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Perspektiven : Die Zeitung ist tot - es lebe die Zeitung!

vom

Das beste Rezept für eine gute Zeitung ist verlegerische und journalistische Leidenschaft - Heribert Prantl über die Zukunft des Journalismus.

shz.de von
erstellt am 31.Mai.2013 | 17:27 Uhr

Zeitungen sind systemrelevant. Sie sind systemrelevanter als die Deutsche und die Commerzbank, systemrelevanter als Opel oder BMW. Das System, für das sie relevant sind, heißt nicht Marktwirtschaft, nicht Finanzsystem und  nicht Kapitalismus, sondern Demokratie. Demokratie ist eine Gemeinschaft, die die Zukunft miteinander gestaltet. Und die Presse in allen ihren Erscheinungsformen, gedruckt, gesendet, digitalisiert, ist eine der wichtigsten Kräfte dieser Zukunftsgestaltung. Wenn ich Zeitung sage, dann meine ich sowohl die Zeitung auf Papier, als auch die auf dem i-Pad oder dem Smartphone, ich meine die analoge und die digitale Zeitung. Systemrelevant ist der Qualitäts-Journalismus - ganz gleich in welchem Aggregatzustand.

Kleine und mittlere Zeitungen sind so systemrelevant wie große. Denn das Gemeinwesen entwickelt sich von unten nach oben, es wächst vom Lokalen ins Regionale, ins Nationale und Internationale. Sicherlich: Die jeweiligen Bezugssysteme, in denen die kleineren, und in denen die größeren und großen  Zeitungen wichtig sind, sind verschieden. Die Lokal- und Regionalzeitung ist für  die Kommune und die Region wichtig, das National Paper ist wichtig für das ganze Land - aber es geht jeweils um umfassende Information,  um Diskussion und um Diskussionskultur.

Zeitungen backen das tägliche Brot der Demokratie

Der Beweis für die Systemrelevanz der Presse ist gut 180 Jahre alt, er beginnt 1832 und er dauert bis heute. Die Geschichte der Demokratie in Deutschland beginnt 1832 auf dem Hambacher Schloss. Hauptorganisator dieser ersten deutschen Großdemo von 1832 war unser journalistischer Urahn Philipp Jakob Siebenpfeiffer, geboren im Revolutionsjahr 1789. Als die Regierung seine Druckerpresse versiegelte, verklagte er sie mit dem Argument: Das Versiegeln von Druckerpressen sei genauso verfassungswidrig wie das Versiegeln von  Backöfen. Das ist ein wunderbarer Satz, weil darin die Erkenntnis steckt, dass Pressefreiheit das tägliche Brot ist für die Demokratie. Zeitungen backen das tägliche Brot der Demokratie.

Der Vorsprung, die Vermeldung eines Ereignisses vor der gesamten Konkurrenz, war bisher Ziel jedes  Unternehmens, das mit Informationen Geschäfte macht - erreichbar durch ein ausgebautes Korrespondentennetz, durch Ausnutzung aller technischen Hilfsmittel bei der Übermittlung durch Erschließung neuer Nachrichtenquellen. Dank dieses Bemühens schrumpfte die zeitliche Distanz zwischen Ereignis und Öffentlichkeit immer weiter. Mit dem Internet ist das Ende dieser Entwicklung erreicht. Es erreicht das Publikum im Idealfall in Echt-Zeit. Es verfügt also über eine Fähigkeit, die eine Zeitung bei allergrößtem Bemühen nicht erreichen kann. Der Fortschritt der Technik und ihr Einsatz im Nachrichtenwesen schlugen sich schon in Zeitungstiteln wie "Telegraph" nieder. Telefon, Funk, Satellit, Radio und Fernsehen machten aus einer distanzierten eine fast miterlebende Öffentlichkeit - aber nur fast. Das Internet  beendet das "fast".

Zeitung als Wegweiser im Wirrwarr

Es wird davon geredet, dass Zeitungen und Internet sich ergänzen. Das stimmt dann, wenn jedes Medium seine spezifischen Stärken kennt. Die Stärke des Internets ist die Rasanz, die Stärke der Zeitung der Tiefgang.

Zeitungen, die sich darauf besinnen, werden interessanter, weil sie Uniformität und die Wiederholung des Immergleichen vermeiden. Weil es das Internet, weil es also nun bessere, schnellere Methoden bloßer Informationsvermittlung gibt, kann sich die Zeitung auf anderes konzentrieren - auf Analyse, Hintergrund,  Kommentierung, auf Sprachkraft und Gründlichkeit, auf all das, was sich in der Hetze der Echtzeit im Internet nicht leisten lässt. Die Zeitung kann Wegweiser sein im Wirrwarr; sie kann Informationen destillieren, konzentrieren, auswerten, bewerten.

