Wewelsfleth : Seit 1975 schützt ein Sperrwerk die Elbmarschen

Die ursprüngliche Stör-Mündung (rechts) wurde geschlossen  und der neue Flussverlauf (links) durch das Sperrwerk gelegt.
1 von 4
Die ursprüngliche Stör-Mündung (rechts) wurde geschlossen und der neue Flussverlauf (links) durch das Sperrwerk gelegt.

Eine der Lehren aus der Sturmflut von 1962 war der Generalplan "Deichverstärkung, Deichverkürzung und Küstenschutz in Schleswig-Holstein", der auch den den Hochwasserschutz im Kreis Steinburg regelt.

Avatar_shz von
15. Februar 2012, 04:15 Uhr

wewelsfleth | Küstenschutz und Hochwasserschutz haben in Schleswig-Holstein eine hervorragende Bedeutung. Eine Küstenlänge von etwa 1.100 Kilometern ist gegen die Einwirkung der Nord- und Ostsee zu schützen. Etwa ein Viertel der Landesfläche muss als Niederungsgebiet durch Deiche gegen das Eindringen der Meere verteidigt werden. Die Sicherung dieser Hochwasserschutzanlagen ist lebensnotwendig für die Menschen, die in diesen Gebieten wohnen.
Zu den gefährdeten Gebieten gehören auch die schleswig-holsteinischen Elbmarschen mit einer Fläche von 65.000 Hektar. Dabei handelt es sich um die niedrigst gelegenen Flächen des Landes. Mit 3,54 Meter unter Normalnull befindet sich in der Wilstermarsch die tiefste Landstelle Deutschlands.
Die von den Menschen seit etwa 1.000 Jahren geschaffenen Schutzwerke gegen das Eindringen von Hochwasser in Form von Wurten oder Warften, Verwallungen und Deichen wurden durch Sturmfluten immer wieder auf die Probe gestellt, und immer wieder kam es auch zu Deichbrüchen mit zum Teil verheerenden Folgen. Dadurch, dass diese Gebiete zunehmend auch von Menschen besiedelt worden sind, wurde die Einhaltung und die Verbesserung der Hochwasserschutzanlagen eine Lebensnotwendigkeit für die dort wohnende Bevölkerung.
Wenn man die Daten der großen Sturmflutkatastrophen zurück verfolgt, so stellt man fest, dass in jedem Jahrhundert eine besonders hohe Flut zu verzeichnen ist. Bei der Wiederherstellung der dabei zerstörten Deiche sind diese auf Grund neu gewonnener Erkenntnisse zumeist auch in ihren Abmessungen verbessert worden.
Im 20. Jahrhundert gaben die Folgen der Februar-Sturmflut 1953 in Holland Anlass zur Überprüfung der Deichsicherheit in Schleswig-Holstein. Das Ergebnis führte zu einer landesweiten Korrektur des Deichbesticks, das noch aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammte und auf der Grundlage der bis dahin registrierten höchsten Sturmflutwasserstände vom 4./5. Februar 1825 festgelegt worden war. Auf Grund der neuen Bemessungsvorgaben wurden ab 1954 auch in den Elbmarschen viele Deiche verstärkt. Diese Arbeiten waren noch nicht abgeschlossen, als in der Nacht vom 16. zum 17. Februar 1962 die bis dahin schwerste Sturmflut die Deiche an der Westküste unseres Landes auf die Probe stellte.
Dabei haben sich die seit 1954 erfolgten Deichverstärkungen als richtig erwiesen. Sie verschonten die Elbmarschen vor katastrophalen Folgen, wie sie Hamburg im Bereich Wilhelmsburg hinnehmen musste. Aber es blieben materielle Schäden nicht aus. Insbesondere die Deiche entlang der Elbnebenflüsse Pinnau, Krückau und Stör wurden stark beschädigt. Der Bruch des Deiches bei Münsterdorf setzte auch die südlich der Stör gelegenen Niederungsgebiete der Stadt Itzehoe unter Wasser.
Teile der B 5 und das Gelände der Alsenschen Zementfabrik wurden überflutet, und der Bahndamm Hamburg-Westerland wurde dort auf einer Länge von 40 Metern weggespült. Die Gleise hingen in der Luft. Das Marschgebiet Bellerkrug wurde überflutet, und es kam zum Bruch des Sanddeiches auf einer Länge von 60 Metern, so dass das Wasser in das Gebiet der Krempermarsch strömte. Die Notwendigkeit, die Deiche beiderseits der Stör in ihrer Wehrfähigkeit zu verbessern, wurde offensichtlich. Auch Elmshorn und Uetersen wurden bei dieser Flut wegen der unzureichenden Höhe der Deiche entlang Krückau und Pinnau großflächig überflutet.
Die Deichlänge des Landes wird um 210 Kilometer verkürzt
Die Februarflut 1962 hat deutlich gemacht, dass die 1953 festgelegten Abmessungen der Deiche noch nicht ausreichten. Es wurde das Gesamtsystem der Schutzwerke überprüft.
Das Ergebnis fand seinen Niederschlag im Generalplan "Deichverstärkung, Deichverkürzung und Küstenschutz in Schleswig-Holstein". Dieser Plan vom 20. Dezember 1963 legt die Grundsätze fest, nach denen die Schutzanlagen in Schleswig-Holstein gebaut werden sollen. Er sieht für die Westküste des Landes eine Verbesserung der Deichprofile durch größere Deichhöhen und flachere Böschungen und eine Verkürzung der Deichlänge von bisher rund 500 Kilometern auf rund 290 Kilometer vor. Mit der Verkürzung der Deichverteidigungslinie um rund 42 Prozent wird zugleich das Risiko um dieses Maß verringert. Von der Verkürzung um 210 Kilometer entfallen allein 110 Kilometer auf die Deiche im Bereich der Elbmarschen. Davon sind 30 Kilometer durch die Abdämmung der Pinnau- und Krückau-Mündungsgebiete und 80 Kilometer durch die mündungsnahe Abdeichung der Stör erreicht worden. Die Abdeichung der Stör besteht als Sturmflutschutzanlage aus einem Verbindungsdeich zwischen dem Elbdeich in der Wilstermarsch bei der Totenstöpe und dem Stördeich in der Krempermarsch bei Iven fleth. Er führt durch den Wewelsflether Ortsteil "Störort", der als "Künstlerkolonie" bekannt war. Über die Grenzen des Kreises Steinburg hinaus bekannte Künstler haben diesen Flecken bekannt gemacht. Die dortige Bebauung musste dem Deich weichen.
An der Kreuzungsstelle des rund drei Kilometer langen Deiches mit der Bundeswasserstraße Stör befindet sich das Störsperrwerk. Es wurde in einer Baugrube am Nordufer des Flusses im Schutze eines Ringdeiches errichtet. Nach der Fertigstellung konnte der Mündungsverlauf der Stör durch das Sperrwerk verlegt und anschließend der Altarm abgedämmt werden.
Die Anlage ist als Entwässerungsbauwerk so gebaut, dass die mittleren Tideverhältnisse in der Stör oberhalb des Bauwerkes nicht beeinflusst werden. Hierfür besteht eine lichte Öffnungsbreite von insgesamt 130 Metern. Sie setzt sich aus zwei in der Mitte gelegenen Öffnungen von je 22 Metern Breite für die Schifffahrt und aus zwei seitlichen Öffnungen von je 43 Metern für den zusätzlichen Wasserdurchfluss zusammen.
