Itzehoe : Heilige Juliana bringt 4,71 Meter über Normal Null

Deichbrüche und Überflutung im Großraum von Itzehoe  im Jahr 1962.  Foto: Zeichnung: Ritter
1 von 3
Deichbrüche und Überflutung im Großraum von Itzehoe im Jahr 1962. Foto: Zeichnung: Ritter

Die Jahrhundertflut und das Wetter in wissenschaftlicher Betrachtung.

shz.de von
15. Februar 2012, 02:51 Uhr

Itzehoe | "Eine furchtbare Böe kam brüllend vom Meer herüber […]. Nur Berge von Wasser […], die dräuend […] gegen das feste Land schlugen. Mit weißen Kronen kamen sie daher, heulend, […], als sei hier alle Menschenmacht zu Ende; als müsse jetzt die Nacht, der Tod, das Nichts hereinbrechen." Der emotional überwältigte Hauke Haien aber besinnt sich seines Auftrags als Deichgraf. Nüchtern konstatiert er: es ist eine Sturmflut, "nur hatte er sie selbst noch nimmer so gesehen; […]."
Mit seiner meteorologischen und hydrologischen Einschätzung folgt er zeitgenössischer Erfahrung und eigenem Augenschein. Andere Möglichkeiten stellt ihm sein Urheber Theodor Storm in der "Schimmelreiter"-Novelle (1888) nicht zur Verfügung. Andere kennt auch dieser in den 1870er Jahren nicht. Es geht dem Dichter aber gar nicht um faktische Genauigkeit. Daher weist er darauf hin, die Stoffquelle sei unauffindbar, habe mit seiner "Urgroßmutter" zu tun und dem Bericht aus einem "in blaue Pappe eingebundenen Zeitschriftenheftes".
Selbst wenn Storm die Sturmflut historisch nicht einordnet, so ist anzunehmen, dass er jene zwei von 1756 meint, die Amalienflut im Juli und die Markusflut im Oktober. Beide bestimmen das Flutgeschehen in der Deutschen Bucht und den Elbmarschen mit Hunderten von Ertrunkenen. Und er wird seine Husumer Erinnerungen an die sog. Halligflut vom 3./5.2.1825 und Neujahrsflut vom 1./2.1.1855 berücksichtigt haben.
Sturmflutgeschichte
Es hat in jedem Jahrhundert mehrere Sturmfluten gegeben, mit variierender meteorologischer Konstellation und unterschiedlichen Auswirkungen auf die Küstenabschnitte im Großraum der Nordsee.
Die Sturmfluten von 1825 und 1855 sind für die Deutsche Bucht und die Küstenregionen außergewöhnlich verheerend. Erstere führt zu zahllosen Deichbrüchen, Landverlusten der Inseln und 800 Ertrunkenen. Sie ist bis 1962 die schwerste Sturmflut im Elbebereich mit einem maximalen Wasserstand von 5.24 m üNN (Pegel St. Pauli). Die andere von 1855, mit einem Pegelstand von 5.11 m üNN, trifft vor allem die Ostfriesischen Inseln und Hamburg.
Die Voraussetzungen dafür, dass eine zerstörerische Orkanflut entsteht, ergeben sich aus besonderen Wetterlagen, hydrologischen Situationen und geographischen Gegebenheiten. Solche Bedingungen sind für 1962 gegeben. Bezeichnet man ein Tidehochwasser von mehr als 1.50 m üNN als Sturmflut, dann zeigt sich, dass die von 1962 mit einer max. Höhe von 5.70 üNN den bis dahin höchsten Stand von 5.24 m üNN von 1825 übertrifft und bis zur Ersten Januarflut 1976 (St. Pauli 6.45 m üNN) als Höchstmarke im Weser- und Elberaum gilt.
Sturmfluten werden traditionellerweise Namen der Tagesheiligen gegeben, in diesem Fall derjenige der römischen Märtyrerin Juliana von Nikomedien (?-304). Die Erste Julianenflut vom 16./17.2.1164 hat im niederländischen Küsten- und deutschen Elbebereich ca. 20 000 Ertrunkene und große Landverluste zur Folge. Weil die Sturmflut von 1962 sich an denselben Tagen ereignet, wird sie als Zweite Julianenflut bezeichnet. Betroffen sind vor allem die Küsten der Deutschen Bucht und die Unterelbe: 340 Tote, ca. 28 000 Wohnungen bzw. Häuser beschädigt, ca. 1300 zerstört, ca. 400 km Deich vernichtet oder beschädigt (nach: Liste der Sturmfluten an der Nordsee/Wikipedia).
