Neustadt : Raus aus dem Auto, rein ins Wassertaxi

Kapitän Wilfried Krawietz macht die Leinen los.
Kapitän Wilfried Krawietz macht die Leinen los.

"Taxi, einmal auf die Ostsee bitte!" In Neustadt in Holstein gibt es ein Wassertaxi - ganz nach venezianischem Vorbild. Leider fehlen der Stadt die Wasserstraßen.

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28. August 2009, 06:58 Uhr

Neustadt | Neustadt hat ein "Watavo". Was das bitte ist? Man muss es ungefähr so übersetzen wie das berühmte "Fliewatüüt" aus dem Kinderbuch des Sylter Autors Boy Lornsen.

"Watavo" heißt Wasser-Taxi-Voss, ganz einfach. Jens Voss (39) ist der Chef, also der Wassertaxi-Reeder, und Wilfried Krawietz (55) Kapitän des kleines Bootes. "Was in Bangkok und Venedig üblich ist, muss auch an der Ostsee funktionieren", meint Voss.
Bummeln zwischen alten Häusern

Neustadt mit einem Wassertaxi auszustatten, scheint eine gute Idee. In der "kleinen, lebhaften Hafenstadt" (Eigenwerbung) lässt sich zwischen den alten Häusern zwar ganz "herrlich bummeln", aber eine Innenstadt voller Einbahnstraßen sorgt bei Autofahrern, zumal bei solchen aus der Fremde, schnell für Herzrasen.

Also, raus aus dem Auto und rein ins Wassertaxi. Ist auch günstiger, denn die Fahrt kostet nichts. "Wir finanzieren das Wassertaxi gemeinsam mit der Ancora Marina", erklärt Kai-Anne Christensen (41), Leiterin beim Tourismus Service.
Ein "Wabuvo"?

Die Ancora Marina ist der größte Yachthafen auf der nördlichen Erdhalbkugel. Vom Stadthafen fährt das Wassertaxi drei Mal täglich außer mittwochs dorthin. Um 13, 15 und 17 Uhr. Aber ist ein Wassertaxi mit Fahrplan nicht eher ein "Wabuvo", ein Wasser-Bus? Kapitän Wilfried Krawietz runzelt kurz die Stirn. "Na, wir legen auf Wunsch auch mal beim Seglerverein an." Außerdem gebe es zahlreiche Sondertouren: Piratenfahrten für Kinder, Mondscheinfahrten für Verliebte, die Hafenrundfahrt und sogar Lesungen auf offener See. Dann bittet er an Bord. Die Fahrgäste sitzen am Heck auf einer Bank, maximal zwölf Personen können auf dem 7,90 Meter langen Schiff mitfahren. So gemütlich beieinander kommt man schnell ins Klönen. Marianne (50) und Klaus Lorenz (52) aus Bonn erzählen, dass sie seit 20 Jahren Urlaub an der Ostsee machen. "Die Landschaft im Süden ist lieblich, hier im Norden ist es herber, das ist ein schöner Kontrast", meint Marianne Lorenz.

"Achtung, jetzt wird es schaukelig", warnt der Kapitän. Er steuert ein Stück auf die Ostsee. Der Wind kommt mit Stärke Fünf aus Südwest, das Taxi schlingert von Steuerbord nach Backbord und zurück. Die Bonn-Urlauber strecken dazu die Nasen in den Wind.
Über eine alte Siedlung hinweg

"Jetzt fahren wir gerade über eine 6000 Jahre alte Siedlung", informiert der Kapitän. Es ist eine Zeitkapsel, die in fünf Metern Tiefe unter dem Boot liegt, konserviert vom Salzwasser. Kistenweise haben Forscher schon steinzeitliche Fundstücke nach oben geholt: Harpunen aus Geweihspitzen, alte Paddel und eine Axt aus dem schwarzgrün glänzendem Gestein Amphibolit, das es nur an der Mittelelbe und an der Donau gibt. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass die frühen Bewohner dieser Küste in ihren Booten aus Baumstämmen weite Strecken reisten, um das Gestein einzutauschen.

Die Fahrt mit dem Wassertaxi dauert nur 15 Minuten. Dann ist die Ancora Marina erreicht. 1600 Schiffe liegen dort, etliche davon sind endlos lange Luxusyachten. "Als hätte es die Wirtschaftskrise nie gegeben", sagt Marianne Lorenz mit einem Augenzwinkern. Das kann Urlaub natürlich auch sein - sehr beruhigend.

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