Kein neues Medium hat je die alten Medien verdrängt

Zeitungsleute müssen vom Internet nicht reden wie von einem neuen Hunneneinfall. Die Hunnen kamen vor 1500 Jahren aus dem Nichts, schlugen alles kurz und klein (und verschwanden hundert Jahre später wieder). Das Internet schlägt gar nichts kurz und klein. Das ist doch, wie gesagt, die Lehre aus jeder mediengeschichtlichen Revolution: Kein neues Medium hat je die alten Medien verdrängt. Es kommt zu Koexistenzen. Das Internet ersetzt nicht gute Redakteure, es macht gute Journalisten nicht überflüssig; im Gegenteil: Es macht sie noch wichtiger als bisher. Gegen Daten-Trash hilft nur kluge Analyse. Das muss die Zeitung  bieten - mit wertehaltigem Journalismus, nicht mit  Billigjournalismus.

Das beste Rezept für eine gute Zukunft der Zeitung ist verlegerische und journalistische Leidenschaft. Man sollte damit aufhören, Gegensätze zu konstruieren - hier Zeitung und klassischer Journalismus, da Blog mit einem angeblich unklassischen Journalismus. Man sollte auch aufhören mit dem Gerede, dass der "klassische" Journalismus in einem Bermuda-Dreieck verschwinde. Der gute klassische ist kein anderer Journalismus als der gute  digitale Journalismus. Die Grundlinien laufen quer durch diese Raster und Cluster: Es gibt guten und schlechten Journalismus, in allen Medien. So einfach ist das.

Texte zum Sich-danach-Richten

Guter Journalismus hat gute, er hat große Zeiten vor sich: Noch nie hatten Journalisten ein größeres Publikum als nach der digitalen Revolution. Noch nie war Journalismus weltweit zugänglich. Und es gab wohl noch nie so viel Bedürfnis nach einem orientierenden, aufklärenden, einordnenden und verlässlichen Journalismus wie heute. Die Texte, die dieser Journalismus produziert, werden Nachrichten im Ursinne sein: Texte zum Sich-danach-Richten.

Die gedruckte Zeitung wird es immer geben. Aber der Journalismus wird sich nicht mehr ganz so fest wie bisher am Papier festhalten; er löst sich zum Teil davon, aber er löst sich nicht auf. Der Journalismus steht vor Veränderungen. Aber ein Journalismus, der Angst vor solchen Veränderungen hätte, wäre ein Unglück. Ein Unglück war und ist es natürlich, wenn Zeitungen sterben - wie in Deutschland die Frankfurter Rundschau und die Financial Times Deutschland.  Die FR und die FTD sind aber nicht wegen internetbasierter Kommunikation in die Krise geraten. Die Krise der FR ist viel älter. Und dass die Financial Times Deutschland eingestellt werden musste, liegt vor allem daran, dass deren Marktchancen von Anfang an falsch eingeschätzt wurden - nämlich überschätzt. Sie entstand, als der Finanzmarkt-Hype am größten war. Die Verleger gingen davon aus, dass jeder Bürger ein Wirtschaftsbürger und Finanzmarktkunde und damit ein potenzieller Käufer ist. Das war eine Täuschung.

Guter Journalismus macht aus der Welt eine Provinz

Ein guter Journalist ist ein Forscher, ein Entdecker, ein Erklärer - er ist ein Amundsen, er ist ein Scott. Er kann Dinge, die andere nicht können und er traut sich Dinge, die sich andere nicht trauen. Guter Journalismus kann, muss auch in der sogenannten Provinz zu Hause sein. Provinz kann so wertvoll sein - denn Provinz ist Heimat, Provinz ist Geborgenheit in vertrauten Formen und vertrauten Regeln. Provinziell muss die Welt werden, dann wird sie menschlich.  Eine gute Regional- und Lokalzeitung muss dafür sorgen, dass das stimmt. Wer Provinz gleichsetzt mit Dummsdorf, ist selbst provinzlerisch. Provinz ist ein gutes Wort. Provinz ist, wo Zusammenhänge überschaubar sind. Provinz ist der Raum, in dem die Menschen sich kennen. Provinz ist auch die Überschaubarkeit der Machtverhältnisse. Eine gute Zeitung, ein guter Journalismus macht aus der Welt eine Provinz: weil eine gute Zeitung die Machtverhältnisse überschaubar macht.

Es gibt die Pressefreiheit, weil die Presse auf die Demokratie achten soll. Diese Achtung beginnt mit  Selbstachtung. Es wird daher, und in den Zeiten des  Internets mehr denn je, gelten: Autorität kommt von Autor und Qualität kommt von Qual. Dieser Qualitäts-Satz steht zwar an der Wand der Hamburger  Journalistenschule, aber er gilt nicht nur für Journalistenschüler. Er meint nicht, dass man Leser und User mit dümmlichem, oberflächlichem Journalismus quälen soll. Qualität kommt von Qual: Dieser Satz verlangt von Journalisten in allen Medien, auch im Internet, dass sie sich quälen, das Beste zu leisten - und er verlangt von den Verlegern und Medienmanagern, dass sie die Journalisten in die Lage versetzen, das Beste leisten zu können. Dann hat der Journalismus eine glänzende Zukunft.

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