Entstehung und Verlauf
Die Entstehung der Orkanwetterlage beginnt am 12.2. mit einem Sturmtief, das aber rasch ostwärts schwenkt. Ein nachfolgendes Tief sorgt in der Nacht vom 13./14.2. für ein Umspringen der kräftigen Winde auf NNW. Itzehoe verzeichnet leichte Sturmschäden, Überflutungen am Brookhafen und im Stadtteil Sude.
Inzwischen entwickelt sich ab dem 12. Februar bei Neufundland aus dem Zusammenstoß von Subtropikluft (Azorenhoch) und dem Polarluftvorstoß (Kanada) eine Serie von Sturmzyklonen, aus denen das Orkantief vom 16./17.2. hervorgeht. Am 14.2. bei Island stehend, bewegt es sich am 15.2. in die nördliche Nordsee, mit Zugrichtung auf die Deutsche Bucht, was zum Setzen der Sturmsignale entlang der deutschen Nordseeküste führt. Während die Feuer schiffe am Abend einen Südweststurm mit Windstärke 8 Bft. melden, vereinigt sich dieses Tief mit einem anderen Teiltief zur Orkanzyklone, die in den Nordseeraum einschwenkt und zum 16.2. das Sturmtieffeld mit Windstärken 10-11 Bft., in Böen 12 Bft. für den 16. Februar vormittags aufbaut. Gegen Mitternacht erreicht der Orkan vom Skandinavientyp (stationäres Verhalten, andauernder NNW-Sturm) mit einer Windstärke von 9-10 Bft., in Böen 11-12 Bft. seinen Höhepunkt, flaut am Folgetag mit Windstärken 7-8 Bft., in Böen 11-12 Bft. ab.
Die Bedingungen für die hohe Flutwelle in der Nacht vom 16. zum 17.2. sind die Sturmstärke, die Lage und große Ausdehnung des Sturmfeldes, dessen Stoßrichtung auf die Deutsche Bucht zielt. Berücksichtigt man, dass die höchsten Windgeschwindigkeiten weiter nordwärts (11-12 Bft., in Böen über 12 Bft.) und die Temperaturen bei Null Grad liegen, weder Eisgang noch Springtide herrschen, die Regenmengen gering ausfallen, das Zentrum des Sturmtiefs über der mittleren und nördlichen Nordsee liegt und von kurzfristiger Dauer ist, so bleibt festzustellen, dass die Wasserstände noch nicht die höchsten Werte erreichen, die an der deutschen Nordseeküste möglich sind.
Ursachen
Wie kann es zu dieser ausgedehnten Überflutung des Störtals und der Stadt Itzehoe kommen? Die Ursachen dafür sind die außergewöhnlichen Sturmflutbedingungen, die besonderen morphologischen wie hydrologischen Verhältnisse sowie die unzulänglichen Kommunikationsumstände und Vorbereitungen des Katastrophenschutzes. Die Entwässerung des großen Einzugsbereichs der Stör (87 km Länge, 1781 Quadratkilometer) bestimmen eine Reihe von Faktoren. Als Nebenfluss der Elbe sind ihr Wasserstand und Abfließverhalten neben Niederschlagsmengen vor allem dem Tideverhalten von Nordsee und Elbe ausgesetzt (Tidenhub Itzehoe: ca. 2,50 m), das bis Rensing oberhalb von Kellinghusen reicht (Tidenhub: ca. 1.50 m). Hinzu kommt, dass die Stör durch die Itzehoer Talenge zwischen der Münsterdorfer Geestinsel und dem nördlichem Altmoränenzug der hohen Geest eingeengt wird, windungsreich verläuft, in der Stadt mit einer Flussschleife die Neustadt umschließt und ein fehlendes Sperrwerk im Mündungsbereich die Einwirkung von Tiden und Hochwasser nicht regulieren lässt.
Organisationspannen
Die Wetter- und Flutsituation an der deutschen Nordseeküste eskaliert während des 15.2. An diesem Tag sendet Radio Norddeich um 21.00 Uhr Sturmflutwarnungen für den Nordseeraum. Den nächsten Vormittag erkennt das Seewetteramt die Gefährlichkeit des Orkantiefs und die Flutbedrohung der deutschen Nordseeküste einschließlich des Elbeunterlaufs bis Hamburg. Ab 10.00 Uhr nimmt die Windstärke auf 9-10 Bft. zu, in Böen auf 12 Bft.
