Amrum : Die Angst ist geblieben

Verschmutztes Watt: Helfer sammeln das Öl nach der Katastrophe. Foto: shz
Verschmutztes Watt: Helfer sammeln das Öl nach der Katastrophe. Foto: shz

Auf ganz Amrum stank es nach verbranntem Holz und Farbe, als die "Pallas" verunglückte. Für die meisten ein Alptraum. Es gab aber auch Insulaner, die Profit aus der Katastrophe schlugen.

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28. Oktober 2008, 07:46 Uhr

In der Nacht zum 29. Oktober 1998 schien der größte Alptraum der Bewohner der Nordsee-Insel Amrum schreckliche Realität zu werden. Hilflos mussten sie ansehen, wie der brennende Frachter "Pallas" vor dem kilometerlangen Sandstrand auf Grund lief. "Auf der ganzen Insel stank es nach brennendem Holz und verbrannter Farbe", erinnert sich Amtsvorsteher Jürgen Jungclaus.
Die Insel war in heller Aufregung. Auslaufendes Schweröl bedrohte den einzigartigen Sandstrand. Umweltschützer riefen Großalarm aus. Dutzende Journalisten und Kamerateams belagerten tagelang die Insel und lieferten in die ganze Republik dramatische Bilder von toten, ölverschmierten Seevögel. Die große Katastrophe schien gekommen.
Die Angst bleibt
"Da hatten wir das, wovor wir uns am meisten fürchten", sagt Jungclaus, der vom Leuchtturm aus beobachtete, wie das Unheil seinen Lauf nahm. Seit jeher ist es die größte Sorge der Amrumer, dass ihr Sandstrand am Übergang zwischen Wattenmeer und hoher See durch die Havarie eines Schiffes mit gefährlicher Ladung zur Sondermülldeponie wird.
Dabei war es nicht ungewöhnlich, dass Schiffe bei schwerer See auf den zahlreichen Sandbänken vor Amrum stranden. Einst lebten die Amrumer sogar von diesen Unglücken. Sie bargen das angeschwemmte Strandgut. "Der Unterschied war, dass die Schiffe früher kein Öl und keine Chemie an Bord hatten", sagt Jungclaus. Heute leben die 2300 Inselbewohner fast ausschließlich vom Tourismus. "Die Bilder, die damals vom Amrum gezeigt wurden, waren für uns eine Katastrophe. Das Signal lautete: Amrum ist völlig verschmutzt." Im ersten Sommer nach dem Unglück kamen laut Jungclaus deshalb deutlich weniger Gäste.
Dabei waren die Folgen für die Umwelt vergleichsweise gering. Ein "Kataströphchen" nennt es der Amrumer Buchhändler und Naturschützer Jens Quedens: "Die Medien haben mit aufgeregten Berichten das Thema hochgespielt. Nahaufnahmen von toten Vögeln vermittelten den falschen Eindruck von einer Ölpest." Letztlich verendeten 16.000 Seevögel. "Das ist nicht viel. In Dänemark werden jedes Jahr allein 60.000 Eiderenten geschossen", sagt Quedens. Die ausgelaufenen 100 Tonnen Öl seien nicht mehr als ein Tropfen in der Nordsee gewesen. "Unsere Feuerwehr mit ihren 100 Leuten hatte die Ölspuren am Strand an zwei Wochenenden weggeräumt."
Geschäfte mit dem Unglück
Kleinverleger Quedens hatte damals viel Unmut auf sich gezogen, als er zwei Postkarten der brennenden "Pallas" herausbrachte. Geschäftemacherei mit der Katastrophe wurde ihm vorgeworfen. "Wir wollten nicht, dass Amrum ständig mit dem Unglück in Verbindung gebracht wird", sagt Amtsvorsteher Jungclaus. Einige Restexemplare der Karten stehen noch in Quedens" Ansichtskartenständern neben den vielen Motiven der nordfriesischer Idylle. "Ich habe nichts Verbotenes gemacht", verteidigt sich Quedens. Geschäfte mit dem Unglück hätten andere auch gemacht. So hätten Hotels und Restaurants dank der vielen Journalisten eine Sonderkonjunktur erlebt.
Die eigentliche Katastrophe hat sich nach Ansicht der Amrumer hinter den Kulissen abgespielt. "Es war ein unglaubliches Kompetenz- Wirrwarr", sagt Jungclaus. Mehrere Bundesbehörden, Landesämter und regionale Stellen hätten gemacht, was sie wollten. "So verging wertvolle Zeit und wir hatten am Ende den Frachter vor der Insel." Unermüdlich kämpft Jungclaus seitdem zusammen mit seinen Amtskollegen von den übrigen nordfriesischen Inseln und Halligen für mehr Sicherheit im Schiffsverkehr. "Unsere zentrale Forderung nach einer einheitlichen deutschen Küstenwache ist aber immer noch nicht erfüllt."
Das Wrack der "Pallas" ist vom sauberen Strand bei gutem Wetter und Niedrigwasser weiterhin draußen auf der Nordsee zu sehen. Ohne Aufbauten sieht es aus wie ein auftauchender Wal. Es ist wie eine Mahnung vor ständiger Bedrohung. "Jederzeit kann ein Schiffsunglück größeren Ausmaßes eintreten", sagt Jungclaus. "Wir sind heute leider nicht besser darauf vorbereitet als vor zehn Jahren."

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