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WOA 2017 : Vier Schwaben laufen 1066 Kilometer zu Fuß nach Wacken

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Als Jimmy Müller erfährt, dass sein Sohn in Wacken auftritt, löst er ein Versprechen ein: Ins „Holy Land“ zu pilgern.

Von der Schwäbischen Alb ins norddeutsche Tieftal: Jimmy Müller ist mit drei Freunden von Buttenhausen in Baden-Württemberg unterwegs nach Wacken. Zu Fuß. 1066 Kilometer beziehungsweise 666 Meilen weit. In Wacken will er seinen Sohn Jim treffen, der mit seiner Metal-Band „Kissin'-Dynamite“ dort am 4. August das erste Mal auf der Bühne steht.

Der Vater hatte ihm etwas versprochen. Er wollte ins „Holy Land“ pilgern, sollte der Sohn jemals dort auftreten. Nun ist es soweit. Bereits seit einer Woche sind Jimmy Müller und seine Freunde unterwegs. Am Mittwoch sind sie mitten im Nirgendwo. In der hessischen Rhön, schon mehr als 400 Kilometer von Zuhause entfernt, aber immernoch weit weg von Wacken. Ihr ständiger Begleiter auf dem Weg zum bekannstesten Heavy-Metal-Festival der Welt ist natürlich: Bier.

„Es ist das beste isotonische Getränk. Und Bier hat noch eine Bewandnis. Da ist Alkohol drin. Der wirkt auch ein bisschen schmerzlindernd“, berichtet Jimmy Müller am Telefon am Mittwochmittag. Der 54-Jährige und seine drei Begleiter haben sich gerade zur Rast unter einem Baum niedergelassen. Ihr Bier liegt im kühlen Wasser. Eine Stunde Pause geben sie sich, bevor sie weitermarschieren. Sie sind absolut guter Dinge, geht es so weiter, könnten sie Wacken sogar einen Tag früher erreichen als geplant.

Start in 666 Metern Höhe - mit Bier. Vor den Wacken-Pilgerern liegen 1066 Kilometer beziehungsweise 666 Meilen.

Start in 666 Metern Höhe - mit Bier. Vor den Wacken-Pilgerern (v.l.) Frank Schmid, Christian Ströbele,Jimmy Müller und Gerhard Gerster liegen 1066 Kilometer beziehungsweise 666 Meilen.

Foto: privat

Um 6:06:06 Uhr am Dienstagmorgen vergangener Woche brechen Jimmy Müller (54), Christian Ströbele (32), Gerhard Gerster (62) und Frank Schmid (44) vor dem Ortsausgang von Buttenhausen zu ihrer Pilger-Tour nach Wacken auf. Vor ihnen liegen ausgerechnet genau 666 Meilen. Noch dazu kommt: Die Wanderung beginnt auch auf 666 Metern, so hoch liegt ihr Heimatort. Ob das ein Zeichen ist? Die Zahl 666 ist eine bedeutende Symbolik in der Heavy-Metal-Szene.

Die erste Etappe führt die Gruppe von Buttenhausen ins rund 50 Kilometer entfernte Bodelshofen, in der Nähe des Neckars. Dort beziehen die vier Männer ihr erstes Nachlager. In einer Scheune schlafen sie auf dem Schotterboden. Warum niemand auf die Idee gekommen sei, auf den gemütlichen Heuballen zu schlafen? „Muss am Bier gelegen haben“, kommentieren sie in ihrem Blog, über den Interessierte die Tour mitverfolgen können.

Erstes Nachtlager: Schlafen auf kaltem Schotterboden in einer Scheune.

Erstes Nachtlager: Schlafen auf kaltem Schotterboden in einer Scheune.

Foto: privat

Auch auf der Facebook-Seite der Metal-Band „Kissin`Dynamite“ ist beim Start von der Pilger-Tour zu lesen. Die Aktion erntet großen Zuspruch.

