Freenet : Vorstandschef Spoerr kämpft gegen Ablösung

Eckhard Spoerr, Vorstandsvorsitzender der freenet AG, spricht auf der freenet Hauptversammlung. Foto: dpa
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Eckhard Spoerr, Vorstandsvorsitzender der freenet AG, spricht auf der freenet Hauptversammlung. Foto: dpa

Von einem Show-Down war im Vorfeld der Freenet-Hauptversammlung die Rede. Eckhard Spoerr, Vorsitzender der skandalumwitterten Telekomfirma, sollte am Freitag gestürzt werden. Spoerr tat alles, um eine Mehrheit für seinen Machterhalt zu organisieren.

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08. August 2008, 06:06 Uhr

Anzeigen mit Unterschriften hunderter Mitarbeiter wurden im Vorfeld in Zeitungen geschaltet, um den Angriff der Großaktionäre United Internet und Drillisch zu verurteilen. "Wir werden ihnen keinen Show-Down präsentieren", versucht Spoerr denn auch gleich zu Beginn der Hauptversammlung die Luft raus zu nehmen. Ein Insider verrät: "Schon im Vorfeld wurde heftig in den Kulissen geschoben, damit Spoerr den Posten behalten kann."
Der Wettbewerber Drillisch, der wie United Internet über eine Holding gut 25 Prozent von Freenet kontrolliert, rudert schon zurück. Denn es zeichnet sich ab, dass "Wackelkandidaten" wie der britische Pensionsfonds Hermes, der vier Prozent der Freenet-Aktien hält, nicht den Daumen senken werden. "Ich glaube nicht, dass wir die nötige Mehrheit dafür erhalten werden", sagte Drillisch-Vorstand Vlasios Choulidis am Rande des Aktionärstreffens. Es wäre unwahrscheinlich, dass ein bestehendes Management abgewählt würde. In Unternehmens- und Aktionärskreisen wird indes erwartet, dass Spoerr den Posten in den kommenden Monaten niederlegen könnte.
Böse Worte und erfolglose Klagen
Wie war es zu der Eskalation gekommen? Für United Internet-Gründer Ralph Dommermuth und Drillisch-Vorstand Paschalis Choulidis war Ende 2007 die Zerschlagung des Telekomanbieters Freenet beschlossene Sache. United Internet wollte die Internet-Sparte, Drillisch das Handygeschäft übernehmen. Doch im Frühjahr holte der Freenet-Chef zum Gegenangriff aus: Mit dem soeben abgeschlossenen Kauf des doppelt so großen Mobilfunkanbieters Debitel schaffte Spoerr den mit 19 Millionen Kunden drittgrößten Handy-Anbieter nach T-Mobile und Vodafone. Freenet dürfte dadurch für die beiden Hauptgegner zu teuer werden. Böse Worte und erfolglose Klagen folgten auf den Debitel-Coup Spoerrs.
Die Aktionäre im Congress Centrum Hamburg sind sauer über die Intrigen - die meisten stehen aber hinter Spoerr. Einen solch "grotesken Versuch der Aktionärsverdummung" habe er in rund 30 Jahren auf Hauptversammlungen noch nicht gesehen, sagt ein Aktionär. Statt ein attraktives Übernahmeangebot zu machen, wollten United Internet und Drillisch die freien Aktionäre für ihre Abwahlpläne gewinnen und so versuchen, "ohne einen Cent zu zahlen" Freenet zu übernehmen.
Keine Grundlage für eine Abwahl des Vorstands
Der Freenet-Aufsichtsratsvorsitzende und frühere RTL-Manager Helmut Thoma macht klar, dass der Aufsichtsrat "keine wie auch immer geartete Grundlage" für eine Abwahl des Vorstands sehe. Allerdings werfen viele Aktionäre Spoerr mangelnde Transparenz beim teuren Debitel-Kauf vor. "Deshalb bekommen wir dieses Jahr keine Dividende", klagt die 64 Jahre alte Aktionärin Maria Nori.
Hermes-Vertreter Stephan Howaldt fordert, sich zukünftig weniger um aktienrechtliche Themen, sondern wieder mehr um das Tagesgeschäft zu kümmern. Robert Weber, Anwalt der Drillisch AG hingegen geht scharf mit dem Vorstand ins Gericht: Ein strategisches Konzept fehle und die Aktie habe 55 Prozent an Wert binnen eines Jahres verloren.
Spoerrs Verhalten sorgt für Kopfschütteln
Angesichts der scharfen Wortgefechte und vieler unzufriedener Aktionäre, stellt sich die Frage, wie lange sich der 40-Jährige Spitzenverdiener (ca. 4,4 Millionen Euro Verdienst im Jahr 2007) an der Spitze des 1999 gegründeten Unternehmens aus Büdelsdorf halten kann. Das Ergebnis schrumpft seit Quartalen; ein Umsatzplus hält Spoerr erst in ein bis zwei Jahren für möglich. Angesichts der Aussichten sorgt die Aussage, "die Geschichte des Unternehmens ist geprägt von kontinuierlicher Dynamik und erfolgreichen Veränderungsprozessen" bei so manchem am Freitag für Kopfschütteln.
Die langfristige Entscheidung über den Verbleib von Spoerr fällt einer, der auf der Hauptversammlung gar nicht auftritt: Der Finanzinvestor Permira - der rund 25 Prozent von Freenet hält. Dem Vernehmen nach stößt das Vorgehen von Spoerr auch bei Permira auf Kopfschütteln - zumal keine Ergebnisverbesserung in Sicht ist.
Für Kopfschütteln sorgt Spoerrs Verhalten auch bei Debitel - seine Strategie bleibt weiter unklar. Und Aktionen wie die großformatige Zeitungsanzeige zur Stimmungsmache gegen United und Drillisch stoßen übel auf. Es könne nicht sein, dass Mitarbeiter instrumentalisiert würden, um über die Medien die Entscheidungen der Aktionäre bei der Hauptversammlung zu beeinflussen, schrieb Debitel-Betriebsratschef Carsten Hügin in einem Brief an Spoerr.

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