Pflegebranche ordnet sich neu

Avatar_shz von
01. Februar 2013, 01:14 Uhr

Ein Pflegeheim wird geschlossen - für die Betroffenen ist das ein harter Schlag, für die Gesellschaft aber kein Grund, den Pflegenotstand auszurufen. Im Gegenteil. Wir haben in Schleswig-Holstein Überkapazitäten. Trotz des demografischen Wandels und der stark steigenden Zahl von Senioren bleiben viele Heimplätze leer. Häuser mit ungünstiger Kostenstruktur wie das Diakonie-Heim Eichengrund in Rendsburg scheiden dann als Erste aus dem Markt.

Pflege und Markt, das ist schon längst kein Widerspruch mehr. In der Branche werden pro Jahr zwischen 50 und 60 Milliarden Euro umgesetzt. Da will jeder mitmischen und mitverdienen. Deshalb haben in den vergangenen Jahren Ketten, Hedgefonds, aber auch gemeinnützige Träger gebaut, was das Zeug hält. Von Flensburg bis Rosenheim schossen Pflegeheime wie Pilze aus dem Boden, weil Immobilienfonds und Glücksritter sich kurzfristig hohe Renditen versprachen.

Doch die Rechnung ging nicht auf. Senioren lassen sich nicht zu Spekulationsobjekten machen, stellte Henning Scherf, Bremens Ex-Bürgermeister und Deutschlands berühmter Senioren-Papst, kürzlich zu Recht fest. Die Zahl der Menschen, die stationäre Betreuung nachfragen, hat mit dem Bettenboom nicht mitgehalten - auch weil sich immer weniger Menschen ins Heim abschieben lassen.

Die Politik hat längst reagiert und nicht nur aus Kostengründen die Parole "ambulant vor stationär" ausgegeben. Der Wunsch der Bürger, möglichst bis zum Ende in den eignen vier Wänden zu bleiben, war schließlich unüberhörbar. Der Ausbau mobiler Dienste und vermehrte Angebote für betreutes Wohnen werden die Nachfrage nach Heimplätzen weiter verringern. Wenn es überhaupt ins Heim geht, dann häufig nur für die allerletzte Lebensphase.

Dass kleine Pflegeheime schließen, daran müssen wir uns gewöhnen. Die Branche ordnet sich neu. Bequem zurücklehnen können wir uns trotzdem nicht. Der wirkliche Pflegenotstand droht uns nicht, weil zu wenig Beton-Kapazitäten vorhanden sind, sondern weil es an Pflegekräften mangelt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen