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Fußball-Märchen in Hadersleben : „Völlig surreal“: Nordschleswig feiert den dänischen Vizemeister SønderjyskE

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Jubel in silber und hellblau: Sønderjysk Elitesport hat am Sonntag keine Nerven gezeigt und das Saison-Finale im Stile einer Spitzenmannschaft gewonnen. Nun warten Blitzlichter und Europa auf die neue Fußball-Prominenz.

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2016 | 15:28 Uhr

Jubelszenen in Hellblau: Nordschleswig erlebt die größte Fußball-Party seit Dänemarks EM-Triumph von 1992. Die Sensationen des Europameister-Titels vor 24 Jahren und der Silbermedaille 2016 stehen einander in nichts nach. Mit einem respektablen 1:2-Auswärtssieg beim Spitzenverein Brøndby IF sicherte sich der ewige Abstiegskandidat Sønderjyske die dänische Vizemeisterschaft – und das ausgerechnet in der Hauptstadt Kopenhagen.

Der Provinzclub SønderjyskE aus der Stadt Hadersleben, die mehrere Jahrhunderte lang zum Herzogtum Schleswig gehörte, hat nach einer historischen Saison die Qualifikation zur Europa League erreicht. Fußballfans aus Schleswig-Holstein haben somit trotz der norddeutschen Misere einen kurzen Anfahrtsweg für europäische Duelle.


1200 Fans des im beschaulichen Hadersleben beheimateten Fußballclubs hatten an das Fußball-Märchen geglaubt und waren mit nach Kopenhagen gereist, um die Mannschaft beim schwierigen Gastspiel im Brøndby-Stadion zu unterstützen. Das ist für dänische Verhältnisse schon ein gewaltiger Tross. Noch nie zuvor in der hellblauen Geschichte hatten sich so viele Schlachtenbummler aus dem Süden mit auf den Weg gemacht. Zum Vergleich: Im letzten Heimspiel der Haderslebener wurden nur etwa 20 Fans vom Gegner Randers FC in der knapp bemessenen Auswärtskurve gesichtet.

„Mir fehlen die Worte – das ist völlig surreal“, schüttelte Außenstürmer Johan Absalonsen den Kopf, als er von den Fans nach Schlusspfiff im Stadion gefeiert wurde. „Wir haben schon unzählige Male zurückgelegen, aber diese Rückstände immer wieder weggesteckt. Das ist ein Kraftakt von 23 oder 24 gestandenen Männern, die zu diesem unglaublichen Erfolg beigetragen haben. In diesem Kader ist jeder bereit, sich für den anderen zu opfern, und das habe ich in den Klubs, in denen ich früher war, noch nie auf dem gleichen Niveau erlebt“, so der zweimalige dänische Nationalspieler.

Brøndby IF machte mit dem großen Publikum im Rücken von Anfang an Druck, ohne aber zu wirklich gefährlichen Aktionen zu kommen. SønderjyskE bekam nach einer halben Stunde Spiel und Gegner besser in den Griff, ging dann aber doch kurz vor dem Seitenwechsel in Rückstand. Dieser hätte den Fall auf Rang drei bedeutet. Doch wie so oft in dieser Saison drehten die Hellblauen mit ihrer beispiellosen Moral nach der Pause das Spiel. Als größte Waffe erwies sich einmal mehr die Stärke bei Standard-Situationen: Nicolaj Madsen glich in der 51. Minute per Kopfball nach Ecke aus. SønderjyskE hätte dieser Spielstand für die Wahrung des zweiten Tabellenplatzes bereits gereicht. Es war wiederum Madsen, der in der Schlussphase (84.) per Volley-Treffer die Fans in Extase brachte.

