TV-Tipp : Now or never

Rebecca (Tinka Fürst) hat sich von Henry (Michael Pink) in die Berge bringen lassen, weil sie einen Wunderheiler aufsuchen will. /SWR/ARD/dpa
Rebecca (Tinka Fürst) hat sich von Henry (Michael Pink) in die Berge bringen lassen, weil sie einen Wunderheiler aufsuchen will. /SWR/ARD/dpa

Das Thema Sterbehilfe scheint sich kaum für einen humorvollen Spielfilm zu eignen. Dass es aber funktionieren kann, stellt eine Tragikomödie zur besten Sendezeit eindrucksvoll unter Beweis.

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24. Juni 2020, 00:01 Uhr

Eine junge Frau hat einen Tumor und will selbstbestimmt sterben - und das möglichst jetzt oder nie. Oder doch erst später, oder am liebsten gar nicht? Um derart schwere Fragen geht es in dem Film «Now or never», der am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen ist.

«So sieht also ein Sterbehelfer aus» - sagt Rebecca (großartig: Tinka Fürst), als sie den fahlen Henry (melancholisch: Michael Pink) erblickt. Der gibt sich betont lässig, trägt eine dunkle Sonnenbrille, raucht gern mal einen Joint - und verbringt den letzten Abend mit ihr und diversen Drinks in einer Bar. Bevor sie am nächsten Morgen ihren letzten Cocktail nehmen soll, ein tödliches Barbiturat, kommen dem notorisch übelgelaunten Henry erste Zweifel an seinem Job. Denn Rebecca ist so unglaublich lebenslustig, jung, attraktiv und humorvoll obendrein. Leider hat sie einen inoperablen Hirntumor und setzt all ihre Hoffnung auf einen angeblichen Wunderheiler in einem schweizerischen Bergdorf mit dem schönen Namen Königstal.

Henry fährt sie dorthin, verfolgt von Rebeccas jähzornigem Ehemann Daniel (Sebastian Jehkul) und von Benno (Johannes Allmayer), einem bislang unterforderten Mitarbeiter vom Hospiz, für das Henry arbeitet. Rebecca stiehlt unterwegs ein paar Dinge von einer Tankstelle, greift dem Fahrer schon mal ins Lenkrad und flirtet ziemlich unverhohlen mit ihm - frei nach dem Motto, dass es ja bekanntlich ein Leben vor dem Tod gebe. Sie schafft es, den meist übellaunigen Henry aufzuheitern, und findet den Grund heraus, warum er seine Traurigkeit hinter viel Zynismus verbirgt.

Regisseur Gerd Schneider (46, «Verfehlung») hat einen teils schwarzhumorigen, teils aberwitzigen Road-Trip ins Leben inszeniert. Mit parallel laufenden Dialogen zwischen diesen vier Menschen in zwei alten Autos wird viel von Rebeccas Leben und von der Arbeit von Sterbehelfern erzählt, überwiegend vor einer wild-romantischen Bergkulisse - die Henry als «Scheißhaufen der Götter» bezeichnet.

Die Musik in dieser Tragikomödie (Martina Eisenreich) spielt eine große Rolle, nicht zuletzt kurvt ein beleibter Elvis-Verschnitt zu passenden Songs («Now or never») in einem riesigen US-Straßenkreuzer durch die engen Landstraßen. Er nimmt Daniel und Benno mit, als deren Auto schlapp macht - schließlich ist Elvis ja unsterblich.

Im Film kommen alle möglichen Aspekte rund um das Thema selbstbestimmtes und würdevolles Sterben vor, das Schneider als eine Art von letztem Abenteuer des kostbaren Lebens schildert. Er macht deutlich, dass Sterbehilfe - so wie in der Schweiz - bislang in Deutschland nicht möglich ist, Wunderheiler eine Mär und unaufschiebbare Entscheidungen immer eine Gratwanderung sind.

Humorvoll, tiefgründig und scheinbar mühelos erzählt der kitschfreie Film davon, dass wir alle das Dasein auf Erden genießen sollten, vom richtigen oder falschen Abbiegen im Leben und der Angst vorm Sterben («Auschecken» nennt es Henry). Der Tod bedeutet schließlich das Ende von allem, was war - und was hätte sein können.

© dpa-infocom, dpa:200622-99-514525/2

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