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Thema des Tages

18. Oktober 2017 | 13:45 Uhr

Streifzug durch Welt des Adels

vom

shz.de von
erstellt am 16.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Eutin/Plön | Bewohner aus Mittelgebirgen oder gar aus den Alpen neigen gerne zu spöttischem Lächeln, wenn sie den Begriff Holsteinische Schweiz hören. Der Spott vergeht ihnen spätestens bei Fahrradtouren im gleichnamigen Naturpark. Gewiss: Starke Steigungen sind selten und meistens auch sehr kurz. Doch der Teufel steckt für Radler in den Höhenunterschieden auf langen Strecken: Nicht der schnelle Wechsel von Auf und Ab, hervorgerufen durch die in der Eiszeit geschaffenen Hügel (Endmoränen), sondern die Überwindung von Höhenmetern über eine längere Strecke werden zur Herausforderung, die man im Münsterland, in Ostfriesland oder auch im Allgäu nicht kennt.

Wer eine solche liebt, sollte schlicht einmal von Stendorf aus über Bergfeld zum Bungsberg fahren: 6500 Meter weit, die meisten davon geht es bergauf. Also Vorsicht bei allzu ehrgeizigen Tourenplänen in der Holsteinischen Schweiz. Aber mal ehrlich: Gibt es eine schönere Region auf dieser Welt, die sich mit Hilfe des Drahtesels erkunden lässt? Eine Gegend mit viel Grün, den typischen Knicks (Wallhecken), idyllischen Dörfern, wunderschön gepflegten Städten, mit Laubwäldern und über 200 Seen, im Osten und im Norden eingerahmt von Sandstränden und Steilküsten der Ostsee. Niemand hat diese Gegend besser beschrieben als Johann Heinrich Voß, der vor 200 Jahren ein sehr bekannter Dichter war: "Es gibt ohne Zweifel Landschaften von auffallenderer Schönheit, von großartigerer Wirkung, von reicherer Fruchtbarkeit des Bodens. Sicherlich aber keine, die lieblicher zum Auge und gewinnbringender zum Herzen guter sinniger Menschen spricht, als die Unsrige", urteilte Voß.

Da die Region zu den Tourismus-Hochburgen der Republik zählt, gibt es auch für Radfahrer eine gute Infrastruktur an Radwegen, verkehrsarmen Landstraßen und auch an guter Beschilderung. Allein zehn Radtouren, zwischen 28 und 55 Kilometer lang, sind mit Logos ausgeschildert. Die Strecken führen um und zu Seen, in Städte, zu Mühlen oder auch zu Schlössern und Herrenhäusern - Zeugen der jahrhundertelangen Adelsherrschaft in der Region.

39 Kilometer lang ist die hier empfohlene Gütertour, der die Güter Stendorf, Sierhagen, Hasselburg und Redingsdorf ihren Namen geben. Ausgangspunkt ist jedoch kein Gut, sondern das Eutiner Schloss, Keimzelle der ehemaligen Residenzstadt Eutin. Die ältesten Teile des vierflügeligen Backsteinbaus am Großen Eutiner See stammen bereits aus dem 12. Jahrhundert, 1727 erhielt das von einem Wassergraben umgebene Schloss seine heutige Form. Die spätere Sommerresidenz der Großherzöge zu Oldenburg wurde von 1986 an über 20 Jahre lang aufwändig restauriert, seitdem ist sie Museum. Besichtigungen mit Führung oder Audio-Guides sind von April bis Oktober täglich außer montags möglich (Telefon 04521/70950, www.schloss-eutin.de). Noch heute nutzen die ehemaligen Schlossherren, die über eine 1992 gegründete Stiftung gemeinsam mit dem Land Schleswig-Holstein die Geschicke des Schlosses bestimmen, das Schloss für Adelshochzeiten. Zuletzt gaben sich 2010 Beatrix Herzogin von Oldenburg und ihr Bräutigam Sven von Storch im barocken Ambiente das Ja-Wort. Nur wenige Wochen zuvor war das Schloss Treffpunkt für Adelsfamilien aus ganz Europa, als sich Tatjana Herzogin von Oldenburg und Axel Comte de Chavagnac hier das Ja-Wort gaben.

Nur von außen zu betrachten ist das Gut Stendorf, das mit seinen Arbeiter- und Verwalterhäusern unter Denkmalschutz steht. Es wurde bereits im 14. Jahrhundert erwähnt. Vom Tor aus ist das alte Verwalterhaus zu sehen, Hauptschauplatz des auf dem gleichnamigen Bestseller von Katharina Hagena beruhenden Spielfilms "Der Geschmack von Apfelkernen", der voraussichtlich in diesem Sommer in die Kinos kommt.

Um das größte Gut Ostholsteins, das sich noch heute in Adelsbesitz befindet, handelt es sich beim erstmals 1280 erwähnten Gut Sierhagen. Es umfasst eine Fläche von 1650 Hektar und wird von Carl Graf von Scheel-Plessen und seinem Sohn Carl-Christian von Scheel-Plessen bewirtschaftet. Die Anlage steht der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung, ist jedoch gelegentlich Schauplatz öffentlicher Veranstaltungen. Zu größerer Bekanntheit brachte es Carls Schwester Elisabeth Plessen, die bis zu dessen Tod 2009 mit dem Regisseur Peter Zadek liiert war. Sie veröffentlichte 1976 ihren Roman "Mitteilung an den Adel", eine Abrechnung mit dem konservativen Adel der Bundesrepublik, der bei Literaturkritik und Lesern gut ankam.

Die Gutsanlage besteht aus einem rechteckigen, von Wassergräben umgebenen Hof von rund 100 mal 50 Metern, der von vier Gebäuden umstanden ist und im Südwesten und Osten durch Torhäuser (von 1738 und 1857) zugänglich ist. Im Südosten der Anlage befindet sich, leicht abgesetzt von den Hofgebäuden das klassizistische Herrenhaus - ein rechteckiger, dreigeschossiger Bau, der 1825 unter dem Hamburger Architekten Alexis de Chateauneuf in klassizistischem Stil umgebaut wurde. Für Blumen- und Pflanzenfreunde lohnt sich ein Abstecher in die Gutsgärtnerei, in deren Palmenhaus Kaffee und Kuchen angeboten werden.

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