Offshore-Windparks : Wird die Natur übertölpelt?

Basstölpel: Zu behäbig für Windparks. Foto: dpa
Basstölpel: Zu behäbig für Windparks. Foto: dpa

Einige Fischarten könnten von den Offshore-Windparks profitieren. Für Seevögel, Schweinswale und Seehunde aber könnte es eng werden.

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21. Juli 2010, 08:31 Uhr

Kiel/Büsum/Neumünster | Tölpel haben es gemeinhin schwer. Überall ecken sie an, stolpern oder stürzen. Wenn ungünstige Windverhältnisse herrschen, können sie sich bei der Landung ihres gut drei Kilo schweren Körpers schon mal ein Bein oder einen Flügel brechen. Oder sie sitzen bei Windstille und hohem Wellengang auf dem Meer fest, weil sie ihren etwas plump wirkenden Körper nicht mit genügend Anlauf in die Höhe wuchten können.
Tölpel - genauer gesagt: Basstölpel - haben also ohnehin kein leichtes Leben. Und es scheint in Zukunft noch schwerer zu werden: Die auf Helgoland brütenden Seevögel, die ihren Namen aufgrund ihres unbeholfenen Ganges erhalten haben, gehören zu den Verlieren auf der Nordsee. Werden die bisher genehmigten Windparks realisiert, könnte es eng werden für die Seevögel. Zu eng. Denn im Gegensatz zu wendigeren Seevögeln wie etwa Möwen meiden die behäbigeren Basstölpel die Windparks wohlweislich und umfliegen sie meist großräumig. Eine Kollision mit den Rotorblättern ist dadurch zwar ausgeschlossen. Doch dafür müssen die schweren Tiere Umwege in Kauf nehmen, die zusätzlich Kraft kosten. Und dieser energetische Nachteil wiegt weitaus schwerer als die Gefahr einer Kollision mit den Windrädern, schätzen Ornithologen.
Auch Stern- und Prachttaucher betroffen
Zwar würden die Tiere dann nicht gleich verenden wie bei einer Kollision, durch die zunehmenden Nutzungen auf dem Meer könnten sie aber geschwächt und vertrieben werden, so Stefan Garthe vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste in Büsum. Ein Problem, das auch die Stern- und Prachttaucher trifft. Denn diese beiden Arten, so haben es Flug- und Schiffszählungen ergeben, sind gerade auf den Flächen vor Sylt und Amrum besonders zahlreich, die bereits für Windparks genehmigt sind. Da sie zudem vor stark befahrenen Schifffahrtsstraßen zurückweichen, könnte es für die Seetaucher in ein paar Jahren tatsächlich kritisch werden. "Wenn zu viele Flächen als Lebensraum verloren gehen, ist das irgendwann nicht mehr zu kompensieren", meint Garthe. Auch Ingo Ludwichowski vom Naturschutzbund (Nabu) Schleswig-Holstein warnt: "Das ist ein großes Experiment mit ungewissem Ausgang."
Was bei den Ornithologen große Sorgenfalten hervorruft, lässt die Fischerei biologen hoffnungsvoll in die Windparks schauen. Denn unter Wasser könnten die Windräder für Leben sorgen. Wie einige Beispiel aus dem Ausland zeigen, bilden sich an den Fundamenten der Anlagen teilweise künstliche Riffe. Miesmuscheln, Algen und Schnecken siedeln sich an den Pfeilern an und locken ihrerseits Fische in die Windparks. Wie dieses kleine Unterwasserparadies dann aussehen könnte und ob es überhaupt dazu kommen wird, ist allerdings noch unklar. Matthias Kloppmann vom Thünen-Institut für Seefischerei wagt eine Prognose: Man könne erwarten, dass sich in den Windparks vermehrt Fischarten ansiedeln, die keinen sandigen, sondern harten, steinigen Boden brauchen. "Ein Beispiel hierfür wären die Lippfische, kleine bis mittel großer Tiere, die wiederum Nahrungsgrundlage für größere Raubfische wie den Kabeljau sein können", meint Kloppmann. Solche Nachrichten dürften das Herz von Naturschützern höher schlagen lassen: Ist der Kabeljau in der Nordsee doch besonders stark von Überfischung betroffen. Aber Kloppmann warnt: "Bisher ist das alles noch recht spekulativ."
Schutzgebiet für Fische
Fest steht jedoch: Sollte die Fläche zwischen den Windkraftanlagen nicht für die Zucht von Muscheln oder Algen genutzt werden, könnten die Parks zu einer Art Schutzgebiet für Fische werden. "Das wäre natürlich ein sehr wünschenswerter Effekt" meint Ingo Ludwichowski. "Man muss sich den Meeresboden ja nur mal anschauen. Wie der aussieht! Wie ein Acker!", schimpft der Nabu-Sprecher über die Folgen der Grundschleppnetz-Fischerei, die mit schweren Geschirren den Meeresboden pflügt.
Den Windparks steht der Naturschutzbund dabei aber ähnlich kritisch gegenüber wie der Fischerei. Schließlich wird ein einzelner Pfeiler für die Offshore-Anlagen mit bis zu 15.000 Schlägen in den Boden gerammt - eine Lärmbelästigung, die den empfindlichen, von ihrem Gehör abhängigen Schweinswalen zu schaffen macht. Bei der Errichtung des ersten Testfeldes vor Borkum etwa, haben die Tiere das Gebiet im Umkreis von 20 Kilometern gemieden. Gerade bei den Windparks vor der nordfriesischen Küste könnte das zum Problem werden. Denn wie die Seetaucher sind auch die Schweinswale hier besonders stark vertreten. Wird wie geplant gebaut, könnte sich spätestens 2030 die Frage stellen: Windparks oder Schweinswale? Inwieweit die Schweinswale dann in andere Gebiete ausweichen können, ist unklar. Schließlich sorgen Schifffahrt, militärische Übungen und Sprengungen sowie der Sonareinsatz des Militärs für zusätzliche Belastung.
Ingo Ludwichowski begleitet das Treiben auf dem Meer daher mit Skepsis. Durch den Raumordnungsplan sei zwar der Wildwuchs auf der Nordsee vorläufig gestoppt. Inwieweit die Belange des Naturschutzes in Zukunft berücksichtigt werden, müsse sich aber noch zeigen. Denn sollte die Offshore-Branche nach ihren Startschwierigkeiten in Deutschland irgendwann tatsächlich boomen, ist fraglich, ob auf ein paar arme Tölpel Rücksicht genommen wird.
Mit diesem Teil endet unsere Nordsee-Serie.

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