Zuspruch bekommen die Wanderer auch unterwegs. Wie jetzt. Einige Kinder haben sich am schattigen Rastplatz in der Rhön um die Fremden versammelt. Sie wundern sich, warum denn dort Bierflaschen im Wasser liegen. Für Jimmy Müller und seine Kameraden ist es pure Erfrischung. Über ihnen strahlt der Himmel in seinem schönsten Blau, aber es ist auch brütend heiß. „Um die 30 Grad“, schätzt Müller, „wie in der Wüste Gobi“. Und dabei steckt der Gruppe noch die letzte Nacht in den Knochen. Als Herberge hatten sie eine kleine Schutzhütte am Wald auserkoren. Doch die Temperaturen wollen in der Nacht nicht wirklich abkühlen, es bleiben etwa 20 Grad. „Wir haben geschwitzt im Schlafsack und deshalb auch nicht allzu lange geschlafen", berichtet Jimmy Müller. Die Stimmung in der Gruppe hält trotzdem. „Wir sind ein eingeschworenes Team, immer lustig unterwegs, den Rest macht das Bier.“

Es ist nicht das erste Mal, dass die vier gemeinsam durch die Lande ziehen. Zuhause erkunden sie die Schwäbische Alb oder das Allgäu. Auch dann schlafen sie öfter mal im Freien oder in Berghütten. Auch Sibirien im Winter haben sie schon zusammen durchgemacht. Und Jimmy Müller geht ohnehin an Extreme: Er ist Bergsteiger. Zwei Achttausender bestieg er schon, darunter den Nanga Parbat im Himalaya, auch bekannt als „ Schicksalsberg der Deutschen“. Müller mag es überall dort, wo es „spannend und gefährlich wird“. 

Auf ihrer Strecke durch Deutschland sind für die Pilger vor allem die Abschnitte an größeren und befahrenen Straßen gefährlich. Auch das Laufen auf Asphalt ist Gift. Deshalb versuchen sie, nur wenige Kilometer lang solche Wege zu passieren. Lieber sind ihnen Sand- und Schotterpfade. Zum Beispiel im Wald. Per GPS behalten sie die Orientierung.

Auf dem Weg Richtung Braunsbach geht es für die Gruppe über Stock und Stein.

Auf dem Weg Richtung Braunsbach geht es für die Gruppe über Stock und Stein.

Foto: privat
 

Jeden Tag legen die Pilger etwa 50 Kilometer zurück. Los geht es meistens um 6 Uhr in der Früh. Der erste Marsch dauert bis zum Mittag. Dann ist die erste längere Pause. Wenn es gut läuft mit Bier. Bisher hätten sie schon 24 unterschiedliche Sorten probiert, sagt Jimmy Müller. Nach der Rast laufen sie bis zum Abend, gönnen sich zwischendurch nur noch kleinere Verschnaufspausen. Und kehren zwischen 18 und 19 Uhr an ihrem Zielort ein. Wo sie bleiben, machten sie auch davon abhängig, ob es dort Bier gibt oder nicht. „Unser Lebenselixier auf der Tour", erklärt Müller.  

Außer durch den Wald geht es auch viel über Felder ...

Foto: privat
 

... und auch mal entlang von Bahnschienen.

Foto: privat
 

Die Tour hat Jimmy Müller minutiös geplant. Schließlich will die Gruppe den Auftritt von „Kissin'-Dynamite“ in Wacken auf gar keinen Fall verpassen. Die Premiere der Band auf dem mit 75.000 Karten ausverkauftem Open Air ist das wichtigste an der ganzen Unternehmung. Und für den Gitarristen Jim, den Sohn von Jimmy Müller, ist es „einfach geil, eine große Ehre“, dass sein Vater mehr als 1000 Kilometer durch Deutschland läuft, weil er es ihm versprochen hat. Durch ihn sei der Gitarrist auch zum Metal gekommen, „es wurde mir quasi in die Wiege gelegt“, sagt Jim.