Am 17.02. um 03.01 Uhr weist der Pegel Itzehoe den außerordentlichen Wasserstand von 4.71 m üNN aus. Spätestens jetzt muss von einer Flutkatastrophe für das Störtal und Stadtgebiet von Itzehoe gesprochen werden. Gegen 20.30 Uhr unterbricht der NDR das Fernsehprogramm und informiert über die Gefahr einer schweren Sturmflut. In der offiziellen Sturmflutwarnung lautet die gefährlich unsichere Prognose, das "Nachthochwasser" werde um "3 3,5 m erhöht" über Normal Null eintreten, für Hamburg noch höher. Als kurz nach 22 Uhr das Wasser die Deichkrone bei Cuxhaven erreicht und deren Innenstadt unter Wasser zu setzen beginnt, werden die für Deichsicherheit- und Katastrophenschutz zuständigen Einrichtungen durch das Seewetteramt telefonisch und telegrafisch über die Erwartung einer Sturmflut informiert. Die Verbreitung der Nachricht in der Öffentlichkeit bereitet große Probleme, weil das Telefonnetz gestört ist, viele Menschen über Radio und Fernsehen nicht zu erreichen sind.
Die Katastrophe ist nicht mehr zu vermeiden. Verantwortlich dafür sind die unzulänglichen Kommunikationsmittel, die organisatorischen und materiellen Vorbereitungen. Personal, Maschinen und Sandsäcke reichen nicht aus. Es werden zusätzlich Feuerwehr. Bundeswehr, Polizei, THW und DRK alarmiert und die Nachrichtenübermittlung durch Funksprechverkehr und Kuriere ergänzt.
Auswirkungen
Es sind im Wesentlichen die folgenden Bedingungen, die für den katastrophalen Verlauf der Sturmflut 1962 sorgen: 1. Die über drei Tage anhaltenden Sturmwetterlagen, die letztlich in einem NNW-Sturm kulminieren, verursachen einen hohen Füllungsgrad von Nordsee, Deutscher Bucht und Elbe. 2. Das Tidehochwasser steigt deutlich höher als vorausgesagt. 3. Auf diesen extrem hohen Wasserstand sind die Rettungskräfte organisatorisch, personell und materiell nicht vorbereitet und somit überfordert. 4. Das in die Unterelbe bis Hamburg hineingedrückte Wasser führt zusammen mit dem so aufgestauten Flusswasser in Elbe und ihren Nebenflüssen, also auch der Stör, zu Höchstständen und Überflutungen der Elbmarschen.
Die Folgen für Itzehoe und das Störtal sind dramatisch. Es kommt bereits gegen Mitternacht zu ausgedehnten Überschwemmungen. Die Neustadt, Sude und das Störtal werden zum Katastrophengebiet erklärt. Die technische Versorgung der Stadt mit 36.000 Einwohnern bricht binnen kurzer Zeit zusammen. Um 03.01 Uhr zeigt der Pegel Itzehoe den historischen Höchststand von 4.71 üNN. Zu dieser Zeit gibt der Stördeich bei Münsterdorf nach. Die Flussmarschen um die Geestinsel stehen unter Wasser, die Überflutung der B 5 und der Bundesbahnstrecke Hamburg-Westerland isoliert die Stadt, Flussdeiche oberhalb von Itzehoe halten dem Wasserdruck nicht mehr stand. In der Wilstermarsch und Krempermarsch bleiben die Deiche stabil und verhindern die Flutung einer dicht besiedelten, teilweise unter NN liegenden Region.
Konsequenzen
Theodor Storm lässt seinen in Panik geratenen Deichgrafen Hauke Haien im Katastrophenfall von Sturmflut, Deichbruch und Koogüberschwemmung in einer melodramatischen Geste den Freitod im durchströmenden Meereswasser suchen. Die Deichgrafen von 1962 dagegen reagieren mit Bedacht. In Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden, Schutzeinrichtungen und Wetterstationen folgen aus einer Analyse der unzulänglichen Organisation im erlebten Katastrophenfall die notwendigen Konsequenzen:
1.Verbesserungen der regionalen meteorologischen, hydrologischen Messungen und ihrer globalen Vernetzung, der kontinuierlichen Überwachung von Sturmflutgeschehen und medial gesicherten, in kurzen Intervallen verbreitbaren Informationen zum Sturmflutverlauf, Deichzustand und Bevölkerungsverhalten. 2.Stabilisierung und Erhöhung der Elb- und Nebenflussdeiche, Errichtung des Störsperrwerks zur Kontrolle von Meer- wie Flusswasser im Störtal (1971-75) und Zuschüttung der Itzehoer Störschleife zur Sicherung der Innenstadt (1974). 3.Absicherung der ununterbrochenen, über sämtliche Medien veröffentlichten Sturmflutwarnungen (Seewetteramt des deutschen Wetterdienstes, Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie) an die Öffentlichkeit, Behörden und Hilfseinrichtungen. Und so kann sich der Bürger in sturmflutgefährdeten Regionen, das hofft der Berichterstatter, ebenfalls seinem Tun sorgenfrei widmen, wie es der Erzähler in Storms Novelle abschließend unternimmt. " - - Am andern Morgen, beim goldensten Sonnenlichte, das über einer weiten Verwüstung aufgegangen war, ritt ich über den Hauke-Haien-Deich zur Stadt hinunter."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen