"Pallas" : Ein "totes Schiff" strandet im Kompetenz-Wirrwarr

Das Wrack der 'Pallas' völlig ausgebrannt.
Das Wrack der "Pallas" völlig ausgebrannt.

Ein Schiffsbrand auf der Pallas. Doch keiner fühlt sich zuständig. Deutsche und dänische Behörden lassen wertvolle Zeit verstreichen.

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28. Oktober 2008, 07:45 Uhr

Der Herbststurm peitscht seit Stunden die Wellen hoch. Das ist nicht ungewöhnlich in der Deutschen Bucht - und kein Problem für den 147 Meter langen Frachter, der sich westlich des dänischen Hafens Esbjerg den Weg durch die Nordsee bahnt. Doch als der Kapitän an jenem Oktobertag gegen 15.30 Uhr aus den Ladeluken 4a und 5 seines mit Holz beladenen Schiffes Rauch aufsteigen sieht, beginnt ein Drama, das bis heute Spuren an der deutschen Küste hinterlassen hat. Denn seit der Strandung der "Pallas" am 29. Oktober 1998 vor Amrum ist der Schiffsname Symbol der Forderung nach einem besseren Schutz der Küste vor Katastrophen.
Ein nicht ganz außergewöhnliches Unglück auf hoher See, Ignoranz und Inkompetenz an Land, dazwischen immer wieder Momente des Heldentums und Pleiten, Pech und Pannen. Das sind die Kapitel einer Geschichte, die am 25. Oktober 1998 kurz vor Mitternacht mit dem Notruf des "Pallas"-Kapitäns beginnt.
Zuständige Beamten lehnen sich zurück
"Mayday, mayday...", der Funkspruch auf UKW-Kanal 16 lässt binnen Minuten eine Rettungsaktion dänischer und deutscher Hubschrauberbesatzungen anlaufen, die zunächst lehrbuchartig ist. Bei Sturm und stockfinsterer Nacht bergen die Retter in kürzester Zeit die "Pallas"-Besatzung, die kurz nach dem Notruf in die tobende See gesprungen ist. Der Schiffskoch erlitt einen tödlichen Herzinfarkt.
Dann geschieht Unglaubliches: Von den dänischen Kollegen nur unzureichend über die Situation des Havaristen informiert und im festen Glauben, nicht zuständig zu sein, lehnen sich die Beamten im damals zuständigen Zentralen Meldekopf in Cuxhaven entspannt zurück. Telefonisch hält die Seenotleitstelle MRCC Bremen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger den Beamten den Ernst der Lage vor. Lapidare Antwort: "Ja, aber die Dänen werden das nun auch richten."
Wertvolle Zeit vergeht
Diese Fehleinschätzung, so erkennt später das Seeamt bei der Ursachenforschung, ist fatal. Denn nun treibt ein "totes Schiff", wie Seeleute antriebs- und steuerlose Frachter nennen, brennend durch die Deutsche Bucht - und mitten hinein in ein Wirrwarr von Kompetenzen.
Fast sechs wertvolle Stunden vergehen, bis der Wachhabende in der Revierzentrale Cuxhaven beim morgendlichen Dienstbeginn den Ernst der Lage erkennt. Wenn der Frachter "so weiter macht, ist er um eins zum Mittagessen auf Sylt", warnt ihn MRCC Bremen per Telefon. Nun endlich beginnt der Behördenapparat zu arbeiten. Statt des Hochseebergungsschleppers "Oceanic" beordert die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung ihr neues Mehrzweckschiff "Neuwerk" zum Havaristen. Kein schweres Schleppgeschirr, sondern nur ein Kunststoff-Tau kann an der "Pallas" befestigt werden. Doch die Schleppleine der "Neuwerk" bricht und wickelt sich in den Propeller des 45 Millionen Euro teuren Neubaus.
Mutige Rettungsversuche
Das ebenfalls der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung angehörende Seeamt kommt später zu der Überzeugung, der verspätete Einsatz der "Oceanic" sei "nicht ursächlich" für das Unheil gewesen. Dennoch verspotten Experten das Mehrzweckschiff bis heute als "Eierlegende Wollmilchsau", die alles halb, aber nichts richtig könne.
Aber es gibt auch andere Situationen. Wie vor dem ersten Schleppversuch schlägt auch am zweiten und dritten Tag des Dramas die Stunde der Mutigen. Obwohl unter Deck der "Pallas" eine bis zu 1000 Grad Celsius heiße Feuerhölle tobt und obwohl das Schiff unkontrolliert in bis zu acht Meter hohen Wellen rollt und stampft, lassen sich zum zweiten Mal Seeleute auf dem brennenden Wrack absetzen und befestigen dort eine neue Schleppleine.
Schleppseil reißt
Der zweite Schleppversuch, diesmal mit dem älteren Behördenschiff "Mellum", funktioniert trotz stürmischer See und haushoher Wellen. Doch nach 16,5 Stunden ist Schluss - der "Draht" bricht erneut. Noch einmal gehen Seeleute mit dem Mut der Verzweiflung an Bord; noch eine Schleppverbindung reißt.
Auch der mühsam von Hand gelöste Notanker hält nicht. Unaufhaltsam treibt die "Pallas" auf Amrum zu. Am vierten Tag, am Morgen des 29. Oktober 1998, ist die Irrfahrt endgültig vorbei - der brennende Frachter ist auf den Sänden vor der nordfriesischen Insel gestrandet. Öl läuft aus, Seevögel sterben. Eine Diskussion um die Sicherheit in der Deutschen Bucht beginnt, die auch heute zehn Jahre nach der Irrfahrt durch die Instanzen nicht beendet ist.

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