Prozess in Kiel : Rocker wegen Gewalt und Zuhälterei vor Gericht

Justizbeamte kontrollieren am Mittwoch Zuschauer im Kieler Landgericht. Foto: dpa
Justizbeamte kontrollieren am Mittwoch Zuschauer im Kieler Landgericht. Foto: dpa

Er soll Frauen zur Prostitution gezwungen, geschlagen und unter Druck gesetzt haben: Seit Mittwoch muss sich ein 39-jähriger Rocker-Boss für seine Taten vor dem Landgericht Kiel verantworten.

shz.de von
10. November 2011, 06:19 Uhr

Über dem Gürtel des nicht eben hoch gewachsenen Angeklagten wogt eine gewaltige Wampe. Wegen seiner körperlichen Konstitution sei er "Kugelblitz" genannt worden, sagt sein Rechtsanwalt. Andere gaben Steffen R. (40) schlicht den Titel "Imperator". Das lässt durchaus Rückschlüsse auf sein Verhalten zu. Rein objektiv werde sich jedoch wenig von dem belegen lassen, was seinem Mandanten vorgeworfen werde, glaubt der Verteidiger.
Steffen R. war Präsident der Kieler "Legion 81", eines Unterstützerclubs der Rockergruppe "Hells Angels", zuständig für die Drecksarbeit im Milieu. Vor dem Kieler Landgericht muss sich der gelernte Maschinist jetzt für zwölf Straftaten verantworten, darunter Menschenhandel, Zuhälterei, räuberische Erpressung, Nötigung und Körperverletzung.
Mit Brutalität zum Gehorsam gezwungen
Laut Staatsanwalt nutzte Steffen R. den Sozialladen "Sparfuchs" (später "Kieler Markt") als Stützpunkt für seine Machenschaften. Straftäter, die in dem Projekt unter der Schirmherrschaft der ehemaligen Ministerpräsidentin Heide Simonis Arbeitsstunden leisteten, soll er für die "Legion 81" rekrutiert haben. "Sie wurden mit außergewöhnlicher Brutalität zum Gehorsam gezwungen", so der Staatsanwalt.
Einem der Männer soll Steffen R. ein Messer in die Hand gestochen, einem anderen einen Tennisschläger auf dem Rücken zertrümmert haben. "Aussteigen konnte nur, wer einen hohen Geldbetrag an den Angeklagten zahlte." Sogar die Tötung eines ehemaligen Mitglieds soll Steffen R. geplant haben.
Stets soll der Angeklagte scharfe Waffen griffbereit gehabt haben, die für Aktionen verteilt wurden. Dazu gehörte der Angriff auf "Bandido" Andreas B. (42) aus Preetz im Januar 2010. Er sollte durch Revolverschüsse ins Bein so schwer verletzt werden, dass er dauerhaft unter den Folgen leidet. Der Staatsanwalt: "Das wollten die ,Hells Angels‘ mit 3000 Euro entlohnen." Die beiden Männer, die für die Tat ausgewählt worden waren, entschieden sich im letzten Moment, dann doch nicht auf Andreas B. zu schießen, der vorm Haus Schnee schippte, sondern feuerten auf das Garagentor.
Prostitution sei auf Wunsch der Frauen erfolgt
Eine Kalaschnikow lag auf dem Tisch, als Steffen R. und sein Komplize Hakan T. zwei Mädchen aufforderten, für sie im Bordell "Aphrodite" in Grevenkrug an der A215 zu arbeiten. Gegen ihren Willen sollen Valerie B. (18) und die zweite junge Frau (20) später auch im Flensburger Club "White House" zur Prostitution gezwungen worden sein.
Der Rechtsanwalt kritisiert den Staatsanwalt nach Verlesung der Anklage scharf: "Die Verabredung zur Tötung eines Aussteigers ist nicht zur Verhandlung zugelassen, weil sie sich nicht belegen ließ. Trotzdem wird sie hier als Fakt verlesen. Das ist Stimmungsmache." Und die Prostitution sei auf Wunsch der Frauen selbst erfolgt.
Nebenklägerin Valerie B. will morgen als Zeugin aussagen. Aus Angst aber nur, wenn der Angeklagte nicht im Saal sitzt.

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