CO2-Einlagerung im Erdboden : "Der Versuch am lebenden Objekt"

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Wie gefährlich ist die Technologie, bei der CO2 tief im Erdboden eingelagert werden soll? Ein Gespräch mit Olav Hohmeyer, Klimaforscher an der Uni Flensburg, und Andreas Dahmke, Geologe der Uni Kiel.

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02. August 2009, 12:33 Uhr

Herr Hohmeyer, Herr Dahmke, brauchen wir ein CO2-Endlager in Schleswig-Holstein?
Hohmeyer: Das kann man so noch nicht beantworten. CO2-Capture-And-Storage (CCS), also die Einlagerung von CO2, ist eine der möglichen Optionen, die Emission von Treibhausgasen in die Atmosphäre zu reduzieren. Die Frage ist, wann das nötig ist und wofür. Der letzte Bericht des UN-Klimarats (IPCC) zeigt, dass wir wahrscheinlich nach 2070 der Atmosphäre Treibhausgase entziehen müssen. Ich bin deshalb dafür, dass man nicht mehr in größerem Maße auf die Kohle setzt - wie sich das derzeit bei uns in der Industrie aber abzeichnet. Es dürfen keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut und betrieben werden. Wir müssen stattdessen so schnell wie möglich auf regenerative Quellen umstellen.

Erübrigte das ein Endlager?
Hohmeyer: Nein. Auch wenn es uns gelingt, mit Hilfe der regenerativen Energiequellen unsere (Netto-)CO2-Emissionen auf Null zu reduzieren, kann es sein, dass wir nach 2050 in erheblichem Maße CO2 aus der Atmosphäre rausholen müssen. Das muss dann wie das CO2 aus der Kohlenutzung so eingelagert werden, dass es nicht mehr in die Atmosphäre gelangen kann. Die Speicherstätten für CO2 sind aller Voraussicht nach deutlich begrenzt. Es geht also nicht so sehr darum, ob wir CO2 in den Untergrund bringen müssen, sondern wann und welches. Nur wenn wir sehr viel Glück haben, werden wir ganz ohne CCS (für CO2 aus der Atmosphäre) auskommen. Auf keinen Fall dürfen wir heute die knappen Lagerstätten mit CO2 aus dem unnötigen Einsatz von Kohle verstopfen.

Wird es dann Lager in Schleswig-Holstein geben?
Hohmeyer: Das ist sehr gut möglich. Denn in Schleswig-Holstein haben wir wahrscheinlich eine der sichersten Formationen für die Einlagerung in Deutschland. Darum wird Schleswig-Holstein mittel- oder langfristig ganz oben auf der Liste der möglichen Lagerstätten stehen. Aber jetzt geht es erst einmal darum zu klären, wann brauchen wir es und wie sicher sind diese Lagerstätten.

Einverstanden, Herr Dahmke?
Dahmke: 95 Prozent Übereinstimmung. Effizienzsteigerung, Ausstieg aus der Kohle - alles daccord. Zu den fünf Prozent Differenz: Wir müssen an Kohlekraftwerke, die wir schon haben beziehungsweise, die jetzt gebaut werden, CCS anschließen. Es macht keinen Sinn, in 30 oder 50 Jahren CO2 aus der Atmosphäre abzuziehen, wenn wir jetzt verhindern können, dass es überhaupt in die Atmosphäre gelangt. Ich bin also eher für eine kurzfristige Prüfung der Optionen, ob CCS tatsächlich möglich ist. Wir haben eine gute Indikation, abschließend wissen wir aber noch zu wenig. Das kriegen wir nur raus, wenn wir auch untersuchen dürfen - in einem Maßstab, der relevant ist.

Das bedeutet?
Dahmke: Dass man das CO2 aus einem Kohlekraftwerk hier zu speichern versucht. Ich spreche zunächst einmal von einer Million Tonnen pro Jahr bei einer Laufzeit von 40 Jahren, in den ersten fünf Jahren auf einem Gebiet von etwa 25 Quadratkilometern, später zirka zehn Kilometer mal zehn Kilometer. Da weiß man bereits nach vier, fünf, zehn Jahren sehr genau, wie es sich im Untergrund verhält. Wir wüssten also in kürzester Zeit, ob CCS eine Option für die Zukunft ist. Wir brauchen einfach einen Testfall, der groß genug ist, damit wir Aussagen treffen können. Und in Schleswig-Holstein sind dafür die besten Voraussetzungen.

Das klingt mit Asse im Hinterkopf nach dem Versuch am lebenden Objekt.
Dahmke: Es ist der Versuch am lebenden Objekt. Ganz klar: Asse ist katastrophal gelaufen. Wenn Sie aber davon ausgingen, jeder Flug endete mit einer Flugzeugkatastrophe, würden Sie nicht in einen Flieger steigen. Was ich damit sagen will: Die statistische Sicherheit, dass die CCS klappt, ist gegeben. Wir haben genügend Testfälle, die zeigen, es bleibt in der Regel unten. Und wenn es austritt, dann in so kleinen Mengen, dass keine Gefahr für Leib und Leben besteht. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit.

