium war anscheinend der Meinung, dass die Voraussetzungen nicht gegeben waren. (...) Ich finde, die 50+1-Regel hat dem Fußball in Deutschland sehr gut getan. Eigentlich haben wir einen Sonderstatus in der Bundesliga und dementsprechend auch die Zuschauer. Man muss nicht immer alles so machen, wie andere es international machen." (Präsident Fritz Keller von Bundesligist SC Freiburg)

"Eine folgerichtige und erwartbare Entscheidung"

"Generell nehmen wir keine öffentliche Bewertung zu Vorgängen und Angelegenheiten zwischen anderen Bundesligavereinen und der DFL vor. Wir begrüßen, dass die DFL dazu ein Verfahren beim Bundeskartellamt beantragt hat. Auf diesem Weg können letztlich Klarheit und Rechtssicherheit für die Vereine geschaffen werden. Auf den VfB Stuttgart bezogen stellt sich die Frage zum Fortbestand der jetzigen Form von 50+1 so nicht. Denn die VfB-Mitglieder haben unserem Verein klare Leitplanken gesetzt und diese sind auch in unserer Satzung fest verankert. Wir können maximal bis zu 24,9 Prozent unserer Anteile veräußern." (Präsident Wolfgang Dietrich vom VfB Stuttgart)

"Eine folgerichtige und erwartbare Entscheidung." (Geschäftsführer Andreas Rettig vom Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli)

"Ich glaube, wenn es ein ahndungswürdiges Thema wäre, hätte das Bundeskartellamt dieses in den fast jährlich stattfindenden Gesprächen mit der DFL zum Thema Fernsehrechte sicherlich zur Sprache gebracht. Das verwundert ein wenig, ist aber zur Kenntnis zu nehmen." (Rettig zur Ankündigung der DFL, einen Prüfantrag zur 50+1-Regel beim Bundeskartellamt zu stellen)

"In Deutschland führen wir diesbezüglich eine sehr emotionale Diskussion, auch weil es viele Fußballromantiker gibt, die die Kultur des Fußballs hier bewahren wollen. Ich bin der Meinung, dass man immer bedenken muss, für wen wir diesen Sport und auch dieses Geschäft betreiben. Das sind am Ende die Fans im Stadion und vor dem Fernseher. (...) Man muss sich fragen, was erst passiert, wenn wir die 50+1-Regel offiziell öffnen. Dann bewegen wir uns nur noch in Entertainmentmaschinen." (Arminia Bielefelds Geschäftsführer Markus Rejek im "Westfalenblatt")

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen