Hells Angels Kiel : Prozess vor dem Aus - Zeugin in Lebensgefahr

Sicherheitscheck am Kieler Gericht: Ein Prozessbesucher wird untersucht. Foto: dpa
Sicherheitscheck am Kieler Gericht: Ein Prozessbesucher wird untersucht. Foto: dpa

Der Prozess gegen den früheren Kieler "Hells Angels"-Boss droht zu scheitern: Die junge Frau, die er mehrfach missbraucht haben soll, schwebt in Lebensgefahr.

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25. November 2012, 07:27 Uhr

Kiel | Der Vergewaltigungsprozess gegen den ehemaligen Vize-Präsidenten der inzwischen verbotenen Kieler "Hells Angels" ist am Freitag zum zweiten Mal geplatzt. Die 7. Große Strafkammer des Kieler Landgerichts setzte das Verfahren wegen einer möglichen Lebensgefahr für die schwangere Hauptbelastungszeugin auf Antrag der Verteidigung aus. Der 55-jährige Angeklagte soll die damals 20-jährige Zwangsprostituierte von September 2010 bis März 2011 drei Mal auf besonders erniedrigende Weise vergewaltigt haben. Die Frau leidet laut Gutachter noch heute unter schwersten seelischen Belastungen.
Sie ist im Zeugenschutzprogramm und Nebenklägerin in dem Verfahren.
Die Zeugin ist im vierten Monat mit Drillingen schwanger, sagte die Vorsitzende Richterin Katrin Meins. "Es besteht eine Risikoschwangerschaft." Die seelische Belastung der jungen Frau habe schon im Vorfeld des Prozesses zu einer Zwischenblutung geführt. Bereits der Inhalt der im Prozess notwendigen Fragen bedeutet ein hohes Risiko", sagte die Kammervorsitzende.

Prozess erst nach der Geburt

Es bestehe damit Lebensgefahr für die Zeugin und ihre ungeborenen Kinder. Der Prozess gegen den Rocker, in dessen Mittelpunkt die Aussagen der jungen Frau stehen, soll nach der Geburt in etwa sechs Monaten neu beginnen. Verteidiger Hans-Joachim Liebe hatte in seinem Antrag betont, in dem Prozess stehe Aussage gegen Aussage. Die Zeugin sei dadurch einer besonders kritischen Befragung ausgesetzt. Eine Vernehmung aber, die Gefahr für das Leben einer werdenden Mutter bedeuten könne, sei ebensowenig zumutbar wie "die Aufopferung der Zeugin zugunsten eines staatlichen Strafanspruchs". Unter solchen Umständen sei "eine Verteidigung nur mit angehaltenem Atem möglich". Das verstoße gegen den Grundsatz eines fairen Verfahrens. Liebe bezog sich in dem Antrag der Verteidigung auf ein ärztliches Gutachten, das dem Gericht bereits seit rund einem Monat vorlag.
Die Verteidigung hatte zuvor bereits die Herausgabe persönlicher Aufzeichnungen des Oberstaatsanwaltes aus dem Rocker-Prozess verlangt, in dem die Zeugin zum ersten Mal den "Hells Angel" belastete.

Erster Prozess gestoppt

Außerdem forderte sie den Ausschluss des Anklägers im laufenden Verfahren, um ihn als Zeuge hören zu können. Die Staatsanwaltschaft soll nun auf Anforderung des Gerichts, die Unterlagen herausgeben oder eine Sperrerklärung bis zum 3. Dezember vorlegen. Die Behörde kündigte Beschwerde an.
Schon den ersten Prozess gegen den "Hells Angel" hatte die Verteidigung mit einem Befangenheitsantrag gegen einen der Laienrichter gestoppt. Daraufhin war das Verfahren mit neuen Schöffen neu angesetzt worden.

Ex-Boss von "Legion 81" als Zeuge

In dem Prozess gegen den "Hells Angel" soll auch der ehemalige Boss der Unterstützertruppe "Legion 81" aussagen. Er war Zuhälter der damals 20-Jährigen Zwangsprostituierten und soll die Vergewaltigung der sich heftig wehrenden und weinenden Frau gebilligt haben. Der selbst zu mehreren Jahren Haft verurteilte Mann ist im Zeugenschutzprogramm.
Er hatte als Aussteiger die bislang größte Razzia gegen Rocker in Schleswig-Holstein und eine wochenlange vergebliche Leichensuche in einer Lagerhalle bei Kiel ausgelöst. An seiner Glaubwürdigkeit wurden aber inzwischen Zweifel laut.

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