Internet-Tauschbörsen : Wie Rocker mit Porno-Abmahnungen absahnen

Männer aus dem Umfeld der 'Bandidos' haben ein neues Geschäftsfeld entdeckt. Foto: dpa
Männer aus dem Umfeld der "Bandidos" haben ein neues Geschäftsfeld entdeckt. Foto: dpa

Männer aus dem Umfeld der "Bandidos" verschicken dubiose Abmahnungen. Das LKA warnt: In Internet-Tauschbörsen können Pornoschnipsel auf dem Rechner landen.

shz.de von
04. März 2013, 07:28 Uhr

Neumünster | In Schleswig-Holstein haben Rocker ihr Geschäftsfeld erweitert und sich auf Abmahnungen spezialisiert: Als Chefs der Firma "Triple X Entertainment" mit Sitz in Neumünster lassen zwei Männer, die Ermittler zum Umfeld der "Bandidos" zählen, über Anwälte dubiose Abmahnschreiben verschicken. Es sind Björn S., Präsident des "Bandidos"-Chapters in Wahlstedt, und Crispin H., sein Kompagnon.

Beide machen geltend, die Rechteinhaber von Pornofilmen zu sein, die illegal über Internet-Tauschbörsen verbreitet worden seien, und fordern 750 Euro. Doch wie kommen die Rocker an die Adressen der Internet-Nutzer? Der NDR hat mit Betroffenen gesprochen und berichtet, dass viele von ihnen beteuern, sie hätten die entsprechenden Filme im Internet niemals zum Tausch angeboten.

Wie Internetnutzer in die Abmahnfalle tappen

Für das Kieler Landeskriminalamt (LKA) und die Experten des Computermagazins "c’t" ist das plausibel. "Die Masche wird von vielen verschiedenen Firmen und Anwaltskanzleien im ganzen Land praktiziert", sagt LKA-Sprecherin Heike Bredfeldt-Lüth.

Internetnutzer können in die Abmahnfalle tappen, wenn sie sich Musik, Filme oder Software mittels der BitTorrent-Technik besorgen. Dabei laden sie nämlich nicht nur Daten herunter, sondern verteilen sie gleichzeitig vom eigenen Rechner aus an andere Nutzer, die gerade ebenfalls an genau demselben Album oder Film interessiert sind. Dabei werden die enormen Datenmengen in kleine Stücke zerhackt. Um alle Teile zu bekommen, braucht der Internetnutzer sogenannte Torrents, kleine Dateien, die eine Liste aller Segmente erhalten. "In diesen Listen können sich neben den gewünschten Inhalten auch andere Inhalte verbergen", erklärt Heike Bredfeldt-Lüth. "So kann es kommen, dass sich ein Benutzer etwas herunterlädt, was er eigentlich gar nicht haben wollte." Auch würden Dateien bewusst falsch benannt. Statt des Stücks eines Blockbusters landet so der Schnipsel eines "Triple X"-Pornofilms auf der Festplatte. Und dieser wird dann, so will es das Prinzip der BitTorrent-Technik, sofort an andere Nutzer verteilt.

IP-Adresse wird nur bei richterlichem Beschluss herausgegeben

BitTorrent-Experte "Hancock" erklärt, was dann passiert: "Die ganzen Rechteverwerter hängen sich ja ins BitTorrent-Netzwerk rein und bauen aktiv eine Verbindung zu dir auf, damit du denen einen Teil ihrer Datei schickst." Der Trick also ist: Die Rechteverwerter tun so, als wollten sie ihren eigenen Film downloaden - und bekommen damit alle diejenigen, die ein Fragment davon tatsächlich gerade verteilen.

Das bestätigt auch das Landeskriminalamt. "Es wird gezielt gesucht. Und bei einem Treffer kann durch Herunterladen der Dateien festgestellt werden, von welcher IP-Adresse sie zur Verfügung gestellt wurden." Danach müsse beim zuständigen Internet-Provider allerdings ein richterlicher Beschluss vorgelegt werden. Nur dann dürfe der Provider zur ermittelten IP-Adresse den Anschlussinhaber herausgeben.

"Es ist nichts anderes als ein Skandal"

Die Mitarbeiter des Computermagazins "c’t" kritisieren, dass die Anträge auf Auskunftsanspruch etwa vom Landgericht Köln, das für die Telekom zuständig ist, fast ausnahmslos ohne Prüfung durchgewunken werden. Und verweisen auf eine enorme Fehlerquote bei der Zuordnung der IP-Adressen. Holger Bleich von "c’t" hat mit seinen Kollegen Joerg Heidrich und Thomas Stadler recherchiert, dass viele IP-Adressen zum angegebenen Zeitstempel gar nicht vergeben waren. Das hat auch die Staatsanwaltschaft Köln bei Ermittlungen festgestellt. Bei einigen Verfahren habe "die Quote der definitiv nicht zuzuordnenden IP-Adressen deutlich über 50 Prozent aller angezeigten Fälle gelegen". In einem Fall habe die Quote sogar 90 Prozent betragen.

Damit wird sehr glaubwürdig, was die Opfer der Rocker-Abmahnanwälte berichtet haben. IP-Adressen werden dynamisch vergeben, wird der Tatzeitpunkt vom Rechteinhaber nicht korrekt erfasst, trifft es den Falschen. Doch diese Erkenntnisse haben die Massenabmahner bisher noch nicht bremsen können. Mehr noch: Will der Beschuldigte bei seinem Provider klären, ob die in der Abmahnung angegebene IP-Adresse zum fraglichen Zeitpunkt tatsächlich dem eigenen Anschluss zugeordnet war, sind die Daten meist schon gelöscht. "Es ist nichts anderes als ein Skandal", urteilen die "c’t"-Experten.

Noch keine Anzeigen bei der Polizei

Wichtig ist es deshalb, seinen DSL-Router so einzurichten, dass er die eigenen IP-Adressen protokolliert. Wer auf die BitTorrent-Technik nicht verzichten möchte, kann sich vor dem Abmahn-Wahn nur schützen, wenn er seine IP-Adresse über ein Virtual Private Network (VPN) verschleiert. Gerne genutzt werden "CyberGhost", "Perfect Privacy" oder "TorGuard", die allerdings alle kostenpflichtig sind.

Zu Unrecht von Abmahnungen getroffene Nutzer können sich im Forum von Netzwelt.de in der Rubrik Filesharing ausführlich Rat einholen. Meist führt allerdings kein Weg daran vorbei, sich selbst einen Anwalt zu nehmen. Deshalb blühen um Abmahnungen herum auch gleich zwei Geschäftsmodelle: Einige Kanzleien verschicken Abmahnungen, andere gewinnen die Verzweifelten als Kunden.

Im Fall von "Triple X Entertainment" wächst im Internet ein gewaltiger Widerstand gegen die beiden Abmahn-Kanzleien, von denen eine in Kiel sitzt. Am Ende müssen die Betroffenen jedoch zahlen, wenn vielleicht auch weniger als gefordert. Dabei wird vergessen, dass auch die Polizei helfen kann. "Bei uns sind aber so gut wie keine Anzeigen wegen Betruges gegen die Firma ,Triple X gestellt worden", sagt LKA-Sprecherin Bredfeldt-Lüth. Warum, können die Ermittler nicht sagen. Das Internet ist voll von Warnungen - keiner der Geschädigten ist allein.

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