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Beruf: Journalist : "Neugier, Neugier, Neugier!"

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Wie viele andere Berufe hat sich auch der Journalismus stark verändert. Wie sah der Job vor 20 Jahren aus und was macht ihn heute aus?

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2013 | 10:37 Uhr

Einen abwechslungsreichen Beruf mit guter Perspektive - das war das Ziel von Thomas Trappe (32), als er nach seinem Abitur 1999 und einigen Praktika begann, Journalismus in Leipzig zu studieren. "Damals galt das noch als zukunftssicherer Job", sagt er heute. Doch mit der Jahrtausendwende geriet die Medienbranche in eine Krise. Das gab dem stetigen Wandel in dem Beruf noch mehr Schub, aber an den Kernkompetenzen hat sich nie etwas geändert: Der Journalist muss gute Geschichten erzählen können.
Die Leipziger Professoren machten bereits kurz nach Thomas Trappes Einstieg keinen Hehl daraus, dass sich die Jobperspektiven für Redakteure verschlechtern würden: Die Zeitungen verloren Leser an das Internet und die Wirtschaft schaltete weniger Anzeigen.

"Gute Geschichten erzählen"


Während seines Studiums machte Trappe ein Volontariat beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z), unter anderem in der Redaktion auf Sylt. "Dabei habe ich viel gelernt", sagt er. Heute arbeitet er als freier Journalist in Berlin für verschiedene Zeitungen - und für einen jungen Mitspieler in der Branche: Die "Prenzlauer Berg Nachrichten". Das Online-Angebot als Mischung aus Lokalzeitung und Blog folgt einer neuen Form im Journalismus: Hyperlokale Medien, die sich nur auf einen Ausschnitt konzentrieren - wie eben den Stadtteil Prenzlauer Berg. Wer für dieses Blatt arbeitet, ist meistens selbst Teil vom "Kiez". Die Arbeit dafür unterscheide sich jedoch kaum vom herkömmlichen Lokaljournalismus, so Trappe.
Ob gedruckt oder online, Journalisten werden den Bedürfnissen ihrer Leser nur auf einem Weg gerecht: "Indem sie das machen, was sie am besten können. Nämlich gute Geschichten erzählen", sagt Helge Matthiesen (48). Der sh:z-Chefredakteur ist sich sicher, dass Journalisten in erster Linie eine Kernkompetenz brauchen: "Neugier, Neugier, Neugier." Das sei vor 20 Jahren wichtig gewesen, ist heute noch wichtig und werde es auch in 20 Jahren sein - auch wenn sich in den vergangenen Jahren Formate und technischen Kanäle geändert haben.

"Redakteure produzieren die Seiten selbst, alles läuft digital"


Allein das Zeitungsmachen ist über die Jahre ein anderes geworden: Als Matthiesen Mitte der 1980er-Jahre in der Redakteursausbildung war, hat er noch mit Technikern zusammen Druckfahnen geklebt. "Das war ein handwerklicher Prozess." In dieser Zeit habe die Arbeit viel mit Technik zu tun gehabt, die sich dem Volontär nicht auf den ersten Blick erschloss: Da waren etwa "Menschen, die irgendwelche Druckplatten wuschen". Von den vielen Mitarbeitern gibt es heute viel weniger, denn von den Arbeitsschritten auf dem Weg zur fertigen Zeitung sind viele weggefallen. Heute produzieren die Redakteure die Seiten selbst, alles läuft digital.
Dass alle Daten elektronisch verfügbar sind, ermöglicht bei Hörfunk, Fernsehen und vor allem Online-Medien einen fortlaufenden Nachrichtenprozess. Früher wurde dieser Prozess beim Fernsehen noch durch die Sendepause durchbrochen. Der Tagesschau-Chefsprecher Jan Hofer (61) erinnert sich an Berge von Fernschreiben, wenn er an die journalistische Arbeit früherer Zeiten denkt. Diese Unmengen an Papier sammelten sich während der Sendepause auf den Redakteurstischen, so Hofer. Auf den Papierbögen standen Nachrichten, "die sortiert, gelesen und thematisch einsortiert werden mussten". Das sei viel manuelle Arbeit gewesen, die völlig aus dem Beruf verschwunden ist.

Weniger Zeit für die Recherche


Auch Stephan Richter (62) bestätigt, dass der technische Fortschritt die Arbeit für Journalisten beschleunigt hat. "Ich glaube, es ist schwieriger geworden, weil der Konkurrenzdruck höher geworden ist. Weil heute einfach nicht mehr die Ruhe da ist, Dinge auszurecherchieren, sich schlicht Zeit zu nehmen. Die anderen Medien sitzen einem permanent im Nacken und es besteht immer die Gefahr, dass ein anderer diese Geschichte hat", sagt der Sprecher der Chefredakteure der medienholding:nord, zu der der sh:z, die Schweriner Volkszeitung und der Pinneberger A.Beig-Verlag gehören.
Den Zeitdruck spürt auch Thomas Trappe in seiner Arbeit. "Die ökonomischen Bedingungen sind maßgeblich für alle Veränderungen. Die Zeit für eine Recherche hat sich seit Mitte der 2000er-Jahre um rund die Hälfte reduziert", sagt der freie Journalist.

