Schleimündung / Kappeln : 655.000 Euro für die Lotseninsel

Eine gemeinnützige Stiftung aus Hamburg ersteigerte am Sonnabend in Berlin die Lotseninsel. Die Lighthouse Foundation erhielt bei 655.000 Euro den Zuschlag.

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21. September 2008, 08:00 Uhr

Bei 490.000 Euro geht auch Thomas Engel die Puste aus. Die Kehle ist trocken, die Stimme kratzig. Er nimmt einen kräftigen Schluck Wasser - eine klitzekleine Atempause für den Auktionator der Deutsche Grundstücksauktionen AG, der seit knapp zehn Minuten im Schöneberger Rathaus über das Schicksal der Lotseninsel an der Schleimündung wacht.
Und auch eine Atempause für die übrig gebliebenen zwei Bieter - ein Herr mittleren Alters in der vorletzten Reihe im Publikum rechts und ein zweiter Herr am Telefon -, die sich seit der Summe von 340.000 Euro ein einsames Stechen liefern und in 50.00 Euro-Schritten ihrem Ziel entgegen fiebern, die Insel schon bald ihr Eigen zu nennen.
Auch nach der kurzen Pause geht das so weiter, bis ein zweiter Bieter am Telefon mit einer Summe von 560.000 Euro das Rennen noch einmal spannend gestaltet. Und das just in dem Moment, als der Herr im Publikum rechts klein beigibt. Jetzt sind nur noch die beiden Bieter an den Telefonen übrig, die sich bis zu der Summe von 650.000 Euro nichts schenken. Dann um 19.11 Uhr und bei sage und schreibe 655.000 Euro _ das Mindestgebot lag bei 125-000 Euro _ fällt der Hammer. "Zum Dritten", ruft Thomas Engel. Verkauft an den zweiten Bieter am Telefon.
"Die Summe ist eine Katastrophe"
Hinter diesem verbirgt sich Jens Ambsdorf, Stiftungsvorstand der Hamburger Lighthouse Foundation - Stiftung für Meere und Ozeane, der sich nach der Auktion am Sonnabendabend per Telefon bereitwillig den Fragen der anwesenden Journalisten stellt. Ob er mit einem so hohen Versteigerungserlös gerechnet hätte? Nein, habe er nicht. "Die Summe ist eine Katastrophe. Es ist viel zu viel. Der kommerzielle Wert der Insel liegt weit unten diesem Ergebnis", sagt eine etwas entsetzte, aber gleichzeitig auch erleichterte Stimme am anderen Ende der Leitung. Denn die millionenschwere Stiftung, in deren Auftrag Jens Ambsdorf ersteigert hat, hat es sich seit dem Jahr 2000 zum Ziel gesetzt, ein "ganzheitliches und langfristig ausgerichtetes Denken und Handeln der Menschen im Umgang mit dem Meer zu unterstützen", heißt es auf der Homepage der gemeinnützigen Stiftung, die sich weltweit für eine nachhaltige, umweltgerechte, wirtschaftlich tragfähige und sozial gerechte Entwicklung einsetzt.
Dabei wäre fast nichts aus dem neuen Projekt der Stiftung geworden. Jens Ambsdorf hatte sich regelrecht gefreut, als der Bundesfinanzminister in der vergangenen Woche die Versteigerung absagte, damit Bund und Land Schleswig-Holstein über die Zukunft der Lotseninsel neu verhandeln können. Doch als es hieß, Kommando zurück, es wird doch versteigert, da "sind wir eingesprungen", so Ambsdorf, der die Entscheidung mitzusteigern wie folgt begründet: Die Lotseninsel stehe im ökonomischen, ökologischen und soziokulturellen Interesse und müsse erhalten werden. Der entscheidende Satz: "Es bleibt alles so wie es ist", richtet sich auch an die Pächter der Lotseninsel.
Die 655.000 Euro sind auch der mit Abstand höchste Auktionserlös des Tages
Echte Sorgen hätten sie sich aber nie machen müssen, sagt Auktionator Thomas Engel, denn man habe von Anfang an versucht, den Interessenten falsche Illusionen auszureden. "Wir haben immer klar gemacht, dass man auf der Insel nie wird bauen dürfen." Und so kam es, dass aus dem Kreis der ursprünglich gut 40 Interessenten am Sonnabend nur zehn übrig blieben, von denen sechs per Telefon mitsteigerten - unter ihnen eine Gruppe von Landbesitzern aus der Nähe von Kappeln - und vier im Publikum Platz nahmen. Unter diesen ein Paar, das bereits bei 140.000 Euro aufgeben muss, ein junges Pärchen, das im Auftrag bis 200.000 Euro mit bietet und nach der Versteigerung ebenfalls kommentarlos den Saal verlässt, der erwähnte Herr im Publikum rechts, der nur so viel sagen will, dass er für einen Auftraggeber aus Norddeutschland in das Schöneberger Rathaus gekommen ist, und Matthias Max Möller aus Berlin. Der 35-Jährige ist mit 160.000 Euro ins Rennen gegangen, weil er den Traum hatte, auf der Lotseninsel mit Freundin und Hund Ferien zu machen. Doch der Traum des gebürtigen Eckernförder zerplatzte schnell. "Das ist nicht so schlimm", staunt Möller über das Auktionsergebnis: "Der Preis ist der Hammer." Und diese 655.000 Euro sind auch der mit Abstand höchste Auktionserlös des Tages.
"400000 Euro hätte ich mir schon vorstellen können, aber diese Summe hatten wir nicht erwartet", meinte der Vorstandsvorsitzende der Deutsche Grundstücksauktionen AG, Hans Peter Plettner. Ob die Lighthouse Foundation nun auch zum rechtmäßigen Käufer der Lotseninsel bestimmt wird, hängt jetzt vom Bundesfinanzministerium ab. "Wir haben heute den Verkehrswert festgestellt", so Plettner. Nun liege es am Bund, der sechs Wochen Zeit hat, das Auktionsergebnis zu prüfen und festzulegen, ob die Hamburger Eigentümer werden oder das Land Schleswig-Holstein die Lotseninsel doch noch kaufen darf. Letztere Variante erscheint Plettner nun nicht mehr als tragfähig, da mit der Lighthouse Foundation ein Käufer gefunden worden sei, der all die Wünsche erfülle, die das Land, die Inselpächter und all die anderen Unterstützer geäußert hätten. "Es wird schwer werden gegen diese Sachlage zu argumentieren", so Plettner. Hinzu komme, dass die Stiftung seiner Ansicht nach mehr zahlt, als das Land zu zahlen bereit wäre.
Gibt es grünes Licht für die Hamburger, dann, so das Versprechen des Berliner Aktionshauses, gehen 3000 Euro zur Unterstützung an die Stiftung. Denn ein so schönes Ergebnis mit einem so idealen Käufer, so Plettner, gebe es nicht alle Tage und müsse belohnt werden.

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