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Leidenschaft und mehr : Der Zauber des Lokalen

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Lokaljournalismus muss sich nicht neu erfinden. Es reicht, die Anfänge zu kennen. Denn schon immer hieß die Devise: Leidenschaft, Einmischung und Innovation.

shz.de von
erstellt am 31.Mai.2013 | 17:27 Uhr

Wer die heutige und künftige Rolle von Lokaljournalismus erkunden will, tut gut daran, sich mit dessen Anfängen zu beschäftigen. Zum Beispiel mit dem "Wandsbeker Boten", der im östlichen Hamburger Vorort von dem Holsteiner Pastorensohn Matthias Claudius geschrieben und redigiert wurde. Das lokale Blatt hatte seine Blütezeit gegen Ende des bewegten 18. Jahrhunderts, als die große Welt in Aufruhr war. Kaum jemand unter den Lesefreunden in ganz Deutschland kannte ihn nicht, man ärgerte sich über ihn oder freute sich auf ihn, den "Wandsbeker Boten".

Wie konnte das geschehen, wie kam - modern ausgedrückt - diese enorme Reichweite zustande? Darauf gibt es gleich mehrere Antworten. Die erste und wichtigste: Dieser Claudius war der "Bote", er bezeichnete sich selbst so und hatte mit Hut, Stock und Botentasche ein eingängiges Signet erfunden: Marketing vom Feinsten. Matthias Claudius lebte seine Zeitung. Die nächste Antwort: Der "Bote" mischte sich ein. Er spiegelte nicht nur den Diskurs der Zeit (zwischen Orthodoxen und Liberalen), sondern nahm aktiv Stellung dazu. Und schließlich: Claudius entwickelte für seinen "Boten" Formate, die es bis dahin in den meist wirtschaftlich ausgerichteten "Intelligenz"-Blättern nicht gegeben hatte, zum Beispiel fiktive Zwiegespräche.

Lokaljournalisten müssen Flagge zeigen

Kurzum, der "Wandsbeker Bote" war eine Zeitung, die die Standards der Berichterstattung nicht vernachlässigte, aber zugleich Innovationen nicht scheute. Dieses Resümee beinhaltet auch heute noch die Kriterien für erfolgreichen Lokaljournalismus. Es geht um Leidenschaft, um Einmischung und um Innovation.

Leidenschaft: Lokaljournalisten dürfen nicht wie graumäusige Stenografen durch die Gassen huschen. Sie müssen Flagge zeigen und ihre lokal-regionale Zeitung selbstbewusst repräsentieren. Einmischung: Eine Zeitung hat, in Abwandlung eines Diktums des Bundesverfassungsgerichts, nicht nur Medium, sondern auch Faktor der öffentlichen Meinungsbildung zu sein. Und Innovation: Neben dem fälligen Terminjournalismus ist es unverzichtbar, eigene inhaltliche Zugänge zu Themen zu finden und immer wieder eigene Formen und Formate auszuprobieren.

"Heimatverbundenheit in allen Altersklassen ausgeprägt"

Der gesellschaftliche Boden für diese Saat, das lässt sich nicht verkennen, ist vorbereitet. Wir leben - wie Claudius mit den Verwerfungen der Französischen Revolution - in einer Zeit, in der "das Sausen der geschäft'gen Welt" (Eichendorff) dazu geführt hat, dass  immer mehr Menschen ihr Glück in der Beschränkung suchen, im Überschaubaren, im Heimatlichen. Das sh:z Medienhaus hat herausgefunden, dass "die Heimatverbundenheit in allen Altersklassen besonders ausgeprägt" ist. Und die BAT-Stiftung ermittelte bei 2000 Personen ab 14 Jahren, dass für 90 Prozent "Familie" wieder hoch im Kurs steht.

Das ist die großartige aktuelle Chance des Lokaljournalismus: Die unwirtlichen Nachrichten aus der globalisierten Welt werden in Schach gehalten durch eine so leidenschaftliche wie geschickt angelegte "glo-kalisierte" Berichterstattung. Matthias Claudius hatte, streckenweise, überregionalen Erfolg mit seinem hyper-lokalen "Wandsbeker Boten". So etwas müsste sich, ob analog oder digital, doch wiederholen lassen.

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