Herr Hohmeyer, Sie sagen hingegen, die Technik sei noch nicht sicher genug.
Hohmeyer: Das gehört zu den fünf Prozent Unterschied und der Frage, was wann zu tun ist. Es ist unabdingbar, dass wir vor jeder Nutzung von CCS außerordentlich genaue Untersuchungen machen und die Ergebnisse extrem transparent für die Bevölkerung sind. Aber: Wenn diese Aktivitäten im Bereich CCS dazu führen, dass Kohle weiter ausgebaut wird oder im Bereich der regenerativen Energien weniger getan wird, dann haben wir keine Problemlösung, sondern eine Problemverschärfung. Politisch heißt das für mich: Der Weiterbau von Kohlekraftwerken wird, wenn sie nicht an CCS gebunden sind, verboten. Bei den vorhandenen wird geschaut, wo sich so etwas nachrüsten lässt.

Dahmke: Selbst bei Gaskraftwerken.

Hohmeyer: Klar.

Dahmke: Ich befürchte, wir sind nicht so schnell. Wir brauchen sieben, acht Jahre Erfahrung. Und dann sind wir schnell in den Zeiten, wo wir die Endlager wirklich benötigen. Deswegen fordere ich einen schnellen, aber nicht überstürzten Start. Das ist in der Bevölkerung aber nie so vermittelt worden. Die Bevölkerung wurde nicht eingebunden. Nächster Punkt: Wenn man über Risiko redet, steht auch die Frage nach dem Nutzen im Raum. Der Nutzen für die Region ist nie definiert worden. Wie wäre es, wenn man diese Region neben CCS auch in vorbildliche Neue-Energie-Regionen umwandelte und das förderte? Stattdessen haben zahlreiche Gruppen das Thema für sich missbraucht, um sich darüber zu profilieren. Es war katastrophal, dass es im Vorwahlkampf passiert ist. Zwei Jahre später hätten man wesentlich sachlicher diskutieren können.

Hohmeyer: Zur Situation Wahlkampf. Das haarigste an dem Verfahren ist gar nicht in Schleswig-Holstein, sondern in Berlin passiert. Dort wollte man zu diesem Thema ganz schnell und ohne irgendeine Debatte ein Gesetz durchbringen, als Umsetzung einer EU-Richtlinie. Wir haben es hier aber mit einem Thema zu tun, das genau das Gegenteil braucht: Zeit und eine gründliche öffentliche Diskussion. Gleichzeitig ist von interessierter Seite mit massiven Projekten gedroht worden (RWE mit seiner CO2-Pipeline und den CCS-Plänen). Was den politischen Prozess angeht, hat man also alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann.

Dahmke: Ja. Und auch auf industrieller Seite.

Das klingt, als wären Sie zu 100 Prozent einer Meinung. Was sind die fünf Prozent?

Hohmeyer: Die beziehen sich auf den Zeitpunkt und die Frage, CCS mit Kohle zu koppeln. Für mich gibt es da zwei unterschiedliche Bereiche: Stromerzeugung - dafür brauchen wir die Kohle mit Sicherheit nicht und damit auch sehr bald schon keine CCS - und Industrie. Da gibt es nur ein paar Kernprozesse, die ohne CO2-Ausscheidung nicht auskommen, die Stahl- und Zementproduktion. Doch das sind Größenordnungen, die sich zunächst vernachlässigen lassen.

Dahmke: Das bedeutet aber: Wenn wir 2050 damit beginnen wollen, aktiv CO2 aus der Atmosphäre abzuziehen, muss 2040 bei der Industrie Schluss sein und bis 2030 darf es nur noch Kohle- und Gaskraftwerke mit CCS geben.

Lassen Sie uns noch mal auf die Sorgen in der Bevölkerung schauen. Da ist die Angst vor einem Austritt von CO2.
Dahmke: Bei dem, was wir derzeit in Modellen errechnen, ist der großflächige CO2-Austritt nicht möglich beziehungsweise wissenschaftlich ausgedrückt sehr unwahrscheinlich. Selbst wenn Leckagen auftreten sollten wie wir sie auch in Vulkangebieten kennen - auch in Deutschland haben wir mehrere Vulkangebiete, zum Beispiel in der Eifel - bedeuten die CO2-Emissionen und Bodenveränderungen keine statistisch signifikante Gefahr für Leib und Leben.

Hohmeyer: Sie würden solche Gefahren nur provozieren, wenn Sie luschig wären. Oder wenn sie die wirklich nicht geeigneten Formationen nutzten.

