"Zeit des Zorns" : Packende iranische Polit-Parabel

Der Iraner Ali (Rafi Pitts) möchte in 'Zeit des Zorns' nach der Entlassung aus dem Gefängnis nur noch für seine Familie da sein - doch alles kommt anders. Foto: dpa
Der Iraner Ali (Rafi Pitts) möchte in "Zeit des Zorns" nach der Entlassung aus dem Gefängnis nur noch für seine Familie da sein - doch alles kommt anders. Foto: dpa

Mit "Zeit des Zorns" kommt eine packende Polit-Parabel aus dem Iran in die Kinos: Eine scheinbar banale Story wird meisterhaft zu einem vielschichtigen Zeitgemälde.

shz.de von
06. April 2010, 06:03 Uhr

Regisseur Rafi Pitts (43) nutzt in seinem fünften Spielfilm handfeste Krimispannung für einen verstörenden Blick auf den Alltag seiner Heimat. Der Regisseur, der seit Jahren in Frankreich lebt, sagte dazu anlässlich der Uraufführung auf den Berliner Filmfestspielen im Februar: "Ich stelle Fragen auch für die, die nicht fragen können."
Im Mittelpunkt der spröden Geschichte steht der Mittvierziger Ali Alavi, von Rafi Pitts selbst mit stoischer Männlichkeit verkörpert. Ali lebt mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter in Teheran. Er arbeitet in einer Fabrik. Wegen einer Gefängnisstrafe wird er ausschließlich nachts beschäftigt. Warum der Mann, der nicht wie ein Arbeiter, sondern wie ein Intellektueller wirkt, in Haft war, bleibt offen.
"Ich liebe drei Pünktchen. Und ich stelle Fragen"
Dazu und zu den vielen anderen Verschlüsselungen im Film erklärte der Regisseur: "Ich glaube nicht an Punkte, sondern an Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen. Ich komme daher, wo es immer einen Punkt gibt. Immer! Ich liebe drei Pünktchen. Und ich stelle Fragen."
Rasch wird die Geschichte sehr dramatisch: Ali sucht ein harmonisches Leben. Dazu gehören für ihn die Einsamkeit der Wälder und das Jagen. Er richtet sich ein. Die scheinbare Idylle zerbirst, als er vom Tod seiner Frau und seiner Tochter bei öffentlichen Unruhen erfährt. Aus Verzweiflung tötet Ali wahllos zwei Polizisten. Danach beginnt eine Flucht, in deren Verlauf die Grenzen zwischen Gut und Böse mehr und mehr verwischen.
"Jedes Leben, das der Hass kostet, ist ein Leben zu viel"
Die deutsch-iranische Koproduktion spiegelt mit ihren vielen Anspielungen das Leben im gegenwärtigen Iran sehr genau. Der Film wirkt momentweise wie eine spontane Reaktion auf die Demonstrationen anlässlich der Wahlen im vergangenen Sommer. "Wir hatten die Drehgenehmigung lange vor den Geschehnissen. Wir drehten zufällig während der Wahlen im Iran. Und wenn es zu dieser Zeit Demonstrationen im Iran gab, ist es natürlich klar, dass so etwas Einfluss auf den Film nehmen könnte", erklärte Rafi Pitts.
Zur politischen Dimension seiner Arbeit äußerte sich der Regisseur nicht mit direktem Bezug auf den Film. Grundsätzlich aber sagte er: "Mein Land Iran wird nur dann ein schönes Land sein, wenn man sich endlich dazu bequemt, mit den Oppositionellen zu reden. Hass bringt keine Lösungen, nur reden." Er ergänzte: "Ich glaube nicht, dass irgendeine Wahl auch nur ein Menschenleben kosten darf, auf keinen Fall. Jedes Leben, das der Hass kostet, ist ein Leben zu viel."
Stilistisch erinnert "Zeit des Zorns" an die Spielfilme, mit denen Regisseur Carlos Saura im faschistischen Spanien der 1970er Jahre weltberühmt wurde, etwa "Anna und die Wölfe" (1972). Wie sein spanischer Kollege damals versteht es Rafi Pitts heute, eine scheinbar banale Story meisterhaft für ein vielschichtiges Zeitgemälde zu nutzen. Mit diesem Film bestätigte er erneut, dass er zu den wichtigsten Vertreten des Neorealismus im iranischen Kino gehört.

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