"Bandidos" gegen "Red Devils" : "Falsche Stadt, falscher Ort, Kutten her!"

Mit Liebesvisitationen wie am Flughafen werden Besucher des Prozesses nach Waffen abgesucht. Foto: dpa
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Mit Liebesvisitationen wie am Flughafen werden Besucher des Prozesses nach Waffen abgesucht. Foto: dpa

Vor dem Landgericht Kiel hat der Prozess zum Rocker-Überfall in Neumünster begonnen. Die "Bandidos" schweigen, ihre Opfer mauern.

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28. Oktober 2010, 04:28 Uhr

Kiel/Neumünster | Die Sicherheitsstufe war hoch: Als Dienstag vor dem Kieler Landgericht der zweite große Rocker-Prozess begann, riegelten Polizisten das Gebäude hermetisch ab. Die Vorsicht hat ihren Grund: Auf der Anklagebank sitzen drei Mitglieder des verbotenen Rocker-Clubs "Bandidos Neumünster" sowie ein Mann aus der Unterstützer-Gang "Contras". Sie sollen am 13. Januar dieses Jahres am frühen Abend gemeinsam mit weiteren Rockern drei Männer aus dem verfeindeten Club "Red Devils North End", der in Alveslohe (Kreis Segeberg) angesiedelt ist und den "Hells Angels" nahe steht, mit Messern und Schlagstöcken angegriffen und zum Teil lebensgefährlich verletzt haben, als das Trio gerade das Schnellrestaurant "Subway" in der Innenstadt verlassen wollte. Außerdem sollen die Angreifer zwei Opfern die Kutten, die nahezu heiligen Lederwesten der Rocker, gestohlen haben.
Laut Oberstaatsanwalt Alexander Ostrowski war es eine Mitarbeiterin des Schnellrestaurants, die den Schlägertrupp damals auf den Plan rief, indem sie den Angeklagten Thomas K. (25) per SMS benachrichtigte. War es ein Liebesdienst? Laut Anklage wünschte sich die Frau "eine engere Beziehung" zu dem "Bandidos"-Mitglied, das im September 2009 auf der A7 mutmaßlich von einem "Hells Angel" vom Motorrad gerammt wurde.
Die vier Angeklagten schweigen
Das Hauptaugenmerk galt am ersten Prozesstag jedoch Peter Borchert (37). Der ehemalige NPD-Landesvorsitzende, der seit Jahren in der rechten Szene aktiv ist und zu den Mitbegründern der Neumünsteraner "Bandidos" gehört, hat sich verändert - äußerlich. Statt mit der üblichen Glatze präsentierte der eher kleine Mann in Jeans und hellem Sport-Shirt nach einem knappen halben Jahr Untersuchungshaft pechschwarze kleine Löckchen auf seinem Kopf sowie einen ebenfalls sehr dunklen Drei-Tage-Bart. Auffallend blass mit dunklen Augenringen nahm er zwischen seinen beiden Verteidigern Platz.
Zu den Vorwürfen äußerten sich die vier Angeklagten nicht. Und auch die drei auffallend kräftig gebauten Opfer ("106 Kilo hab ich schon"), die als Zeugen aussagten, bildeten letztendlich eine Mauer des Schweigens. Und die war manchmal ziemlich wortreich: Sehr detailliert wurden die Schilderungen immer dann, wenn es um Nebensächlichkeiten ging. Doch an Gesichter oder Namen konnte sich keiner erinnern. Bodo W. (51), der damals Stiche am Arm erlitten hatte, gab sogar zu: "Es gibt einen Ehrenkodex. Man arbeitet nicht mit der Polizei zusammen und auch nicht mit anderen Strafverfolgungsbehörden." Die Messerstiche habe er "gut weggesteckt". Nur seine Kutte, die würde er "schmerzlich vermissen".
"Habe niemanden konkret erkannt"
Sein ehemaliger "Bruder", wie sich die Rocker eines Clubs untereinander nennen, der lebensgefährlich verletzt wurde und wochenlang im Krankenhaus lag, ist mittlerweile kein Roter Teufel mehr, stieg sechs Wochen nach der Bluttat aus. Warum? "Private Gründe", sagt Erik B. (46). Das hindert ihn aber nicht daran, als Zeuge ebenfalls ausweichend auszusagen: "Da war plötzlich eine schwarze Wand aus Menschen. Dann fielen die Worte: Falsche Stadt, falscher Ort, Kutten her! Dann bin ich abgestochen worden." Gesichter und Namen - die kennt er nicht. Dennoch versuchte es Richterin Hege Ingwersen-Stück immer wieder und hakte nach, was zum Teil zu denkwürdigen Dialogen führte: Frage an ein Opfer: "War der Angreifer groß oder klein? Antwort: "Querbeet". Frage: "War er auf Augenhöhe?" Antwort: "Kann ich so nicht sagen, habe niemanden konkret erkannt."
Die "Red Devils" blieben unbeeindruckt selbst bei Vorhaltungen wie: "Das glaube ich Ihnen nicht. Sie wissen mehr." Nicht einmal den in der Szene durchaus peinlichen Raub der Kutten wollen sie so richtig mitbekommen haben. "Die sind im Eifer des Gefechts abhanden gekommen", meinte einer.
Sicherungsverwahrung für Borchert?
Bereits am ersten Prozesstag verfolgte ein psychiatrischer Sachverständiger das Geschehen im Saal. Grund für die Ladung: Laut Landgericht könnte es bei einem der Angeklagten auch um Sicherungsverwahrung gehen. Peter Borchert stand schon mehrfach wegen Gewaltdelikten vor Gericht. Soll der Gutachter klären, ob er eine Gefahr für die Allgemeinheit ist? Dann käme der Rocker möglicherweise nie wieder frei.
Der Prozess wird fortgesetzt.

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