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Thema des Tages

12. Dezember 2017 | 06:12 Uhr

Auf den Spuren der Buddenbrooks

vom

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Lübeck | Zugegeben: Originell ist die Idee einer Radtour von Lübeck nach Travemünde nicht, verlockend ist sie aber allemal, denn die hübsche Tochter der Hansestadt gehört zu den schönsten Seebädern in der Lübecker Bucht. "Nach Travemünde geht es immer geradeaus" - Thomas Mann machte das Seebad für "Buddenbrooks"-Sprösslinge zum Mekka der Ungebundenheit. Hier verlor die junge Tony ihr Herz an Morten Schwarzkopf, Scheibenhonig und Bratwurst mit Pfeffernusssoße. Also rauf auf die Räder und immer geradeaus. Ungefähr 20 Kilometer liegen vor uns. Wir starten am Lübecker Burgtor. Und bevor man sich auf den Weg Richtung Norden macht, ist das Burgtor einen zweiten und dritten Blick wert: Es ist neben dem Holstentor die einzige von ehemals vier Toranlagen der Stadtbefestigung, die noch erhalten ist. Hier drangen am Mittag des 6. November 1806 Napoleons Truppen in die Stadt ein und die ersten Meter unserer Radtour gehörten damals zum heftig umkämpften Gebiet.

Wen die Geschichte weniger lockt, der genießt einfach den Weg hinaus aus der Stadt in die Sommerfrische, die spätestens am Schellbruch, einem bedeutenden Naturschutzgebiet am unteren Trave-Lauf zwischen den Ortsteilen Karlshof, Israelsdorf und Gothmund, beginnt. Seine Größe, 1,5 Quadratkilometer, entspricht in etwa der der Lübecker Altstadtinsel. Auf engstem Raum liegen Fluss, Lagunen, Süßwasserteiche, Bach, Gräben, zeitweilig überschwemmte Wiesenflächen und Waldtümpel beieinander und sind - zusammen mit gewaltigen Schilfflächen - ein Paradies für Vögel. 200 Arten wurden hier gezählt, 90 haben hier gebrütet. Ein Aufenthalt ist unbedingt empfehlenswert - und ein Fernglas ein nützliches Utensil.

Weiter geht es auf dem alten Treidelpfad auf Gothmund zu - und schon wieder sind wir mittendrin in der Geschichte: Treideln bezeichnet das Ziehen von Schiffen per Mannes- oder Zugtierkraft. Stromaufwärts, versteht sich. Und dann ist Gothmund in Sicht. "De vischere to deme Godmunde, tegen Symesen awer liggende" (Die Fischer zu Gothmund liegen gegenüber Siems), heißt es in einer ersten Erwähnung dieser

verwunschenen Siedlung aus dem Jahr 1502. Die diente zunächst Fischern als Zwischenstation auf der langen Rückreise zu den Lübecker Häfen. Sonnenbeschienen und vogelbezwitschert scheint das Dörfchen mit seinen Reet gedeckten Häusern aus der Zeit gefallen. Die Siedlung ist gänzlich autofrei, ein Schilfgürtel trennt den natürlichen Schutzhafen von der Trave ab, hier liegen auch noch Fischerboote. Hochspannungsmasten, die am anderen Traveufer aufragen, wirken in dieser dörflichen Idylle geradezu grotesk. Hier muss man einfach absteigen und gucken.

Wir verlassen das alte Gothmund auf dem Fischerweg (hier stehen die Häuser Nummer 10 bis 18 unter Denkmalschutz) und peilen eines der neuen und in jeder Hinsicht spektakulären Bauwerke an, den 866 Meter langen Herrentunnel, der seit seiner Eröffnung vor acht Jahren die sanierungsbedürftige, inzwischen abgerissene Herrenbrücke ersetzt - und, kaum dass der Jubel über den Bau verebbt war, zu einem städtischen Problemkind wurde.

Zu wenige Autofahrer wollen ihn nutzen, denn er kostet Mautgebühren und die sind - zu wenige Nutzer, zu geringe Einnahmen - seit seiner Eröffnung von 90 Cent pro einmaliger Pkw-Durchfahrt auf aktuell 1,50 Euro gestiegen.

Uns Radfahrer allerdings interessiert das nicht, denn wir dürfen kostenlos passieren. Für Fußgänger und Radler ist zwischen Herreninsel und Lübeck Siems ein Bus-Shuttle installiert, der rund um die Uhr (nachts per Rufbereitschaft) verkehrt. Zwölf Sitzplätze gibt es im Bus, der übrige Platz ist für den Transport von Rädern und Rollstühlen präpariert. Weiteren Fahrrädern und Mofas bietet ein spezieller Anhänger Platz.

Pöppendorf, Ovendorf, Ivendorf - noch immer sind wir in urbaner Nähe, doch die Ortsnamen klingen eindeutig nach Frühling, Sonne, frischer Luft. Und dann steigt der Duft des Meeres in die Nasen. Die Travemünder Landstraße führt uns hinein ins Seebad an der Travemündung. An der Vorderreihe passieren wir die Alte Vogtei, ein Backsteingiebelhaus, einst Sitz des Lübecker Vogts, im 20. Jahrhundert Polizeiwache, heute Geschäftshaus. Hier muss man rein, um - schon wieder Geschichte! - im Anbau das Deckengemälde mit den zwölf Köpfen römischer Kaiser zu betrachten, das bei Sanierungsarbeiten 2006 entdeckt wurde.

Das Panorama ist phänomenal. Rechts liegt am anderen Traveufer die "Passat", auf unserer Seite steht der 31 Meter hohe alte Leuchtturm, einer der ältesten Deutschlands, im Schatten des höchsten Leuchtfeuers in Europa in 115 Metern Höhe auf dem Dach des Hotels Maritim. Seine Bedeutung als Seezeichen hat der alte Backsteinbau verloren, er ist Museum, Kulturdenkmal und allemal schöner als sein Nachfolger.

Weiter geht es auf die nagelneue Promenade, der man zum Glück die alten schmiedeeisernen Geländer zum Wasser hin gelassen hat. Und nun gibt es nur eines: den Strandkorb mit Blick auf Ostsee, Schiffe, Möwen und den Horizont.

Wer jetzt noch mag, fährt weiter Richtung Norden nach Niendorf. Oder zurück. Oder genießt wie Tony Buddenbrook das Meer und nimmt den Zug nach Lübeck. Vom denkmalgeschützten und gerade renovierten Strandbahnhof fährt der jede Stunde.

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