zur Navigation springen

Warten auf "Rammstein" : Sieben Stunden bis zum Höhepunkt

vom

"Rammstein"-Fans müssen Meister der Ausdauer sein. Ein Einblick in die vielen Wartestunden vor dem ersten Paukenschlag.

shz.de von
erstellt am 12.Aug.2013 | 09:15 Uhr

Wacken | Sie wissen ganz genau, auf welchen Wahnsinn sie sich da einlassen. "Ab jetzt wird fast nichts mehr getrunken, nur noch ab und zu etwas Wasser in Mini-Schlücken", sagt Jessica Schmitz Ochoa völlig gelassen. "Ansonsten müssen wir aufs Klo und verlieren unseren Platz hier." Jessica wirft einen kurzen Blick zum Himmel, verzieht dabei keine Miene und schmiert sich Sonnencreme ins Gesicht.
Es ist Donnerstagnachmittag, 15.15 Uhr, direkt vor der True Metal Stage. Nur wenige Wolken lassen sich am Himmel blicken, die Sonne brennt gnadenlos. Die Temperatur liegt deutlich über 30 Grad, von Schatten keine Spur, von kühlendem Wind sowieso nicht. Die meisten Menschen, die bei so einem Wetter nicht arbeiten müssen, liegen jetzt am Strand, sonnen sich zu Hause im eigenen Garten oder kühlen sich im Schwimmbad ab. Jessica gehört nicht zu diesen Menschen. Zusammen mit sieben Freunden hat es sich die 15-jährige Schülerin aus Aachen auf dem Boden in der dritten Reihe vor der True Metal Stage bequem gemacht und wartet. Und das ganze sieben Stunden lang. Erst um 22.15 Uhr beginnt das "Rammstein"-Konzert, ihr absoluter Höhepunkt des Festivals. Und um den möglichst aus nächster Nähe zu erleben, überlässt sie nichts dem Zufall. "Wir sind mit als Erstes direkt um 15 Uhr zur Öffnung des Infields zur True Metal Stage gerannt, um uns die besten Plätze zu sichern." Dort warten sie nun bei brütender Hitze über sieben Stunden lang.

"Die Show ist nicht zu toppen"

Ist es das wirklich wert? "Und ob", sagt Irene Ackermann, die auch zu der Achter-Gruppe gehört. "Ich habe Rammstein mit ihrer geilen Bühnenshow schon live gesehen. Die ist nicht zu toppen und sowas muss man aus nächster Nähe erleben, wenn man die Möglichkeit dazu bekommt." Neben Irene sitzt Sara Kammerhoff und nickt zustimmend. Die 18-jährige Goslarerin ist zum ersten Mal beim W:O:A. Sie hat sich gerade ein Wassereis gekauft, um Flüssigkeit aufzunehmen und sich zu kühlen. Die Stimmung in der Gruppe ist hervorragend. Jessica, Irene, Sara, Nikita Krey (18/Aachen), das Geschwister-Trio Alexander, Pascal und Jasmin Bosbach (21,18,17/alle aus Seelscheid im Rhein-Sieg-Kreis) und Jonathan Röpke (22/ Siegburg) plaudern miteinander über Gott und die Welt, machen Späße und lachen. Es wirkt, als hätte sich eine Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener zur entspannten Gartenparty bei bestem Sommerwetter getroffen.
Ganz anders sieht es in den beiden Reihen vor der Gruppe aus. Die zumeist jungen Leute sitzen mit dem Rücken gegen das Absperrgitter gelehnt und halten ein Nickerchen, spielen auf ihren Smartphones herum oder starren mit verlorenem Blick in der Gegend herum. Ausgerechnet diejenigen, die sich einen Platz direkt an der Absperrung erkämpft haben, wirken desinteressiert und träge, geradezu gelangweilt, als seien sie versehentlich dort gelandet. Erst deutlich später sollte sich herausstellen, dass dieser Eindruck vollkommen falsch war.

