Interview : "Nie wieder Flipper"

Oscar-Preisträger 2010: Richard OBarry wurde für seine Doku 'Die Bucht' geehrt.
Oscar-Preisträger 2010: Richard OBarry wurde für seine Doku "Die Bucht" geehrt.

Einst brachte Richard OBarry den Delfinen für die TV-Serie "Flipper" alle Tricks bei. Heute setzt sich der Amerikaner für den Schutz von Meeressäugern ein.

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13. August 2010, 06:22 Uhr

Einst war er der berühmteste Delfin-Trainer der Welt. Richard OBarry brachte in den 60er Jahren den Delfinen für die TV-Serie "Flipper" alle Tricks bei. Jetzt schrieb der US-Amerikaner wieder Filmgeschichte. Sein erschütternder Film "Die Bucht" erhielt in diesem Jahr den "Oscar" für den besten Dokumentarstreifen. Seit einer seiner "Flipper"-Delfine in seinen Armen starb, weil das Meeressäugetier die Gefangenschaft nicht länger ertragen konnte, wandelte sich OBarry zum kompromisslosen Delfinschützer. Stephan Richter und Joachim Reppmann sprachen exklusiv mit ihm über die Schweinswale in Nord- und Ostsee.
Richard O’Barry, die Sommer- und Ferienzeit ist da. Was sagen Sie Ihrem fünfjährigen Sohn, wenn er unbedingt mit Ihnen ein Delfinarium besuchen will?
Ich habe meine Kinder so erzogen, dass sie nicht ins Delfinarium wollen. Sie wissen, dass die Tiere leiden. Delfine und Wale legen in Freiheit täglich viele Seemeilen zurück. Sie in kleinen, künstlichen Becken und Käfigen zu halten, ist Quälerei. Ich habe einige Zeit gebraucht, um dies zu begreifen. Aber glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Ich musste es lernen. Begaffen wir nicht die Schöpfung, sondern freuen wir uns an ihr in Freiheit.
Im Norden Deutschlands geht das noch. Dort pflanzen sich in Nord- und Ostsee die Schweinswale fort. Die Meeressäuger sind mit den Delfinen verwandt. Haben Sie schon von ihnen gehört?
(lacht) Ja, klar. Die Welt ist nämlich klein. Meine Frau ist Dänin, deshalb kenne ich die Schweinswale in der Ostsee sehr gut. In Dänemark habe ich eine Forschungseinrichtung besucht, die Netze entwickeln will, damit sich die Schweinswale darin nicht mehr verfangen und jämmerlich sterben.
Und, glauben Sie, dass das Projekt Erfolg haben wird?
Ich hoffe es, aber es bleiben Zweifel. Manche Einrichtung dieser Art läuft unter dem Etikett Forschung. Doch in Wahrheit geht es nur um eine Touristenattraktion. Die Forschung dient als Deckmäntelchen. In Japan gibt es 55 Delfinarien, mehr als in ganz Europa zusammen. Fast alle dieser Delfinarien nennen sich Forschungsstationen. Es ist eine jämmerliche Lüge.
Auch für die Schweinswale in Nord- und Ostsee wird das Überleben immer schwieriger. Ist dieser traurige Weg angesichts der intensiven Befischung der Meere, der ansteigenden Lärmbelastung und neuerdings auch der zunehmenden Offshore-Windparks noch zu stoppen?
Die Schweinswale in Nord- und Ostsee sind mir noch zu unbekannt, um auf diese Frage antworten zu können. Man muss sich in die Tiere hineinversetzen; sie sind hoch intelligent und haben eine Seele. Ich komme gern nach Schleswig-Holstein, um Näheres über die Schweinswale zu erfahren. Den Menschen im Norden Deutschlands kann ich nur zurufen: Ihr habt dort einen großen Schatz in Euren Meeren, passt sorgsam auf ihn auf.
Sie gelten als kompromissloser Delfinschützer. Was empfehlen Sie mit Blick auf den Erhalt der Schweinswal-Populationen in Nord- und Ostsee?
Ich wünsche den Menschen an ihren Küsten, dass sie noch mehr dafür kämpfen, damit diese kleine Zahnwal-Art nicht ausstirbt. Das Wattenmeer an der Nordseeküste, so lese ich, ist bereits zum Nationalpark erklärt worden. Dazu gratuliere ich dem Land. Doch bleibt nicht stehen. Macht dasselbe mit der Ostseeküste, wo die Population der Schweinswale besonders gefährdet ist.
Segler auf der Nord- und Ostsee erleben es öfter einmal, dass sie von Schweinswalen begrüßt werden und diese sich nah an die Segelboote heranwagen. Wie sollen sie sich verhalten?
Schweinswale oder Delfine sind keine Haustiere. Wir neigen dazu, Tiere zu vermenschlichen. Das ist falsch. Wir müssen Respekt vor diesen Geschöpfen haben und Abstand wahren. Aber natürlich dürfen und sollen wir uns an ihnen erfreuen. Beobachten wir sie und seien wir dankbar, dass sie noch einen Lebensraum haben, in dem sie sich frei bewegen können. Und bitte: Niemals die Tiere füttern.

Einst haben Sie den berühmten TV-Delfin "Flipper" trainiert. Woher der Sinneswandel?
Zehn Jahre lang habe ich Flipper trainiert. Dann hat Flipper Selbstmord begangen. Dieses Ereignis werde ich nie vergessen. Ich wurde eines Tages in das Delfinarium in Florida gerufen, weil es Flipper sehr schlecht ging. Ich fuhr sofort hin, sprang ins Becken. Da legte sich das Tier in meine Arme und verstarb langsam. Es hatte nichts mehr gegessen, es wollte nicht mehr leben. Es hatte sich für unsere Show geopfert. Das war vor 40 Jahren – und seitdem weiß ich, welche Verantwortung ich und wir alle für diese Geschöpfe haben. Nie wieder Flipper. Die Tiere sind nicht erschaffen worden, um uns mit Tricks, die wir ihnen beibringen, zu unterhalten.
Ihr schönstes Erlebnis mit den Delfinen?
Viele Delfine – vor allem in Südamerika und in Japan – konnte ich in heimlichen Einsätzen aus Delfinarien und vor dem blutigen Abschlachten in Japan befreien und ihnen die Freiheit zurückgeben. Das war jedes Mal ein Glücksgefühl – zu wissen, dass die Tiere nicht mehr Qualen erleiden müssen. Freuen Sie sich in Schleswig-Holstein, dass Sie dort den Schweinswalen ein Leben in Freiheit ermöglichen können. Und seien Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst.

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