Nach fünf veröffentlichten Studioalben hat seine Band gerade zum ersten Mal auch eine Live-DVD herausgebracht. In ihrer Zusammensetzung gibt es sie seit zehn Jahren. Sie stehen in Wacken nicht das erste Mal vor großem Publikum. Da gab es schon mehrere Festivals mit mehreren Zehntausend Zuhörern, auf denen sie spielten. Und auch in Wacken ist Jim kein Unbekannter. Allerdings als Besucher. Drei Mal war er schon dort, genau wie sein Vater, allerdings kamen sie noch nie gemeinsam. Nun zum erstem Mal. Doch bis dahin muss Jimmy Müller mit seinen drei Begleitern diese Strecke bewältigen:

Die Karte zeigt den geplanten Verlauf der Pilgertour nach Wacken.

Die Karte zeigt den geplanten Verlauf der Pilgertour nach Wacken.

Foto: privat

Zu schaffen machen den Pilgern auf ihrer Tour vor allem Zecken, schreiben sie am vierten Tag in ihrem Blog. Jeden Abend müssten sich gegenseitig nach den Blutsaugern, die gefährliche Krankheiten übertragen können, absuchen. „Jeder von uns hat meist vier bis fünf von den Dingern am Körper“, sagt Jimmy.

Zwar sind die langen Fußmärsche mit Strapazen verbunden, besonders die letzten rund zehn Kilometer eines Tages. Doch noch tragen die Füße. Und es gibt wenig Blasen zu beklagen. Zu verdanken sei das ihren besonderen Socken. Jeder trägt drei Paar doppellagige mit in seinem Rucksack. Und der Hersteller verspricht keine Blasen. „Bis jetzt hält das Versprechen tatsächlich“, sagt Jimmy.

So können Blasen den Wanderern die Laune schon mal nicht verderben. Aber auch Gewitter und Querfeldein-Märsche nicht. Und die Anstrengungen lohnen sich. Die Gruppe erhält unterwegs Geschenke. Wie einen Grill und Bier. „Wir schauen ja aber auch immer ein wenig mitleidig und unterhopft aus", meint Jimmy Müller.

Grill und Bier: Ein edler Spender versüßt der Gruppe den Abend.

Grill und Bier: Ein edler Spender versüßt der Gruppe den Abend.

Foto: privat
 

Doch nicht nur auf freundliche Menschen stoßen die Wanderer. Sauer sind sie auf die Betreiberin einer Berghütte, die den Ausgedürsteten am Ruhetag kein Bier ausschenken wollte, geschweige denn Wasser. Aber auch das nehmen die vier mit Humor.

Kein Wasser: An einer Berghütte werden die Wanderer nicht gerade freundlich empfangen.

Kein Wasser: An einer Berghütte werden die Wanderer nicht gerade freundlich empfangen.

Foto: privat
 

Am Mittwoch liegen vor den Pilgern noch mehr als 600 Kilometer. Am 3. August könnten sie in Wacken ankommen - wenn es keine Zwischenfälle gibt. Doch Jimmy Müller ist guten Mutes. Und außer dem Auftritt seines Sohnes am Freitag auf der „Headbanger Stage“ um 15 Uhr, treibt die Gruppe noch etwas an. Im „Holy Land“ soll es eine Bierpipeline geben.

Zurückgehen in die Heimat soll es für die Pilger nach dem Festival mit der Bahn. Der „Metal Train“ soll sie aufnehmen. Halt macht der Zug dann in Esslingen, 40 bis 50 Kilometer vom Heimatort Buttenhausen entfernt. Und eines steht für Jimmy Müller und die Gruppe fest: Diese Strecke werden sie nicht mehr zu Fuß laufen.

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erstellt am 19.Jul.2017 | 20:33 Uhr

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