Bekmünde/Itzehoe : Im Wasser schlug die Standuhr jede halbe Stunde

Der Frauenanteil in der Politik ist Jutta Ohl (re.) und Dr. Karin Thissen (SPD) deutlich zu gering. Foto: Hinz
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Der Frauenanteil in der Politik ist Jutta Ohl (re.) und Dr. Karin Thissen (SPD) deutlich zu gering. Foto: Hinz

Die frühere Steinburger Gleichstellungsbeauftragte Jutta Ohl erzählt, wie sie als junger Lehrling in Itzehoe die Sturmflut erlebte - und bei Aufräumungsarbeiten kräftig mithalf

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14. Februar 2012, 04:42 Uhr

Bekmünde/Itzehoe | 1962 war ich Lehrling im zweiten Lehrjahr als Einzelhandelskaufmann bei der Firma Uhrenhaus Peters in Itzehoe, Kirchenstraße 12. Eine Ausbildung, die mir Spaß machte und die mich sehr interessierte. Ich hatte einen großzügigen Chef und liebe Kolleginnen, besonders Edda, die heute in Australien lebt. Was gab es für mich als 17-jähriges Mädchen Schöneres, als mit Schmuck, Uhren und edlem Ambiente zu tun zu haben.
Schlechtes Wetter, Sturmtiefs, Schnee und Eis, wer kannte das nicht in Norddeutschland. Die Warnung vor einem größeren und gefährlichen Sturmtief, das sich bereits über dem Atlantik zusammengebraut hatte, wurde im Februar 1962 durch Norddeich-Radio in alle Haushalte an der Küste gesendet. Die Nachricht einer gewaltigen Sturmflut war für die gesamte Nordseeküste vorausgesagt. Man dachte, an der Küste wird es sicherlich nasse Füße geben, aber die weiter entfernten Städte sind bestimmt nicht betroffen. Aber irgendwie ahnten wir in unserer Familie nichts Gutes. Das Radio (mit dem grünen Auge) blieb eigentlich den ganzen Tag auf Sendung, damit wir alle vorgewarnt waren.
Das extreme Wetter war Thema Nummer eins. Zwar konnte eigentlich unserer Familie nicht viel passieren, denn wir wohnten auf dem Bocksberg, der Richtung Oelixdorf in der "Kaiserberg-Siedlung" immerhin fast 75 Meter höher liegt als der Stadtkern von Itzehoe. Wasser in den Städten war für uns zunächst nicht vorstellbar. Aber um den Stadtkern ging es dann später, um unsere Heimatstadt Itzehoe.
Mein Vater Ernst Reimers war damals Stadtrat in der Ratsversammlung von Itzehoe und politisch sehr engagiert. Er gehörte zu einem schnell gebildeten Krisenstab, den Bürgermeister Joachim Schulz zusammengestellt hatte. Es zeichnete sich nämlich stündlich immer mehr ab, dass unter Umständen auch Itzehoe nicht von den Fluten verschont sein würde. Deichbrüche waren zu befürchten, und die Stör konnte nicht mehr so viel Wasser aufnehmen. Da musste vor Ort viel koordiniert werden. Aus den Gesprächen im Elternhaus hörte ich von den vielen Einsätzen der Feuerwehr, des THW, des Roten Kreuzes und der vielen ehrenamtlichen Helfer. Parallel zur Stadt Itzehoe hatte auch der Landrat des Kreises - Peter Matthiesen - einen Krisenstab gebildet und sich eingeschaltet. Somit war zunächst alles im Griff. Und dennoch kam die Katastrophe auch nach Itzehoe.
Natürlich gingen wir als Lehrlinge zunächst trotzdem unserer Arbeit nach. Ich zu Fuß vom Bocksberg in die Kirchenstraße. Die Busse hatten ihren Fahrdienst eingestellt. Die Kleidung war entsprechend rustikal und wir wussten, dass der Junior-Chef Harald Peters und seine Frau Annegret immer "etwas Warmes" für uns vorbereitet hatten.
Am 16. und 17. Februar 1962 wurde es dann aber noch viel schlimmer. Die Stadt war leergefegt. Keine Menschen auf der Straße. Geschäfte hatten geschlossen. Die sonst rege befahrene Kirchenstraße blieb leer, zur Breiten Straße hin war alles abgesperrt. Später erfuhren wir, dass es einen Grundbruch des Deiches in Münsterdorf gegeben hatte und somit das Wasser die Bundesstraße 5 geflutet und die Alsen-Portland Zementfabrik teilweise unter Wasser gesetzt hatte. Das bedeutete auch Teile der Innenstadt von Itzehoe. Bis zum Wohn- und Geschäftshaus der Familie Peters war das Wasser allerdings nicht vorgedrungen. Trotzdem, es war alles schon traurig genug. Die betroffenen Menschen bangten um ihr Hab und Gut. Vor allem waren viele Tiere ertrunken, von einem Toten aus Itzehoe erfuhren wir erst später.

