Rocker-Prozess in Kiel : Verteidiger verlangen Freisprüche

Schwieriger Prozess um den Rocker-Überfall in einem Neumünsteraner Lokal: Seit 30 Tagen verhandelt das Landgericht - doch die Opfer mauern und die Zeugen widersprechen sich.

Avatar_shz von
10. April 2011, 02:59 Uhr

Der Staatsanwalt geht von einem hinterlistigen und überfallartigen Rocker-Angriff aus und hält zwei der vier Angeklagten für überführt. Doch die Verteidigung beantragte am Freitag im Prozess um einen blutigen Überfall in Neumünster für alle Angeklagten Freisprüche. Es gebe weder direkte Beweise noch ausreichende Indizien, erklärten die Verteidiger. Zudem rügten sie eklatante Ermittlungsfehler.
Laut Anklage gehörten die Angeklagten - drei "Bandidos" und einer aus dem Unterstützer-Trupp der "Contras" - zu einer Gruppe von Rockern, die im Januar 2010 in einem Schnellrestaurant drei gegnerische "Red Devils" überfielen, das sind Unterstützer der mit den "Bandidos" rivalisierenden "Hells Angels". Die "Red Devils" verloren zwei der ihnen geradezu heiligen "Kutten", einer von ihnen wurde lebensgefährlich verletzt. Die Neumünsteraner "Bandidos" wurden nach dem Vorfall verboten.
Anwalt verweist auf Widersprüche in den Zeugenaussagen
Die "Red Devils" hätten die Rivalen in dem Lokal, das als "Bandidos"-Treff gilt, gezielt provoziert und eine Falle gestellt, meinte ein Verteidiger. Für seinen Mandanten, einen ehemaligen NPD-Funktionär, verlangte er Freispruch. Der 37-Jährige sei erst unmittelbar nach der Tat eingetroffen, Blutspritzer seien erst an seine Hose gekommen, als er in die Blutlache des schwer verletzten Opfers trat, sagte der Verteidiger. Der Staatsanwalt forderte für den 37-Jährigen wegen erwiesener gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung und Nötigung drei Jahre und neun Monate Haft.
Ein mitangeklagter "Contra" soll für zwei Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Dessen Anwalt verwies wie alle Verteidiger auf Widersprüche in den Zeugenaussagen. So habe nicht geklärt werden können, ob eine Zeugin vor Gericht oder vor der Polizei die Wahrheit sagte. Sie wollte den Angeklagten an einem Muttermal unter dem Auge erkannt haben. Sie hätte dem Anwalt zufolge aber sehen müssen, dass dem Rocker ein Arm völlig schlaff herunterhing: Er war im September 2009 auf der A7 mutmaßlich von dem damaligen Chef der Flensburger "Hells Angels" angefahren und schwer verletzt worden.
Keiner der Überfallenen hatte vor Gericht zur Aufklärung beigetragen
Die Verteidiger kritisierten auch nachdrücklich eklatante Ermittlungspannen. Diese hatte auch der Staatsanwalt eingeräumt. In keinem Fall sei der Tatnachweis geführt, so die Verteidiger.
Angeblich belastende Handydaten könnten nicht verwertet und auch Fahrzeugdaten nicht als belastende Indizien herangezogen werden. Für erlittene mehrmonatige Untersuchungshaft beantragten Verteidiger Entschädigungszahlungen.
Keiner der Überfallenen hatte vor Gericht zur Aufklärung beigetragen. Vielmehr wirkte wahrscheinlich der unter Rockern übliche Ehrenkodex, der eine Zusammenarbeit mit Polizei und Justiz ausschließt. So erinnerten sich zwei Opfer schon zum Prozessauftakt weder an den Tathergang noch an die Angeklagten als Täter. Auch drängendes Nachfragen von Gericht und Staatsanwalt half nicht. Die "Red Devils" blieben unbeeindruckt und bestritten, dass sie ihre Aussagen abgesprochen hätten. Das Urteil wir am kommenden Freitag erwartet.
(dpa, shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen