Landgericht Kiel : Schöffe im Rocker-Prozess befangen?

Besucher wurden vor Prozessbeginn am Landgericht Kiel durchsucht. Foto: dpa
Besucher wurden vor Prozessbeginn am Landgericht Kiel durchsucht. Foto: dpa

Paukenschlag im Kieler Landgericht: Ein Vergewaltigungs-Prozesses gegen den Ex-Vize-Präsidenten der verbotenen Kieler Hells Angels wurde am Mittwoch unterbrochen.

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25. Oktober 2012, 10:59 Uhr

Kiel | Zwei Tage vor seinem 55. Geburtstag wird der ehemalige Vize-Präsident der verbotenen Kieler "Hells Angels" in Handschellen in den Saal 132 des Kieler Landgerichts geführt. Vom engsten Kreis seiner Rocker-Weggefährten ist niemand gekommen, um ihn zu unterstützen.
Peter P. (54) ist wegen schwerer sexueller Nötigung angeklagt, sitzt bereits seit April in Untersuchungshaft und wirkt ausgezehrt. Der Vize-Präsident soll eine Prostituierte dreimal vergewaltigt haben. Doch noch bevor die Anklage vor der 7. Großen Strafkammer verlesen werden kann, lehnen die beiden Verteidiger des Rockers einen der beiden Schöffen wegen Befangenheit ab.
Vize-Präsident soll alle Prostituierten selbst getestet haben wollen
Opfer Lisa W., damals 20 Jahre alt, soll zur Prostitution gezwungen worden sein. Und zwar von Steffen R. (40), heute Kronzeuge der Polizei und zur Tatzeit Chef der mittlerweile zerschlagenen "Legion 81", einer Unterstützergruppe der "Hells Angels". In einem Wellness-Club in Grevenkrug bei Kiel und in einem Nachtclub in Flensburg musste die junge Frau anschaffen gehen. In seinem eigenen Prozess sagte Steffen R. aus, der Vize-Präsident der "Hells Angels" habe immer alle Prostituierten testen wollen. Dabei sei es zu den Vergewaltigungen gekommen. Seine Aussagen hatten zur Festnahme des Vize-Präsidenten geführt.
Rechtsanwalt Hans-Joachim Liebe, Verteidiger von Peter P., erklärt: "Der von uns abgelehnte Schöffe war bereits Laienrichter im Prozess gegen Steffen R., und hat dort auch die Schilderungen des mutmaßlichen Opfers gehört." Im Urteil sei die Vergewaltigung sogar als feststehende Tatsache behandelt worden. Liebe: "Wir gehen deshalb davon aus, dass die Zeugin durch den Schöffen einen Glaubwürdigkeitsvorschuss erhält." Das Gericht hatte den Konflikt vermutlich erkannt, aber Schöffen werden nach den Prozessterminen von einer Liste ausgewählt - und von diesem Prozedere darf nicht abgewichen werden.
Das Landgericht vertagte die Verhandlung nach wenigen Minuten. Die Entscheidung über den Befangenheitsantrag will die Kammer am zweiten Verhandlungstag, dem 5. November, verkünden. Sollte das Gericht dem Antrag der Verteidigung stattgeben, platzt der Prozess und müsste völlig neu beginnen.

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