Alle aus der Firma Peters standen zusammen und halfen
Mein Chef Ernst Peters begrüßte uns, ich glaube am 17. Februar, schon im Eingang. "Wir haben etwas zu besprechen!" Alle aus der Firma Peters standen zusammen und erfuhren, dass wir helfen möchten. Unsere Buchhalterin Hanna Reimers (nicht mit mir verwandt oder verschwägert) hatte im Hause der Familie Professor Dr. Zoeppritz in der Breitenburger Straße 12 ein Zimmer gemietet. Sie kam aus Neumünster und verbrachte die Arbeitswoche in Itzehoe. Am Morgen war sie aufgestanden und stand mit beiden Beinen sofort im Wasser. Es dauerte sicherlich eine Weile, ehe sie wirklich realisiert hatte, dass die Stör weit über ihre Ufer getreten und das Haus voller Wasser war. Ihr Hilferuf ging sofort an die Familie Peters und natürlich auch an die Polizei und die örtliche Feuerwehr. Die schätzten aber die Dringlichkeit entsprechend ein, denn die Häuser im Ortsteil Schulenburg und andere Teile der Innenstadt hatte es wesentlich heftiger getroffen. Und überall konnten die Männer nicht im Einsatz sein. Das Haus ihrer Vermieter war komplett geflutet. Berta Zoeppritz, die Witwe des Professors, befand sich auf einem Verwandtenbesuch in Süddeutschland und hätte nicht so schnell zurück eilen können.
In allen Räumen des Hauses hatte sich das Wasser ausgebreitet. Ich erinnere das Haus an der Stör sehr genau. Keine Villa, aber ein lang gezogenes, großzügiges, vornehmes Haus mit vielen Fenstern. Unser Chef hatte Gummistiefel organisiert und teilte uns mit, dass wir wenigstens etwas Hausrat sichern sollten und eventuell Teppiche und Möbel aus dem Haus tragen könnten. Das geschah natürlich alles freiwillig und auch nur in der Form, dass wir die Feuerwehr und Polizei nicht behindern würden. In die Breitenburger Straße kamen wir eigentlich ohne Probleme. Es gab ja ein paar Nebenstraßen, die noch nicht gesperrt waren.
Hanna Reimers nahm uns in Empfang. Da sahen wir die Bescherung, alles unter Wasser, ca. 50 Zentimeter in allen Räumen. Hanna Reimers erzählte, dass sie nach dem Aufstehen ihr Buch, ihre Hausschuhe und den "Bettvorleger" an sich vorbeischwimmen gesehen hatte. Wir packten alle sofort mit an. Was heraus getragen oder hochgestellt werden konnte, wurde gesichert. Hanna Reimers war dankbar für jede helfende Hand. Sie hatte Frau Zoeppritz, mit der sie inzwischen telefonischen Kontakt hatte, hoch und heilig versprochen, viel zu retten. Die Wäsche in den Kommoden war natürlich voll gesogen mit Wasser. Für die Tassen und Teller in der Küche war es egal. Das Gute war, dass das Haus in den unteren Räumen zwar sehr edel, aber auch sehr sparsam möbliert war. Das machte die Großzügigkeit der Räume aus. Die oberen Räume waren ohnehin nicht betroffen, Gott sei Dank. Dort konnten wir viel verstauen und sichern. Also schleppten wir alles was ging die Treppe hinauf in die oberen Zimmer. Die Möbel wurden kurzerhand aufeinander gestellt.
Welche Heizung auch immer in diesem Hause vorher für Wärme gesorgt hatte, sie war inzwischen ausgefallen. Es war daher ziemlich kalt und ziemlich nass. Was wir nicht retten bzw. hinaustragen konnten, war eine große, reich mit Schnitzereien versehene Standuhr. Das große Pendel schlug das Wasser im Innenraum der Uhr hinter der Glasscheibe immer hin und her und verursachte glucksende Geräusche. Dabei machte das Wasser durch das Pendel jeweils eine kleine Welle. Das war schon sehr skurril anzusehen. Die schweren Messinggewichte an der Kette waren beide gleich hoch. Diese Uhr war durch das Wasser nicht stehen geblieben, schlug sogar zur halben und vollen Stunde und begleitete unsere Arbeit im Haus.
Von dieser großen Standuhr ging irgendwie eine Ruhe aus. Das Leben geht weiter, Minute für Minute! Die Uhr gab uns den Takt vor während unserer Arbeit. Das ist für mich ein unvergessliches Erlebnis.
Das Wasser stieg dann später nicht mehr an. Den Rest erledigte die inzwischen eingetroffene Feuerwehr. Wir waren doch alle ziemlich erschöpft und bekamen daher von unserem Chef nach diesem Einsatz einige Tage frei.
Von unserem Chef bekamen wir dann ein paar Tage frei