„Für einen Klub wie SønderjyskE geht es immer um den Klassenerhalt – die Mission ist in dieser Saison nur ein bisschen besser geglückt als sonst“, lachte der bundesligaerfahrene SønderjyskE-Stürmer Tommy Bechmann , als er mit der Silbermedaille zu den Fans lieft. „Wir haben aus 33 Spielen 62 Punkte geholt. Das ist in einigen Jahren genug für den Gewinn der Meisterschaft gewesen. Wir haben zwar Witze gemacht, aber zu keinem Zeitpunkt auf den Titel spekuliert, obwohl wir ein paar Mal an den FCK (Meister FC Kopenhagen) herangerückt waren. Wir haben in der Rückrunde genau so viele Punkte geholt wie dieser starke FCK – das sagt schon einiges über unsere Saison aus“, so Bechmann, der die zahlreichen Abstiegskämpfe der vergangenen Jahre als Grund für das Stehvermögen auf der Zielgeraden sieht: „Wir waren in den ersten Minuten nervös, aber sonst nicht. Wir sind es gewohnt, solche Spiele zu machen, wo alles auf dem Spiel steht. Diesmal finden die Begegnungen nur am falschen Ende der Tabelle statt. Der Eingangswinkel ist aber der gleiche – der stetige Abstiegskampf hat uns hart gemacht.“

Diese Bilder wird man in Südjütland wohl nie vergessen.

Auch Erfolgstrainer Jakob Michelsen – ein Kind der Region – hob die mentale Stärke seiner Mannschaft hervor. „Ganz Fußball-Dänemark hat sich gefragt, wann bricht SønderjyskE ein, und wann beginnt das große Nervenflattern, aber nichts davon ist eingetreten – das zeugt von Klasse“, freute sich der gebürtige Tonderander. „Wir haben eine kümmerliche erste Halbzeit hingelegt, aber nach dem Seitenwechsel wurden die Jungs zu Männern. Das war bezeichnend für unsere Saison. Wir haben eine fantastische Moral und großes Vertrauen in eigene Fähigkeiten.“ Der 35-jährige stand nach einer Bierdusche seiner Spieler nicht nur durchnässt, sondern auch ohne Medaille auf dem Spielfeld, strahlte aber dennoch.

„Es werden nur 22 Medaillen vergeben, und die habe ich den Spielern überlassen, denn die haben die Arbeit gemacht“, so Michelsen nach einigen turbulenten Tagen. „Die Silbermedaille ist eine riesengroße Sache, aber was am Freitagnachmittag passierte, ist eine Goldmedaille“, schwärmte der SønderjyskE-Trainer, der am Freitag Vater einer Tochter wurde.

Die Vizemeisterschaft ist allemal verdient: SønderjyskE war in der abgelaufenen Saison die beste und konstanteste Mannschaft hinter dem übermächtigen FC Kopenhagen. Zwar gingen alle drei Duelle gegen den frisch gebackenen dänischen Meister verloren. Die direkten Aufeinandertreffen aber ausgeklammert, hat der Provinzclub Sønderjyk Elitesport die gleiche Anzahl von Punkten wie der reiche Hauptstadtverein eingeheimst. Die Euphorie in der gesamten Region ist riesig, was man allein schon an der Entwicklung der Facebook-Fans sehen kann: Diese haben sich in wenigen Wochen fast verdoppelt.

Nach den Partys ist erstmal Urlaub angesagt. Doch die Sommerpause fällt diesmal enorm kurz aus. Am 14. Juli wartet schon das wohl reizvollste Nebenprodukt der unglaublichen Saison auf die Michelsen-Truppe: Das Hinspiel der zweiten Runde in der Europa League-Qualifikation. Den Neuling aus Süddänemark könnte als ungesetzte Mannschaft gleich ein schwieriger Gegner erwarten. Eine Auswahl der Liste der möglichen Gäste im Sydbank-Park lässt aufhorchen: KRC Genk, Maccabi Tel Aviv, Austria Wien, Partizan Belgrad und IFK Göteborg könnten ihr Ticket ins dörfliche Hadersleben lösen. In der 3. Quali-Runde könnte SønderjyskE auf Hertha BSC treffen.

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