Keine Leiche in Lagerhalle : "Bei den Rockern dürften die Sektkorken knallen"

Diese Halle im Gewerbegebiet von Altenholz bei Kiel haben die Ermittler in den vergangenen Wochen komplett demontiert. Foto: dpa
Diese Halle im Gewerbegebiet von Altenholz bei Kiel haben die Ermittler in den vergangenen Wochen komplett demontiert. Foto: dpa

Die gescheiterte Suche nach der Leiche von Tekin Bicer stärkt die "Hells Angels". Innenminister Andreas Breitner (SPD) weist Kritik zurück.

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13. Juli 2012, 07:58 Uhr

Kiel | Die Suche nach der Leiche von Tekin Bicer (47) in einer Lagerhalle der "Hells Angels" in Altenholz blieb erfolglos. Am Mittwoch hat Innenminister Andreas Breitner die Soko Rocker im Kieler Landeskriminalamt besucht. "Ich sehe keinen Rückschlag im Kampf gegen die Rockerkriminalität", sagte er.
Allerdings sind zwei "Hells Angels", die von der Staatsanwaltschaft in Verbindung mit der Folterung und dem Mord an Tekin Bicer (47) gebracht wurden, wieder frei: Der im Juni in Polen festgenommene Darek S., der Bicer in den Hals geschossen haben soll, und der Kieler Philip K., der nach dem Verschwinden des Türken, angeblich als Belohnung, das Charter "Southport" in Hamburg gründen durfte.
Experte wertet Ergebnis als Schlappe
"Es dürften die Sektkorken knallen", sagt Jürgen Roth, Experte für organisierte Kriminalität. Er wertet die vergebliche Suche und die Freilassung der Rocker sehr wohl als Schlappe: "Die Kieler Hells Angels werden viel von ihrem kriminellen Selbstbewusstsein zurückgewinnen." Ein Sieg sei die Sache auch für den inoffiziellen Deutschlandchef der Rocker, Frank Hanebuth, der laut Kronzeuge Auftraggeber des Mordes an Tekin Bicer gewesen sein soll.
Unterdessen arbeiten die Anwälte der drei noch Inhaftierten "Hells Angels" intensiv an deren Freilassung. Rechtsanwalt Michael Gubitz vertritt Dirk R. (41), den Präsidenten der verbotenen Kieler "Hells Angels", und hat bereits Haftbeschwerde eingelegt. Er erklärte Mittwoch: "Auf mehr als 30 Seiten habe ich der Staatsanwaltschaft Widersprüche und Unzulänglichkeiten ihrer Ermittlungen dargelegt." Im Kern gehe es um die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen Steffen R. (40), ehemals Anführer der Unterstützergruppe "Legion 81". Seine Aussagen zum angeblichen Tod von Tekin Bicer hätten sich als falsch erwiesen. "Ich kann nicht nachvollziehen, dass man ihn noch immer als glaubwürdig einschätzt." Dies zeige sich auch bei der vermeintlichen Folterkammer. "Hat man dort Blut gefunden, ein Projektil?", fragt Gubitz. Immerhin solle es einen Schuss in den Hals und einen Kopfschuss gegeben haben. Und von Reinigungsaktionen habe der Kronzeuge nichts berichtet.
Oberstaatsanwältin deutet neue Ermittlungsergebnisse an
Die Staatsanwaltschaft hält Steffen R. weiter für glaubwürdig. Möglicherweise wurde er im Fall Bicer von den "Hells Angels" bewusst belogen, möglicherweise lag die Leiche aber auch nur kurz im Sand der Hallen-Baustelle, wurde dann doch woanders entsorgt. Leichenspürhunde hatten ja angeschlagen. Oberstaatsanwältin Birgit Heß deutete an, dass man "in einigen Monaten" vielleicht neue Ermittlungsergebnisse präsentieren könne.
Fakt ist: Etliche andere Aussagen von Steffen R. haben sich als wahr erwiesen. Darunter die Rückerpressung von Schmerzensgeld durch die "Hells Angels". Vorwiegend wegen dieser Rückerpressung sitzen Dirk R. und Frank G., der "Sergeant at Arms" der Kieler "Hells Angels", weiter in U-Haft. "Warum dieser Vorfall die Haft rechtfertigt, muss mir die Staatsanwaltschaft allerdings genauer erklären", sagt Gubitz.
"Die Beamten sind weiter hoch motiviert"
Kritik an Polizei und Staatsanwaltschaft im Fall Bicer wies Innenminister Breitner zurück. "Sie hätten gar nicht anders handeln können als sie gehandelt haben. Dass Spuren nicht immer zu konkreten Ergebnissen führten und Verdachtsmomente ausgeräumt werden, gehört zur Normalität polizeilicher und staatsanwaltschaftlicher Arbeit." Nach dem Besuch bei der Soko Rocker zeigte sich Breitner zuversichtlich, dass die Beweislage in den laufenden Verfahren zu Verurteilungen führen werde. "Die Beamten sind weiter hoch motiviert."
Kenner der Szene werfen den Ermittlern allerdings vor, dass sie es nach der Razzia gegen die Rocker versäumt hätten, sich ausreichend um das Netz von Tarnfirmen zu kümmern, das von den Kieler "Hells Angels" unter anderem mittels einer Schweizer Holding aufgebaut worden sein soll.

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