Was aus der Uhr geworden ist, dass erinnere ich nicht mehr. Eine Einladung zum Kaffee bei Frau Berta Zoeppritz zu einem späteren Zeitpunkt sehr genau. Das große Lob von unserem Chef ebenso. Die Möbel und der Hausrat hatten den Wasserschaden eigentlich ganz gut überstanden. Es gab viel zu erzählen in der Kaffeerunde, denn erst viel später wurde uns bewusst, dass Itzehoe an einer noch größeren Katastrophe vorbeigeschrammt war. Hanna Reimers lud uns noch in die Wohnung ihrer Mutter nach Neumünster ein und bewirtete uns, als Dankeschön für den gemeinsamen Einsatz, sehr großzügig.
Und unser ganz, ganz kleiner persönlicher Einsatz vor Ort - lediglich zur Rettung von Hab und Gut - war eigentlich nicht der Rede wert.
Das schöne Haus von Professor Dr. Zoeppritz gibt es heute nicht mehr. Es hat seinerzeit dort gestanden, wo heute der so genannte "Seniorenpark" in Itzehoe (zwischen Café Schwarz und dem vorderen Wohnhaus Nr. 10 in der Breitenburgerstraße) angelegt worden ist. Eine kleine Hinweistafel erinnert jetzt an den Standort.
Die vielen Helfer der ortsansässigen Feuerwehr, des Roten Kreuzes und des THW wurden später vom Landrat und Bürgermeister in einer Feierstunde geehrt. Waren sie doch viele, viele Stunden Tag und Nacht in Itzehoe und Umgebung im Einsatz. Mein Vater war bei der Ehrung der ehrenamtlichen Helfer im Rathaus mit dabei und bei uns in der Familie war die "Sturmflut an der Küste" noch sehr lange Thema. Denn was sich allerdings in Hamburg und Umgebung abgespielt hatte, davon erfuhren wir auch täglich aus den Medien.
Unvergessen die Ansprache vom Hamburger Innensenator Helmut Schmidt, die man später in der Zeitung nachlesen konnte. Wir waren alle tief erschüttert und sehr betroffen. Viele, viele Tote waren zu beklagen, mehrere Deichbrüche hatten Wilhelmsburg völlig überflutet. Später gab es in den Zeitungen und dann auch in den ersten Schwarz-Weiß-Fernsehern furchtbare dramatische Bilder von selbstlosen Rettungsaktionen. In diesen Tagen konnte ich das ganze Ausmaß dieser fürchterlichen Katastrophe nicht gleich realisieren, das geschah erst viel, viel später.

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