Krisenmanagement : Politik in der Kritik

Rainder Steenblock vor dem Wrack der Pallas.
Rainder Steenblock vor dem Wrack der Pallas.

Politiker machten bei dem Schiffsunglück eine schlechte Figur. Der damalige Umweltminister Rainder Steenblock war mit dem Krisenmanagement überfordert.

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28. Oktober 2008, 07:45 Uhr

Ein Holzfrachter treibt brennend im Sturm auf der Nordsee, Bergungsversuche scheitern bei meterhohen Wellen, das Schiff strandet vor der Urlaubsinsel Amrum, 16.000 Vögel verenden an ausgetretenem Öl - die Havarie der "Pallas" war vor zehn Jahren ein Mega-Event im Norden. Das Unglück erhitzte im Herbst 1998 die Gemüter der Nordfriesen, entfachte eine Debatte über Schiffssicherheit, beschäftigte ein Jahr lang einen Untersuchungsausschuss in Kiel und setzte die rot-grüne Regierung von Heide Simonis unter Druck.
Im Brennpunkt stand Grünen-Umweltminister Rainder Steenblock, dem viele Versagen vorwarfen. Fachliche Fehler lastet sich der heutige Bundestagsabgeordnete auch im Rückblick nicht an. "Natürlich wäre es schön gewesen, wenn es anders gelaufen wäre, wenn der Schlepper "Oceanic" die "Pallas" hätten halten können, die Taue nicht gerissen wären und das Schiff beim Freischleppen nicht gebrochen wäre - aber das waren im Grunde alles technische Dinge." Als Krisenmanager gab Steenblock aber in der Öffentlichkeit keine gute Figur ab, und dass Fernsehbilder mit einem entschlossenen Minister in Ölzeug auf tosender See fehlten, machte die Sache für ihn besonders schlimm.
Schlechte Abstimmung
Die Havarie offenbarte Probleme bei der Zuständigkeit: Wenn auf dem Meer etwas passiert, sind viele im Spiel - von Wasserschutzpolizei und Marine über Bundesgrenzschutz, Feuerwehr, Fischereiaufsicht und Zoll bis zu privaten Rettungsdiensten. Auch die Abstimmung mit den Dänen, vor deren Küste das Unglück begann, klappte nicht. Stundenlang blieben wichtige Informationen beim "Zentralen Meldekopf" in Cuxhaven liegen, nachdem die "Pallas" am 25. Oktober 1998 in Brand geraten war und nach der Bergung der Besatzung führungslos im Sturm umhertrieb. Alle Versuche, sie unter Kontrolle zu bekommen, scheiterten.
Am 29. Oktober strandete der Frachter vor Amrum, wo schnell ein medial wirksames Katastrophenszenario aufkam. Eine Umweltkatastrophe gab es indes nicht. Gleichwohl blieb die bange Frage, was ein Tankerunglück mit zigtausend Tonnen Öl im Meer bedeutet hätte, wenn nur 100 Tonnen aus der "Pallas" zum Tod von 16.000 Vögeln führten. "Was mich damals schon gewundert hat war, wieso das Schiff dann plötzlich in deutschen Gewässern war. Die Dänen hatten es ja schon am Haken", erinnert sich der heutige Bundestagsabgeordnete Steenblock. Was dann alles nicht klappte, lastet er sich nicht an.
Auch heute keine einheitliche Küstenwache
Als Konsequenz aus den Fehlern bei der "Pallas" wurden Strukturen gestrafft, aber die aus Kiel geforderte einheitliche Küstenwache blieb Vision. Noch vor einem halben Jahr trat Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) vehement dafür ein. Alle Regelwerke zur Koordination könnten eine Zersplitterung der Zuständigkeiten auf im Extremfall mehr als 30 Institutionen nicht aufwiegen, argumentierte er. Konsequenzen hatte das nicht mehr.
Umweltminister Christian von Boetticher (CDU) meint dennoch, dass Bund und Länder heute wesentlich besser für solche Unglücke gerüstet sind. Eine einheitliche Küstenwache mit weitreichenden Kompetenzen hält auch er weiter für erstrebenswert, aber wegen Widerstandes von Niedersachsen derzeit nicht für realistisch. "Da sind die Beharrungskräfte und das Hüten der jeweiligen Hinterhöfe immer noch so stark, dass es keinen entscheidenden Durchbruch gegeben hat", meint Vorgänger Steenblock.
Der "Pallas"-Ausschuss des Landtages konnte die Unglücksursachen nicht eindeutig klären. Letztlich bestimmte die Lagerzugehörigkeit die Bewertung: Rot/Grün, damals am Ruder, sprach die Regierung von schweren Fehlern frei. CDU/FDP, in der Opposition vereint, warfen Simonis und Steenblock Versagen wegen unentschlossenen Handelns vor. Wie Norddeutschland heute für eine wirkliche Schiffskatastrophe gewappnet ist, kann letztlich nur die Praxis zeigen. Den Beweis, besser gerüstet zu sein als bei der "Pallas", mag im Norden niemand führen - weder an den Küsten noch in den Landesregierungen.

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