Der Heilige von Myra

St. Nikolaus – Auferweckung der getöteten Scholaren (Altartafel in der Kirche St. Mariae in Mühlhausen in Thüringen).

St. Nikolaus – Auferweckung der getöteten Scholaren (Altartafel in der Kirche St. Mariae in Mühlhausen in Thüringen).

Am Freitag stellen wieder unzählige Kinder ihre geputzten Stiefel raus – in der Hoffnung, dass Nikolaus ihnen etwas Schönes hineinlegen möge. Doch wer ist eigentlich dieser Mann?

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30. November 2019, 00:01 Uhr

 Lasst uns froh und munter sein und uns recht von Herzen freun!“ Auf Nikolaus nämlich, der konfessionsübergreifend am 6. Dezember gefeiert wird. Über keinen anderen Heiligen sind sich Christen so einig wie über ihn. Und kein anderer hat den letzten Monat im Jahr so geprägt wie er, denn auch der Weihnachtsmann ist nichts anderes als ein Nikolausmutant in rotem Mantel.

Ein Mann steht vor dem Haus. Mitra und Krummstab zeichnen ihn als Bischof aus, und die goldene Kugel, die er gerade neben die beiden anderen Goldgaben zu den drei Mädchen im Bett werfen will, zeigen: Dies ist der heilige Nikolaus, festgehalten in der Episode, die wie sonst keine seinen Ruf als Schutzpatron der Kinder und Jungfrauen gefestigt hat. Ein verarmter Mann, so sagt die Legende, hatte drei Töchter, die er, mittellos, wie er war, nicht verheiraten konnte und sie deshalb in die Prostitution zwingen wollte.

Als Bischof Nikolaus davon hörte, ging er nachts zum Haus der Familie und warf drei goldene Kugeln hinein – eine Mitgift, mit der der Vater seine Töchter ehrbar verheiraten konnte. Vielfach ist diese Szene festgehalten. Zu sehen ist sie beispielsweise im Kreuzgang des Lübecker St. Annen-Museums auf einer Tafel, die zu einem Retabel aus dem 15. Jahrhundert gehört (Foto oben).

Sind uns auch andere Heilige im Laufe der Jahrhunderte fremd geworden: Nikolaus ist ein guter Bekannter geblieben. Und wie jeder Erfolg hat auch dieser viele Väter.

Da ist zum einen der Mann namens Nikolaus selbst. Viel weiß man nicht von der realen Person. Geboren wird sie um 270 vermutlich in Patara an der Mittelmeerküste der heutigen Türkei in eine wohlhabende Familie. Ein Onkel, der ebenfalls Nikolaus heißt und als „Nikolaus der Ältere“ in die Kirchengeschichte eingeht, ist Bischof von Myra. Er weiht seinen  jugendlichen Neffen zum Priester. Als die Eltern des jungen Nikolaus’ an der Pest sterben, verteilt der sein Erbe an Bedürftige und stiftet ein Kloster, zu dessen Abt er wird. Als der Onkel stirbt, wird er nach einer Pilgerreise ins Heilige Land selbst Bischof von Myra. Im Zuge der letzten Christenverfolgungen unter Kaiser Galerius soll Nikolaus um das Jahr 310 eingekerkert und gefoltert, aber auch wieder freigekommen sein. Es heißt, er habe 325 am Konzil von Nicäa teilgenommen, wo er sich für die Dreifaltigkeitslehre einsetzt, die zu diesem Zeitpunkt allerdings noch als Irrlehre abgetan wird. Nikolaus stirbt Mitte des 4. Jahrhunderts, als sein Todestag gilt der 6. Dezember.

Für seine Mildtätigkeit wird er in seiner Heimat schon bald nach seinem Tod verehrt, und es ist die Rede von einem Wunder: Aus seinen Gebeinen quelle Öl, das alle Krankheiten heile. Die Zahl der frommen Legenden wächst. Man erzählt sich von den drei zu Unrecht gefangen gehaltenen Feldherren, die Nikolaus rettet, indem er dem Kaiser im Traum erscheint; man spricht von Errettungen aus Seenot und Schiffbruch, von gestillten Stürmen, von Hilfe per Kornvermehrung  in einer Hungersnot (Foto rechts oben),  von einem zerstörten Götzentempel und – die gruseligste aller Geschichten – von der Auferweckung dreier zerstückelter und zum Zweck des Verzehrs bereits eingepökelter Schüler (Bild rechts). Schon im 6. Jahrhundert weiht Kaiser Justinian dem Heiligen eine Kirche in Konstantinopel, in der Nikolaus-Reliquien verwahrt werden.

Im 8. Jahrhundert kennt man den Nikolaus-Kult in Rom, in Deutschland wird die erste Nikolauskirche um 980 im Kloster Brauweiler gebaut. Auch der spröde Norden feiert diesen Heiligen. In einer Liste von Kirchen, die nach dem Heiligen Nikolaus gewidmet beziehungsweise geweiht sind, ist Schleswig-Holstein aktuell 18 Mal vertreten: mit St. Nicolai wie in Beidenfleth, Wyk auf Föhr, Eckernförde, Helgoland, Mölln und Westerland, mit St. Nikolai wie in Burg auf Fehmarn, Kappeln, Kiel, Kücknitz und Plön, mit St. Nikolaus wie in Brokdorf, Kiel und Klixbüll oder einfach mit Nikolai wie in Elmshorn, Flensburg und Treia. Auch der Lübecker Dom gehört dazu.

