Urlaubsexzesse 2008 : Eine Schadensbilanz des Sommers

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Der Sommer ist vorbei. Nun hat das Foreign Office in London damit begonnen, die diesjährigen Verfehlungen der berüchtigten britischen Pauschaltouristen aufzulisten.

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21. September 2008, 04:23 Uhr

Der Bericht trägt den bezeichnenden Titel "Britisches Benehmen im Ausland". Er wird die Umgangsformen der Untertanen Ihrer Majestät mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch in diesem Jahr mit einem satten "Mangelhaft" benoten. Zahlreiche englische, schottische, walisische und nordirische Urlauber sind seit Anfang Juni in Spanien, Griechenland und Frankreich wegen "Verhaltensauffälligkeiten infolge exzessiven Alkoholkonsums" verhaftet oder in Krankenhäuser eingeliefert worden. Wieder einmal.

Und seien wir ehrlich: Wer kennt sie nicht, die marodierenden Horden britischer Südeuropa-Touristen mit ihren charakteristischen heftigen Sonnenbränden und den ewigen "Here we go, here we go, here we go"-Gesängen? Wer kennt sie nicht, die Strand-Flegeleien; feixende englische Urlauber, die sonnenbadende Touristinnen wahlweise mit Bier begießen oder unaufgefordert deren Brüste fotografieren, andere Hotelgäste vom Balkon aus mit Wasserbomben bewerfen oder auf den Tanzflächen der "Discotecas" zu fortgeschrittener Stunde (und mit stetig weiter steigendem Alkoholpegel) der Damenwelt immer aggressiver ihre Avancen machen. Bevorzugt, indem sie mit zuckenden Bewegungen zum Rhythmus der Musik den Geschlechtsakt imitieren, um dann mit plumpen, gelallten Sprüchen aufs Ganze zu gehen. Und wer kennt sie nicht, die Situationen, in denen Ausgelassenheit in Beschimpfungen und wüste Drohungen ("You wont forget this day til the end of your life, you fuckin bloody bastard") - im wahrsten Sinne des Wortes - umschlägt, sprich: Biergläser und Fäuste fliegen. Nein, kein Zweifel: Die in Last-Minute-Bombern aus Manchester und Liverpool eingeschwebten Urlaubshooligans haben sich ihren Ruf über Jahrzehnte hinweg hart erarbeitet.
Stört Urlauber aus Nachbarländern: Liegestühle per Handtuch zu "reservieren"

Doch offensichtlich starten auch aus Hamburg, Dortmund und Köln/Bonn Touristen in die Ferien, die es während der "schönsten Zeit des Jahres" ein bisschen zu sehr krachen lassen wollen. Und es bleibt dabei, für unsere Nation birgt diese Tatsache besonderen Sprengstoff. Persönliche Kontakte, die Erfolgsgeschichte der (auch außenpolitisch zuverlässigen) Bundesrepublik und die Gastfreundlichkeit während der Fußballweltmeisterschaft 2006 haben zweifellos dazu beigetragen, unser Image im Ausland zu verbessern. Dennoch: Fakt ist, dass, Generationswechsel hin oder her, die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg nach wie vor viele europäische Nachbarn dazu treiben, deutsche Urlauber und ihr Auftreten kritischer zu beäugen als Touristen aus geschichtlich unbelasteteren Staaten.

Umso verheerender, wenn sich manche, auch schleswig-holsteinische Reisende nur wenig um landestypische Besonderheiten und daraus abzuleitende Verhaltensregeln scheren und stattdessen durch öffentliche Trinkgelage, lautstarke Handy-Telefonate, allzu freizügige Kleidung und ständiges Herumkritteln am Hotelservice unangenehm auffallen. Beinahe schon traditionell stören sich Urlauber aus europäischen Nachbarländern an der spezifisch deutschen Unsitte, Liegestühle frühmorgens per Handtuch-Platzierung zu "reservieren". Der Mode-Klassiker der tumben Kombination von Söckchen mit sicherlich praktischen, unter ästhetischen Gesichtspunkten allerdings indiskutablen Trekking-Sandalen oder "Adiletten" kommt hinzu. Am meisten stößt im Ausland jedoch die Neigung deutscher Touristen auf, Urlaubsmängel mit geradezu kriminalistischem Spürsinn aufzudecken und minuziös zu dokumentieren, um nach der Rückkehr den Reiseveranstalter in Regress nehmen zu können. Keine Frage, an diesem Punkt spiegelt sich ein Teil unseres (eigentlich nicht zu verallgemeinernden) "Nationalcharakters" wider - die sattsam bekannte Mischung aus Spießig- und Humorlosigkeit.

Aber ist diese Mischung nicht letztendlich harmloser als die Gewalt- und Obszönitätsexzesse britischer Pauschalreisender auf Mallorca, Ibiza, Rhodos, Kos oder Kreta, die dem nationalen Gentleman-Ideal, gelinde gesagt, ein wenig zu widersprechen scheinen? Zudem bleibt, im Vereinigten Königreich genauso wie hierzulande, festzuhalten, dass sich die unauffällige Mehrheit tadellos benimmt, während die Entgleisungen anderer Urlauberfraktionen, eben weil sie so spektakulär sind, die öffentliche Wahrnehmung bestimmen. Im Übrigen hängt der Scheußlichkeitsfaktor deutscher und britischer Reise-Tabubrüche nicht unwesentlich vom Ferienort ab. Wer in südeuropäischen Bettenburgen ausgeprägte touristische Etikette erwartet, sollte sich am besten schon bei der Ankunft um einen vorzeitigen Rückflug bemühen.

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