Eine weitere Sorge ist, dass CO2 ins Grundwasser gelangt.
Dahmke: Wir sind dabei, entsprechende Modelle zu rechnen. CO2 kann sicher den pH-Wert des Wassers verändern. Wir bekommen eine Grundwasserchemie wie sie in bestimmten Vulkangebieten vorhanden ist, wenn sehr viel CO2 flächendeckend ins Grundwasser, hineinkommt. Dass das passiert, können wir uns geologisch kaum vorstellen. Trotzdem testen wir, was dann passieren würde. Das sind Forschungsergebnisse, die durch die Bewegung gegen die Endlager derzeit gestoppt sind. Ein anderes Problem ist die Verdrängung von tiefem Salzwasser, das in höhere Grundwasserschichten gepresst werden kann. Dieser Effekt ist sehr standortspezifisch und kann pauschal nur schwer bewertet werden. Auch hierzu sollten umfangreiche Forschungsprojekte laufen, deren Beginn derzeit aber infrage gestellt ist.

Gibt es eine Alternative zu CO2-Endlagern?
Hohlmeyer: Eine Möglichkeit wäre Bioverkohlung: Durch Photosynthese entzieht man der Atmosphäre CO2, das in Holz umgesetzt wird. Daraus macht man Kohle, die dann wiederum eingelagert wird. Dabei handelt es sich aber um sehr, sehr große Mengen.

Dahmke: Zudem braucht man eine Riesenfläche für den Holzanbau. Die allein zu finden wäre schwierig. Das ginge im Grunde nur in der Wüste, wo wir dann aber erst wieder Wasser hinschaffen müssten. Hinzukommt, dass Kohle Stoffe enthält, die hochgradig krebserregend sind. Ich bin aber dafür, dass andere Wege des CO2-"Recyclings" auch intensiv untersucht werden.

Wie ist es mit dem Versuch, CO2 in der Tiefsee einzulagern?
Hohmeyer: Meiner Ansicht nach ist das der größte Blödsinn.

Warum?
Hohmeyer: Weil wir über die Tiefsee weniger wissen als über die Rückseite des Mondes. Es gibt da wohl sehr starke Strömungen, die wir aber nicht wirklich kennen. Das heißt, wir gehen die große Gefahr ein, dass das CO2 irgendwo wieder austritt. Eine Einbindung wie in geologischen Schichten passiert dort nicht.

Dahmke: Ich denke, da muss man etwas unterscheiden. Die Einleitung von CO2 in die Sedimente der Tiefsee, wie es vom Kollegen Wallmann intensiv untersucht wird, kann schon Sinn machen. Aber auch hier gibt es Risiken, und die Technik ist großtechnisch leider noch längst nicht soweit wie bei der CO2-Einlagerung in salinen Schichten. Es gibt im Grunde keine Alternative, bei der wir sagen könnten, in fünf Jahren können wir beginnen. Und das ist der Reiz bei der CO2-Einlagerung in salinen Schichten. Die gibt es übrigens auch nicht nur unter Landoberflächen, sondern auch unter bestimmten Gebieten der Nordsee, was nicht mit der CO2-Einlagerung in der Tiefsee verwechselt werden darf.

Was passiert, wenn CCS nicht realisiert wird?
Dahmke: Dies wäre ein weiterer schwerer Rückschlag im jetzt schon nicht besonders aussichtsreichen Kampf gegen die Geschwindigkeit und das Ausmaß des zukünftigen Klimawandels. Nach den jetzigen wissenschaftlichen Diskussionen wird die Zielsetzung einer zwei Grad Celsius Temperaturerhöhung als nicht mehr realistisch eingeschätzt, sondern eher die vier Grad angepeilt, was bereits heute nicht mehr korrigierbare Folgen zum Beispiel für den Anstieg des Meeresspiegels hat. Alles, was wir nicht sofort in Punkto Effizienzsteigerung, dem massiven Umbau der Energieversorgung auf regenerative Technologien aber auch der Reduktion bestehender CO2-Quellen, das heißt Kohle- und Gaskraftwerke, zum Beispiel über CCS angehen, müssen unsere Kinder wahrscheinlich unter wesentlich schwereren Randbedingungen und um Zehnerpotenzen erhöhten wirtschaftlichen Aufwand machen. Diese Hypothek ist meines Erachtens wesentlich dramatischer als unser heutiger Schuldenberg. Ein letzter Punkt: Die wirkliche Dramatik in Punkt CO2-Ausstoß findet in anderen Ländern der Erde wie zum Beispiel China oder Indien statt. Das CCS in einem Hochtechnologieland wie Deutschland, quasi ohne ernsthafte Erkundung und Erprobung, zu den Akten gelegt wird, wäre ein katastrophales Signal an diese Länder, die in den nächsten Jahren die billige Kohleverstromung weiter ausbauen werden.

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