Der heilige Nikolaus wirft goldene Kugeln in das Zimmer der drei Jungfrauen –  Innenflügel eines Retabels aus der Katharinenkirche in Lübeck, um 1500.
St. Annen-Museum / Fotoarchiv HL

Der heilige Nikolaus wirft goldene Kugeln in das Zimmer der drei Jungfrauen –  Innenflügel eines Retabels aus der Katharinenkirche in Lübeck, um 1500.

 

In der verfestigten Christenheit des Mittelalters wachsen mit der Beliebtheit des Heiligen die Begehrlichkeiten nach seinen sterblichen Überresten. Im April 1087 fallen Seefahrer aus Bari in die Grabstätte von Myra ein und schaffen Leichenteile in ihre apulische Heimatstadt, in der alsbald die Basilika S.Nicola geweiht wird. Drei Jahre später gelangt ein Fingerglied aus Bari ins heutige St-Nicolas-de-Port (Lothringen). Mindestens noch zwei weitere Male wird die Grabkirche von Myra geplündert. So kommt es, dass sowohl Bari, als auch das venezianische Kloster San Niccolò di Lido, ein Örtchen in Lothringen, und Freiburg in der Schweiz sich rühmen, letzte Ruhestätte des berühmten Heiligen zu sein.

Der wird im Laufe der Jahrhunderte Projektionsfläche für vielerlei Interessen. Seine Patronate mehren sich geradezu explosionsartig. Außer Kindern und Jungfrauen beschützt  Nikolaus Apotheker, Bäcker, Bauern, Fassbinder, Fischer, Gefangene, Kerzenzieher, Messdiener, Metzger, Müller, Parfumeure, Pilger, Reisende, Richter, Schnapsbrenner, Seefahrer, Tuchhändler, Wirte. Ein wahrer Allrounder also.

Beliebt oder nicht: Dem Reformator Martin Luther ist Nikolaus ein Dorn im Auge. Längst ist der 6. Dezember ein Festtag, an dem Kinder beschenkt werden (Weihnachten, wie wir es kennen, ist noch nicht in Sicht). Doch weil die Protestanten Heiligenverehrungen ablehnen, rufen sie im 16. Jahrhundert Jesus Christus als „heiligen Christ“ auf den Plan; aus diesem wiederum wird das Christkind, das, zur engelsgleichen Erscheinung verfremdet, die Geschenke bringt. Um die konfessionelle Trennung zu unterstreichen, wird die Bescherung auf Weihnachten verlegt. Doch Nikolaus lässt sich nicht vertreiben, bleibt auf Gemälden, in Liedern, Gedichten, Geschichten präsent. „Da kam der große Nikolas mit seinem großen Tintenfass“, reimt Heinrich Hoffmann 1844 in seiner Struwwelpeter-Geschichte von den schwarzen Buben und warnt: „Der Niklas wurde bös und wild, du siehst es hier auf diesem Bild“ – ein seltener Anblick übrigens, denn der kinderliebe Nikolaus überlässt die hässliche Sache mit dem Bestrafen für gewöhnlich seinem Adjutanten, dem Knecht Ruprecht.

St. Nikolaus – Auferweckung der getöteten Scholaren (Altartafel in der Kirche St. Mariae in Mühlhausen in Thüringen).
hfr

St. Nikolaus – Auferweckung der getöteten Scholaren (Altartafel in der Kirche St. Mariae in Mühlhausen in Thüringen).

 

Dass die Kommerzialisierung der christlichen Feste ein paar Jahrhunderte später fröhliche Urständ feiern wird, kann in den früheren Nikolaus-Jahrhunderten keiner ahnen. Heute werden sowohl Nikolaus’ Todestag als auch Christi Geburt üppig gefeiert. Und dabei – auch das ist wirtschaftlichen Überlegungen zu danken – taucht der Nikolaus, nunmehr zum rot berockten Weihnachtsmann aufgebrezelt, auch zu Weihnachten auf. In Deutschland und den Niederlanden ist der im 19. Jahrhundert als „Santa Claus“ unterwegs und macht als solcher den Sprung in die USA. Erfinder unseres heutigen Bildes vom – meist – gemütlichen Geschenkebringer ist dort der deutschstämmige Karikaturist Thomas Nast, Vater des politischen Cartoons, der zunächst 1863, mitten im amerikanischen Bürgerkrieg, in New York für „Harper’s Weekly“ die Festtage mit dem Kriegsgeschehen verbindet und später einen fröhlich schmauchenden Dicken mit dem Arm voller Geschenke zeigt. Seinen globalen Siegeszug tritt dieser Herr 1931 mit einer Coca-Cola-Werbekampagne an. Für die feilt  der Cartoonist und Grafiker Haddon Sundblom an einem Bild von Santa Claus alias Nikolaus, das nun auch nach Deutschland zurückschwappt.

Aber ist das noch der verehrte Heilige? Eins steht jedenfalls fest: Den Weihnachtsmann, den gibt es nicht. 

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