Herausforderung Facebook und Twitter


Zeitvorgaben waren auch beim Fernsehen und Hörfunk ein großes Thema, erzählt Norbert Radzanowski (64), ehemaliger NDR-Mitarbeiter und Pressesprecher der Nordelbischen Kirche. Der starke Wettbewerb unter den Medien habe zu strikten Zeitvorgaben geführt. "Ich habe die Morgenmagazine moderiert und da ging es ums Zeitlimit. Wenn man ein Interview mit Ministerpräsidentin Heide Simonis gemacht hat und es war gelungen, dann wurde in der Redaktion nicht gesagt: Es war gelungen, sondern: Du warst elf Sekunden zu lang."
Die jüngste große Herausforderung - neben der zeitlichen Verdichtung des Nachrichtengeschäfts - sind die sozialen Medien wie Facebook und Twitter. Jeder kann über diese Kanäle Nachrichten verbreiten - ob als Text, Bild oder Video. Um auf der Höhe dieser Zeit zu bleiben, müssen auch Zeitungsjournalisten crossmedial arbeiten. Das heißt: Über das brennende Bauernhaus gibt es dann neben dem Artikel und dem Foto in der Zeitung auch ein Video oder eine Bilderstrecke auf der Homepage.

Zusammenarbeit von Journalisten und Lesern


Sascha Lobo (38), Autor, Blogger und Strategieberater, geht deshalb für die Zukunft von einer engeren Vernetzung von Journalist und User aus. "Für das Digitale wäre mein Tipp: die Zeitung der Zukunft ist eine Mischung aus Community und Plattform." Die Themenauswahl liege vermutlich in den Händen des Publikums, während die Erklärfunktion durch die Journalisten abgebildet werde.
Auch der Blogger und Spiegel-Autor Stefan Niggemeier befürwortet eine stärkere Zusammenarbeit von Journalisten und Lesern. Niggemeier sieht in Leserreportern, die ohne professionelle Ausbildung Bilder, Texte oder Themen liefern, eine Bereicherung. "Ich finde es im Grunde gut, dass jeder publizieren kann. Das ist auch eine große Chance." Er glaube aber, dass Leserreporter Journalisten nicht ersetzen können, da Reporter sich professionell mit Themen beschäftigten. Journalisten seien Fachleute, die an einem Thema weiter recherchierten, wenn alle anderen vielleicht kein Interesse daran haben. "Dafür brauchen wir gut ausgebildete und am Ende auch ordentlich bezahlte Journalisten."

Was müssen Journalisten künftig können?


Ähnlich sieht es auch Jan Hofer. Er weiß natürlich, dass Kanäle wie Youtube Marktanteile gewinnen, "nur muss irgendjemand auch herstellen, was da hineingestellt wird und das sind im Zweifel wir Journalisten. Zu entscheiden, was relevant ist und was möglicherweise manipuliert - das sind die ganz großen Herausforderungen der Zukunft."
Und was müssen Journalisten künftig können? Stefan Niggemeier glaubt nicht, dass der derzeitige Trend zum Alleskönner eine gute Entwicklung ist. "Es wird sehr wenige Leute geben, die das Talent haben, alle Formen der Darstellung am Ende gleich gut zu bedienen. Die Chance, dass der schreibende Journalist, der nebenher ein bisschen filmt, am Ende einen tollen Film produziert, ist gering. Solche Versuche bergen die Gefahr, alle Plattformen zu bedienen, möglichst schnell und möglichst billig. Doch das wenigste davon ist am Ende wirklich gut."

"Es ist einfach ein cooler Job"


Helge Matthiesen glaubt an ein Nebeneinander von Alleskönnern und Spezialisten. "Es ist für alle Journalisten gut, auch zu wissen, wie man Filme macht, wie man fotografiert, wie man mit den elektronischen Medien arbeitet. Das ist ein Vorteil, aber richtige Spitzenleistungen kommen zustande, wenn Kollegen sich spezialisieren können. Selbst beim Schreiben gibt es ja noch Spezialisierungsmöglichkeiten. Das ist ganz wichtig, wenn man wirklich Klasse erreichen will."
Fakt ist, dass neue Aufgaben wie Videoproduktion eine immer größere Rolle im Alltag der Journalisten spielen. Durch den Bürgerjournalismus entsteht außerdem eine neue Konkurrenzsituation. Warum also wird man heute in einer Branche, die unter Druck steht, noch Journalist? Thomas Trappe bringt es auf den Punkt: "Es ist einfach ein cooler Job."
Tilmann Post >tpo@shz.de
Miriam Richter >mri@shz.de
Journalisten beteiligen sich hauptberuflich an der Verbreitung und
Veröffentlichung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Massenmedien (Definition des Deutschen Journalisten-Verbands).
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