Das Infield füllt sich merklich

Von Metal-Feeling ist hier wenig zu spüren. Das ändert sich schlagartig, als um Punkt 16 Uhr "Skyline" das erste Konzert des W:O:A 2013 auf dem Infield geben. Jessica, Irene und Co. springen auf, gröhlen mit und vertreiben sich so die Zeit bis zum "Rammstein"-Konzert. Die Hitze macht ihnen offenbar nichts aus - noch nicht.
16.47 Uhr: "Skyline" haben ihren Auftritt beendet, doch allmählich beginnt sich das bis dahin bis auf die ersten Reihen vor den Bühnen recht leere Infield merklich zu füllen. Nikita nimmt einen tiefen Schluck Wasser aus ihrem Tetrapak.

"Rammstein"-Texte im Kindergarten gesungen

Sie lächelt, die Vorfreude auf "Rammstein" ist ihr anzusehen. "Seit ich zwei Jahre alt bin, höre ich Rammstein und bin ein großer Fan. Als ich noch in den Kindergarten ging, mussten meine Eltern zu einem Gespräch mit der Erzieherin kommen, weil ich ständig Rammstein-Texte gesungen habe." Neben ihr steht Irene. Sie hat sich einen Hut aufgesetzt. "Ich habe schonmal Kreislaufprobleme wegen der Hitze bekommen, daraus habe ich gelernt." Auch den anderen sechs geht es weiter blendend. Langeweile scheint für sie ein Fremdwort zu sein.
Das gilt auch für einen anderen Besucher. Er hat eine Wasserpistole in Penisform dabei ("Die gab es im Merchandising-Shop für sechs Euro") und macht sich einen Spaß daraus, anderer nass zu spritzen. Doch für die meisten Besucher ist das eine willkommene Abkühlung.

Perücke als Sonnenschutz

Die Lethargie der Fans in den ersten beiden Reihen färbt ab. Jessica und ihre Freunde sitzen teilnahmslos und still auf dem Boden und scheinen das Warten satt zu haben. Oder macht es sich einfach nur bemerkbar, dass sie schon über vier Stunden in der prallen Sonne dort sitzen? Unweit von ihnen steht ein Mann mit einem blauen T-Shirt und einer Perücke, die in den Farben der Italien-Flagge gehalten ist. Später berichtet Emanuele Folcone aus Soest, dass er tatsächlich gebürtiger Italiener ist und die Perücke sein Sonnenschutz ist. Wegen der Hitze haben sich einige Jungs ihre Shirts ausgezogen und die meisten Mädels laufen im Bikini-Oberteil herum. Immer wieder lassen sie ihre Wasservorräte in der Runde kreisen, achten aufeinander, dass keiner Kreislaufprobleme bekommt.
Eine knappe Stunde vor Konzertbeginn ist es dann aber doch passiert. "Hunger!", brüllt Pascal. "Und dringend was Richtiges zum Trinken brauche ich auch." Doch dann grinst er wieder. "So lang dauert es ja jetzt nicht mehr." Jessica klagt hingegen über einen trockenen Mund und Rückenschmerzen vom langen Stehen. Sie sehen kaputt aus, ihre verschwitzten Haare kleben in dicken Strähnen an der Stirn, Saras Schulterbereich hat sich von der Sonne stark gerötet.

"Jetzt weißt du, warum wir gewartet haben"

Jetzt gleich geht das Konzert los. Jessica dreht sich um, blickt hinter sich in das Infield. Soweit das Auge reicht - nichts als Menschen. "Jetzt weißt du, wieso wir sieben Stunden auf das Konzert gewartet haben", ruft sie lachend dem Reporter zu.
"Peng! Peng! Peng!" Auf der Bühne explodieren die ersten Feuerwerkskörper und läuten das "Rammstein"-Konzert ein. Jessica, Pascal und die anderen reißen schlagartig ihre Arme in die Höhe und schreien, was ihre Kehlen hergeben. Gegen die Fans in den ersten Reihen kommen aber auch sie nicht an. Die scheinen urplötzlich aufgewacht zu sein, als hätten sie sich ihre ganze Energie nur für diesen Auftritt aufgehoben. Aber direkt dahinter wirkt die Gruppe um Pascal und Jessica frisch wie eh und je. Auf einen Schlag sind alle Schmerzen und Strapazen der sieben Stunden Wartezeit vergessen. Aus ihren Gesichtern ist deutlich zu lesen: Der Wahnsinn hat sich gelohnt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen