1900-Seelen-Gemeinde : Hier wird Wacken zur Ehrensache

Als echter Wackener Jung hat Niclas die Metal-Handzeichen 'im Blut'. Foto: nr
2 von 3
Als echter Wackener Jung hat Niclas die Metal-Handzeichen "im Blut". Foto: nr

Während des Metalfestivals wird die 1900-Seelen-Gemeinde Wacken zur Kleinstadt - und deren Einwohner zu Gastgebern.

Avatar_shz von
04. August 2011, 08:27 Uhr

Wacken | Über den strategisch besten Standpunkt zum Anbieten von Getränketransportdiensten lässt sich streiten: Fängt man die Metalheads vor den Supermärkten oder schon am Ortseingang ab? Reiht man sich in die lange Schlange von professionell ausgestatteten Karttransporteuren ein oder hofft man als Alleinkämpfer auf den dicken Zufallsfisch? Hendrik (9), Lea und Niclas (beide 12) haben sich für Letzteres entschieden. Kurz hinter dem Ortseingang haben sie in der erbarmungslosen Mittagssonne ihren Posten bezogen. Fünf Euro kostet eine Tour zum Festivalgelände, wirbt ein handschriftlicher Zettel an Leas Bollerwagen. "Letztes Jahr haben wir noch Pfand gesammelt. Jetzt fahren wir zum ersten Mal Getränke", sagt Niclas. An seinem linken Arm prangen mindestens vier Festivalbändchen. Auf dem Gelände war er noch nicht - "aber als Junge aus Wacken sammelt man die Bändchen. Eine Frage der Ehre", sagt er. Mit zusammengekniffenen Augen schaut sein Bruder Hendrik die Straße hoch: Ob bald ein Auftrag kommt?
Blasenpflaster, Kondome, Ohrenschutz, Kopfschmerztabletten und Sonnencreme - Mechthild Benz von der Duhorn Apotheke hat für jedes Wehwehchen der harten Metal-Rocker das passende Mittel. "Die sind alle sehr freundlich", sagt die Apothekerin. Sie und ihr Team machen für die Metaller extra Überstunden - "das ist selbstverständlich", sagt Benz. Ausnahmezustand herrscht auch im kleinen Edeka-Laden. Egon Breiholz sorgt dafür, dass im Eingangsbereich alles gesittet abläuft. Im vorderen Teil des Ladens türmen sich Bananen, Ananas, Tomaten und Gurken - Grünzeug für die Metalheads? "Das kaufen besonders die Frauen. Die Männer gehen gleich nach hinten durch zum Fleisch und Bier", erklärt Breiholz.
"Da hat man kein Grün mehr gesehen"
Bis unter die Decke stapeln sich dort die Paletten mit Bierdosen. Keine Glasflaschen, versteht sich, denn die sind auf dem Festivalgelände verboten. Das Sortiment wurde im Laufe der Jahre perfektioniert. "Wir könnten schnell auf Regenwetter reagieren. Dann holen wir die Gummistiefel raus und verkaufen dafür weniger Eis."
Doch von Regenwolken war am Dienstag keine Spur. Volker Mohr und Hans-Jürgen Wurch nutzen die Sommersonne, um auf einer selbst gebastelten Bank bei einem Bierchen die ankommenden Metalheads zu beobachten und dem ein oder anderen auch mal einen Schlafplatz im Vorgarten anzubieten. "Die tröpfeln ja schon ab Freitag oder Sonnabend ein, wenn die Campingplätze noch geschlossen sind", erklärt Volker Mohr. Rund 90 Metal-Fans auf einem Schlag haben mal bei Mohr im Vorgarten übernachtet. "Da hat man kein Grün mehr gesehen."
Auf der anderen Straßenseite kommt Niclas mit seinem mit Bierdosen beladenen Bollerwagen vorbei. Er streckt die Faust zum Wackengruß in die Luft und grinst. In Wacken packt jeder mit an - Ehrensache.
(tyr, shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen


Nachrichtenticker