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WOA 2017 : Pralle Brüste und fette Bäuche: Warum Wackenfans gern nackte Haut zeigen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Warum machen sich die Metalheads auf Festivals so gerne nackig? Ein Psychiater gibt die Antwort.

Dicke Bäuche, stramme Schenkel, pralle Brüste und ausführliche Antworten auf die Frage, was der Schotte unterm Rock trägt – ein Besuch beim Wacken Open-Air ist immer auch eine kleine Anatomie-Lehrstunde. Die Metalheads lassen gern die Hüllen fallen. Aber was treibt sie aus den Klamotten? Die nackten Tatsachen liefert im Interview Prof. Dr. Arno Deister, Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin im Klinikum Itzehoe und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde.

Herr Prof. Dr. Deister, warum machen sich die Metalheads so gerne nackig?
Das ist eine spannende Frage und ein Thema, das sehr viel mit dem Wesen des Menschen zu tun hat. Wer als Besucher zum Wacken Open-Air geht, übernimmt dort eine andere Rolle: Er ist nicht mehr Individuum, sondern Teil einer Masse – und damit verändert er sich. Es gelten plötzlich ganz andere Regeln und die Menschen tun Dinge, die sie als Individuum nie tun würden. Wenn sich jemand in dieser Masse auszieht, ist es kein Ausziehen als Individuum, sondern er übernimmt die Regeln der Gruppe, um in der Masse aufzugehen.

Prof. Dr. Arno Deister ist Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin im Klinikum Itzehoe und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde.

Prof. Dr. Arno Deister ist Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin im Klinikum Itzehoe und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde.

Foto: Götz

Wer den „Holy Ground“ betritt, ist also nicht mehr er selbst?
Jeder Mensch ist bestrebt, die Kontrolle über sich zu behalten. Es ist für viele ein Problem, wenn sie einen Kontrollverlust erleiden, das ist zum Beispiel bei Angsterkrankungen ein ganz großes Thema. Massenveranstaltungen wie das WOA bieten eine Möglichkeit, die Kontrolle aufzugeben. Solche Festivals leben davon, dass sie Rahmenbedingungen schaffen, damit der Mensch seine Kontrolle aufgeben kann.

Und danach sehnt sich jeder Mensch?
Das Bedürfnis steckt in jedem Menschen, aber es gibt ganz unterschiedliche Varianten, um es auszuleben. Das ist auch überhaupt nichts Schlimmes oder Falsches. Es gehört zum Menschen dazu.

Gibt es dabei Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Männern ist es in der Regel wichtiger, die Kontrolle zu behalten. Sie brauchen länger, um die Schwelle zu überwinden. Aber wenn die Grenze erst überwunden ist, bricht es aus ihnen meist noch stärker hervor als bei Frauen.

Ein Schamgefühl scheint es dabei nicht mehr zu geben ...

Es gibt keinen Anlass für Scham. Das Schamgefühl stammt aus einem ganz anderen Kontext. Es gibt für jedes Umfeld, in dem sich der Mensch befindet, bestimmte Regeln – Scham tritt auf, wenn die inneren Bedürfnisse des Menschen und die äußeren Regeln nicht zueinander passen. Das passiert hier nicht, denn die äußeren Regeln werden ja an die inneren Bedürfnisse angepasst. Man kann Dinge machen, die man im Alltag nicht machen kann – es drohen keine sozialen Konsequenzen. Das Schamgefühl tritt eventuell hinterher auf, wenn man zum Beispiel Bilder vom Festival sieht. Wenn ich wieder zuhause bin, erlebe ich mein Verhalten plötzlich ganz anders.

Und welche Rolle spielt die Musik?
Musik wirkt ganz direkt auf die Psyche des Menschen. Sie ist ein Instrument, um bestimmte Situationen zu schaffen. Heavy Metal eignet sich besonders gut, weil es Musik ist, bei der man aus sich herausgeht. In der Menge vor der Bühne wird die Musik gar nicht mehr gehört, nur noch gespürt. Man spürt sie im Bauch – und dazu lassen sich die Menschen für ein paar Tage fallen.

shz.de berichtet live vom Wacken Open Air 2017. Zum Liveblog geht es hier.

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erstellt am 02.Aug.2017 | 16:50 Uhr

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