zur Navigation springen

Pfahlsitzer Michael Althaus : Exot unter Bierbauchträgern

vom

Perspektivwechsel für Reporter Michael Althaus: Sechs Stunden hockte er auf einem Pfahl - und aus dem Normalo wurde plötzlich ein schräger Vogel.

Wacken | Wacken aus der Vogelperspektive: Von einem Holzpfahl in vier Metern Höhe betrachte ich das Meer aus Bierbäuchen, Wikinger-Helmen und schwarzen T-Shirts von oben. Sechs Stunden harre ich aus, direkt vor dem Infield. Das ist besser als Kino.
Cowboyhüte gehören hier zum konventionellen Kleidungsstil. Wer einen draufsetzen will, der trägt das gute Stück in schillerndem Rosa. Und fast alle tragen ein Bier in der Hand. Ob in Dosen, Plastikbechern, Maßkrügen, Kathetern oder Kanistern - der Alkohol ist immer dabei. Manche schwanken leicht benebelt, andere torkeln und wieder andere fallen gegen das Eisengitter, das uns Pfahlsitzer von der Masse trennt. Ein besonders Voller schafft es, die Absperrung zu überspringen und versucht sich an meine Füße zu hängen. Er bleibt ohne Erfolg: Sie hängen zu hoch.

"Tolle Aussicht hier oben"

"Warum sitzt du eigentlich da?", ruft mir einer zu. "Tolle Aussicht hier oben", rufe ich zurück. Und die anderen Pfahlsitzer stimmen mir zu. Lars (35) aus Birstein hat schon vergangenes Jahr oben gesessen. Dieses Jahr hat er Sohn Pascal (14) mitgebracht. "Der Blick ist genial von oben und außerdem gibts nachher ein VIP-Upgrade." In der Tat: Wer sechs Stunden durchhält, bekommt das begehrte gelbe Bändchen, das den Zugang zum Bereich der Prominenten eröffnet. Das ganze ist eine Aktion der W:O:A-Foundation, der die Pfahlsitzer mit ihrem Einsatz etwas Gutes tun. Für jede gesessene Stunde geben Sponsoren zehn Euro an die Stiftung, die junge Metal-Bands unterstützt. "Abgebrochen hat noch niemand", sagt Enno Heimann, der das Projekt im dritten Jahr betreut.
Ich fühle mich fast wie ein König auf dem hölzernen Thron. Der Stuhl ist so gemütlich, dass weder der Hintern schmerzt, noch die Beine einschlafen. Auf der Hauptbühne geben gerade "Skyline" alte Metalhits zum besten. Meinen Blick dorthin stört nur ein WC-Container direkt vor mir, bei dem sich nicht wie gewohnt vor dem Frauen- sondern vor dem Männer-Klo eine Schlange bildet.

Fast jeder bleibt stehen und starrt

In gut fünf Stunden wird Rammstein auf dieser Bühne stehen. Das Infield wird voller und voller und ich frage mich: Wer ist eigentlich verrückter? Derjenige, der den ganzen Nachmittag in der prallen Sonne auf Rammstein wartet, oder derjenige, der sechs Stunden mit Sonnenschirm und Kissen auf einem Pfahl hockt? Für mehr Aufmerksamkeit sorge jedenfalls ich. Fast jeder der Passanten bleibt stehen, starrt mich an. Nach dem hundertsten Foto, das von mir geschossen wurde, habe ich aufgegeben zu lächeln oder meine Finger zum Metal-Gruß abzuspreizen und laut "Wacköööön" zu gröhlen. Manche rufen sogar: "Lach doch mal". Ich fühle mich wie ein Affe im Käfig, den Blicken der Zoo-Besucher schutzlos ausgeliefert. Ich bin selber zum komischen Vogel geworden, steche sogar aus der Menge der Bierbauch- und Wikingerhelmträger noch hervor.
Torsten und Olaf vom Klettergarten Hanerau-Hademarschen kümmern sich rührend um uns, reichen Wasser an, helfen beim Absteigen in den zwei kurzen Pausen und beantworten geduldig alle Fragen der Besucher. Meine einzige Waffe gegen die Gaffer: Ich gaffe zurück und amüsiere mich über den Vollbärtigen mit dem Bademantel, der schon zum fünften Mal vor mir vorbei läuft oder über den Langmähnigen, der seiner Freundin erstmal kräftig an den Arsch packt.

Ich darf so sein, wie ich will

Gegen acht Uhr taucht ein älteres Ehepaar auf: Er trägt ein Kragenhemd und eine Stoffhose mit Bundfalte. Sie hat eine schwarze Bluse, Jeans und Schuhe aus Krokodilleder an. Es sind wohl Dorfbewohner auf ihrem Rundgang über das Gelände. Mit diesem Outfit stechen sie aus der schwarzen Metal-Masse heraus und doch beachtet sie niemand so richtig. Sie lassen ihre Blicke schweifen, während sie für die Masse nur Luft sind. Und langsam begreife ich, was das tolle am W:O:A ist: Ich darf so sein, wie ich will. Ich muss mich nicht hinter dem Mainstream verstecken. Je ausgefallener, desto besser. Normalos gehen in der Masse unter.
Als ich nach sechs Stunden heruntersteige und die Fans im Infield zur Rammstein-Mukke hüpfen sehe, komme ich zu dem Schluss: Es macht Spaß, Exot zu sein - egal ob als Bierbauch- oder Bademantelträger, als Wikinger oder als Fee, als Affe oder komischer Vogel. Oder eben als Pfahlsitzer.

zur Startseite

von
erstellt am 12.Aug.2013 | 09:15 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen