Justizpanne : Gefährlicher Kinderschänder: Jetzt ist er frei

Aus der Justizvollzugsanstalt  Lübeck-Lauerhof wurde der gefährliche Sexualstraftäter  entlassen. Foto: dpa
Aus der Justizvollzugsanstalt Lübeck-Lauerhof wurde der gefährliche Sexualstraftäter entlassen. Foto: dpa

Er wird von Sachverständigen als "gefährlich" eingeschätzt. Trotzdem wurde ein 61-jähriger Sexualstraftäter in Lübeck aus der Haft entlassen. Der Grund: Die Frist für ein Gutachten wurde versäumt.

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22. Oktober 2008, 07:38 Uhr

Er ist wieder auf freiem Fuß: Ein als gefährlich eingestufter Sexualstraftäter ist jetzt aus der Justizvollzugsanstalt Lübeck entlassen worden. Das Gericht hat gegen den 61-Jährigen lediglich eine Führungsaufsicht verhängt.
Eine Entscheidung, die auf breites Unverständnis trifft. "Es ist eine bedrückende Situation", sagt Heinz-Werner Arens. "Dieser Mann ist eine Bedrohung, er hat sich nicht unter Kontrolle, ist ein potenzieller Wiedertäter", so der Landesvorsitzende der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Er sei "entsetzt, dass der Mann frei gelassen wird". Der frühere schleswig-holsteinische Landtagspräsident sieht die Situation vor allem aus Sicht möglicher Betroffener. "Da geht doch die Angst der Eltern um ihre Kinder um."
Der Mann war im Juli 2004 zu fünf Jahren Haft wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kleinkindes, seiner Stieftochter, verurteilt worden. Wegen Erkrankung eines Gutachters war die Entscheidungsfrist für eine Sicherungsverwahrung verstrichen. Das Landgericht Kiel hatte sie dennoch angeordnet, nachdem auch ein zweiter Gutachter den Straftäter als gefährlich eingestuft hatte. Der Bundesgerichtshof hob die Entscheidung aus formalen Gründen auf. Die Kieler Staatsanwaltschaft will weiterhin erreichen, dass eine nachträgliche Sicherungsverwahrung verhängt wird.
Expertin: "Versäumnis unserer Justiz"
"Da kann man wohl nichts tun", sagt Monika Frommel, Professorin für Strafrecht und Kriminologie an der Uni Kiel. "Man hatte genug Zeit, zu prüfen, wie gefährlich der Mann ist. Es gibt nicht nur zwei Gutachter im Land. Das ist ein Versäumnis unserer Justiz", betont Frommel.
Die Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes, Irene Johns, kritisiert die Entscheidung, den Täter zu entlassen. "Es soll in Kauf genommen werden, dass aufgrund eines Formfehlers - das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen - ein Kind zu Schaden kommt. Das wäre nicht hinnehmbar und verheerend", sagt Johns.
Sextäter will nach Bremen
Schleswig-Holsteins Justizminister Uwe Döring (SPD) bedauert, dass „ein solch gefährlicher Straftäter aufgrund eines Formfehlers auf freien Fuß kommt“. Der Justizminister signalisierte, dass der 61-Jährige unter Beobachtung bleiben wird. "Er soll nicht wissen, wann er überwacht wird, aber dass er beobachtet wird", sagte Döring. Für den Fall, dass der Straftäter Schleswig-Holstein verlasse, würden alle relevanten Daten dem betreffenden Bundesland zu Verfügung gestellt werden.
Diese Aussage trifft in Bremen auf offene Ohren. Wie die Sprecherin des Bremer Senats für Justiz und Verfassung bestätigte, beabsichtigt der entlassene Sexualstraftäter, in den Stadtstaat zu ziehen. "Wir sind darüber rechtzeitig in Kenntnis gesetzt worden", sagt Verena Korrell. Die Sprecherin des Justizsenats versichert: "Wir haben alle Vorbereitungen getroffen. Er wird sich unverzüglich bei seinem Bewährungshelfer vorstellen müssen." Die Bevölkerung der Hansestadt sei bisher jedoch kaum informiert. "Die Geschichte ist hier nicht durch die Presse gegangen." Die Polizei habe den Sexualstraftäter im Blick, gleichzeitig räumt Korrell aber ein: "Jede engmaschige Überwachung hat ihre Grenzen."
Sollte der 61-Jährige rückfällig werden, wandert er ohne Umwege wieder hinter Gitter. Laut Gutachtern ist das ja nur eine Frage der Zeit.

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