22 Meter breite Öffnungen sind für die Schifffahrt vorgesehen
Die mittleren Tiden schwingen bei diesen Abmessungen - so wie vor der Abdämmung - frei ein und aus. Die Abflussverhältnisse sind nicht beeinträchtigt. Auch die Schifffahrt kann das Bauwerk in den vorgegebenen Breitenabmessungen ungehindert passieren. Erst bei Eintreten von Sturmflutwasserständen wird das Sperrwerk geschlossen, und die Funktion als Hochwasserschutzanlage kommt zum Tragen. Die Fluten werden zurückgehalten. Die vier Öffnungen sind mit je zwei hintereinander liegenden Verschlüssen ausgerüstet; die Schifffahrtsöffnungen mit je zwei Stemmtorpaaren als Fluttore und die beiden Seitenöffnungen mit je zwei Segmentverschlüssen. Damit ist die doppelte Deichsicherheit gegeben. Die Oberkante der Verschlüsse liegt auf 7,50 Meter über Normalnull, die Deichhöhe auf 8 Meter über Normalnull. Der Betrieb des Sperrwerkes ist in einer Betriebsordnung geregelt. Danach wird das Sperrwerk geschlossen, wenn Wasserstandsvorhersagen und -beobachtungen erwarten lassen, dass der Wasserstand der Stör am Sperrwerk 1 Meter über dem mittleren Tidehochwasser (MThw) erreichen oder überschreiten wird. Das Sperrwerk wird wieder geöffnet, wenn der Außenwasserstand und der Binnenwasserstand am Sperrwerk annähernd spiegelgleich sind.
Über das Störsperrwerk wird die Bundesstraße 431 über eine besondere Brückenkonstruktion geführt. Im Bereich der Schifffahrtsöffnungen nehmen zwei Klappbrücken den Straßenverkehr auf. Da der Schiffsverkehr Vorrang hat, muss der Straßenverkehr bei einer Schiffspassage vor der für die Schifffahrt geöffneten Klappbrücke warten.
Mit der Abdämmung der Stör durch einen nach neuesten Erkenntnissen bemessenen Deich haben die Niederungsgebiete beiderseits des Flusses bis nach Kelinghusen einschließlich der Stadt Itzehoe einen besseren Hochwasserschutz erhalten. Die Stördeiche oberhalb des Sperrwerks bilden als Mitteldeich nun die zweite Deichlinie. Dadurch wird für diese Gebiete ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor erreicht.
Während das Sperrwerk geschlossen ist, muss das aus dem Einzugsgebiet zufließende Oberflächenwasser oberhalb des Sperrwerks gesammelt werden. Es kann bei ungünstigen Ereignissen bis Kellinghusen zurückstauen. Bei einer aufgrund von gewässerkundlichen Ermittlungen angenommenen Schließzeit des Sperrwerkes infolge ungünstiger Sturmflutwasserstände von 32,5 Stunden und einem gleichzeitig eintretenden hohen Oberwasserabfluss von 90 Litern je Sekunde auf den Quadratkilometer kommt es zu einem Anstau des Störwasserspiegels auf 3,15 Meter über Normalnull für den Bereich der Bramau-Mündung. Oberhalb davon werden die Wasserstände in erster Linie vom Oberwasserzufluss beeinflusst.
Zur Sicherung eines schadlosen Hochwasserabflusses ist das Niederungsgebiet entlang der Stör in den Grenzen der zu erwartenden Stauwasserstände durch Verordnung zum Überschwemmungsgebiet erklärt worden. Darin gelten als Stauwasserstände 3,15 Meter Normalnull zwischen Sperrwerk und Bramau-Mündung und wegen des dominierenden Oberwasserzuflusses 3,50 Meter Normalnull zwischen der Bramaumündung und Rensing. Die früheren Landesschutzdeiche und jetzigen Mitteldeiche sind damit zugleich Stauraum-Begrenzungsdeiche. Im festgesetzten Überschwemmungsgebiet dürfen keine Handlungen vorgenommen werden, die den Hochwasserabfluss behindern beziehungsweise den Stauraum verringern.
Das Störsperrwerk mit den Anschlussdeichen ist in den Jahren 1971 bis 1975 gebaut worden und hat seine Bewährungsprobe bei der Sturmflut vom 3. Januar 1976 bestanden. Die Gesamtkosten betrugen rund 90 Millionen Mark. die Finanzierung erfolgte aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes" mit 70 Prozent Bundes- und 30 Prozent Landesmitteln. Die laufenden Kosten trägt das Land Schleswig-Holstein.
Mit der Störabdämmung ist ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung des Hochwasserschutzes für die holsteinischen Elbmarschen und für den Kreis Steinburg und damit ein wesentlicher Beitrag zur Verwirklichung des Generalplanes "Deichverstärkung, Deichverkürzung und Küstenschutz" erreicht worden.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen